Meine Vorfahren erheben sich

von Panashe Chigumadzi

Das Paradies der anderen (Ausgabe IV/2019)


Gebeine klappern.

Ich habe nichts zu sagen.

Gebeine klappern.

Es ist Juni 2019. Man hat uns nach Weimar, Deutschland, eingeladen, zum zweiten internationalen Kultursymposium des Goethe-Instituts. Bei jeder Gelegenheit erinnern unsere Gastgeber daran, dass mehr als fünfhundert Teilnehmer aus der ganzen Welt erschienen sind. Tatsächlich sind viele „Verdammte dieser Erde“ hier vertreten. Wir sind Kenia, Bangladesch, Simbabwe, Indien, China und viele mehr. Wir sollen uns hier über „die großen Umbrüche unserer Epoche“ austauschen. Eine der vielen Einladungen, die ich in den letzten Jahren erhalten habe, seit der Nationalismus im Westen erstarkt ist und für politische Unruhe sorgt, den Brexit, die Präsidentschaft von Trump möglich machte und die liberale Demokratie in ihren Grundfesten erschüttert.

Gebeine klappern.

Die alten Kolonialmächte liegen darnieder – materiell, spirituell und philosophisch. Verzweifelt ringen sie die Hände. Sie sind überrascht. Wie konnte es so weit kommen?

Gebeine klappern.

Sie erwarten Antworten von uns. Ich habe nichts zu sagen. In den Augen meiner fremden Gefährten, die hier versammelt worden sind, um sich der Probleme der alten Kolonialmächte anzunehmen, sehe ich, dass es ihnen genauso geht. Wir, die „Verdammten dieser Erde“, sind nicht wirklich hier, weil wir den alten Kolonialmächten etwas mitzuteilen hätten – denn wir wissen um ihre Unfähigkeit, die Gebeine klappern zu hören –, sondern um nebenbei unsere eigene pan­afrikanische Konferenz abzuhalten. Das Symposium ist fast zu Ende. Ich werde gebeten, über die Zukunft jenseits „unserer schwierigen Zeiten“ zu reden.

Gebeine klappern.

Ich habe nichts zu sagen. Ich kann nur auf die Vergangenheit verweisen und ihr Fortdauern in der Gegenwart. Denn was haben wir Anderen, die wir in der Geschichte zu Untermenschen „verdinglicht“ wurden, schon zu Menschenrechten zu sagen? Nichts, wenn wir nicht bereit sind, die westlich zentrierte Moderne hinter uns zu lassen und 500 Jahre oder mehr zurückzugehen. Jene Moderne, die die Welt in Gegensätzen strukturiert: Subjekt – Objekt; Mensch – Tier; rational – irrational; frei – versklavt; den Normen entsprechend – Andere. Ich will versuchen es konkreter zu machen. Was lässt sich schon über einen orangefarbenen Typen sagen, der nach Muschis grabscht, Afroamerikaner hasst und wiederholt versucht hat, Muslimen die Einreise zu verbieten? Nicht viel. Wir sind nicht überrascht, weil wir schon lange die Bürde dessen tragen, was Cornel West die „dunkle Seite der Moderne“ nennt. Wir kennen die unbequeme Wahrheit, dass der „Fortschritt“ der „modernen Welt“ sich auf institutionellen Rassismus stützt: Genozide, Sklaverei, Kolonialismus, Apartheid und Neokolonialismus.

Gebeine klappern.

Ich habe nichts zu sagen. Nichts, was nicht schon gesagt wurde. Lasst meine Vorfahren sprechen:
Aimé Césaire. 1950. „Über den Kolonialismus“. „Europa ist sittlich und geistig unhaltbar (…) Man müsste zunächst einmal untersuchen, wie die Kolonisation darauf hinarbeitet, den Kolonisator zu entzivilisieren, ihn im wahrsten Sinne des Wortes zu verrohen, ihn zu entwürdigen, verschüttete Instinkte – Begehrlichkeit, Gewalttätigkeit, Rassenhass, moralischen Relativismus – in ihm zu wecken. In die Adern Europas ist Gift eingesickert und langsam, aber sicher schreitet die Verwilderung des Kontinents voran.“

Frantz Fanon. 1960. „Die Verdammten dieser Erde“. „Vor 200 Jahren hatte sich eine ehemalige europäische Kolonie in den Kopf gesetzt, Europa einzuholen. Es ist ihr so gut gelungen, dass die Vereinigten Staaten ein Monstrum geworden sind, bei dem die Geburtsfehler, die Krankheiten und die Unmenschlichkeit Europas grauenhafte Dimensionen angenommen haben.“

Gebeine klappern.

Wir haben 2019. Warum diese Vorfahren ausgraben und sie gerade jetzt sprechen lassen? Um uns daran zu erinnern, dass die Knochen im Besitz der alten Kolonialmächte klappern, klappern und klappern, während sich die Geschichte wiederholt, weil die alten Kolonialmächte sich weigern, ihnen zuzuhören.

Gebeine klappern.

Ich habe nichts zu sagen. Mein Mund ist vollgestopft mit den Knochen meiner Vorfahren. Lasst sie an meiner statt sprechen. 1904. Deutsch-Südwestafrika (1884-1905). Ein deutscher Kommandeur erlässt einen „Vernichtungsbefehl“ gegen die Herero, die sich aus Furcht um ihr Land und aus Existenzangst gegen die Kolonialherren erhoben hatten. Die Deutschen vertreiben die Herero in die Trockensavanne, vergiften Brunnen und sperren Tausende in Konzentrationslager. Dann wenden sie die gleiche Taktik bei den Nama an. Mit über 65.000 Ermordeten werden die Herero auf einen Bruchteil dezimiert.

Gebeine rasseln.

Deutsche Soldaten packen Schädel der getöteten Herero und Nama ein und schicken sie nach Deutschland

Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts hat gerade stattgefunden. Die Welt schweigt. Deutsche Soldaten packen Schädel der getöteten Herero und Nama ein und schicken sie nach Deutschland, wo Wissenschaftler begierig darauf sind, Belege für ihre sozialdarwinistischen Theorien zu finden. Diese werden sie im Zuge der zweiten Massenvernichtung, die sie in diesem Jahrhundert durchführen werden, noch verfeinern.

Gebeine rasseln.

Nach der materiellen, moralischen und spirituellen Krise der westlichen Zivilisation in der Nachkriegszeit definiert Césaire die westliche Geschichte neu, indem er die Wurzeln des Faschismus fest in Kolonialismus und Sklaverei verankert. Für westliche Humanisten, schreibt Césaire, war der wahre Schock, dass Hitler „kolonialistische Methoden auf Europa angewendet hat, denen bislang nur die Araber Algeriens, die Kulis Indiens und die N**** Afrikas ausgesetzt waren“.

Gebeine klappern.

August 2018. Zum dritten Mal in diesem Jahrhundert gibt Deutschland Gebeine an Namibia zurück. Müssen wir uns wundern, dass es länger als ein Jahrhundert dauerte, bis in Deutschland erste leise Stimmen zu hören waren, die von einem Völkermord in der ehemaligen Kolonie berichteten? Keine offizielle Anerkennung. Keine Entschuldigung. Keine Wiedergutmachung. Nur Entwicklungshilfe, Verschleierungstaktik. Die Herero und die Nama lassen nicht locker. Sie wollen Wiedergutmachung, ein volles Eingeständnis der Schuld. Sie ziehen wegen Menschenrechtsverletzungen vor Gericht. Ihre Vorfahren waren schließlich auch Menschen.

Gebeine klappern.

Wenn zu Beginn des Symposiums diese Knochen auf den Tisch gelegt worden wären, hätten wir vielleicht auch etwas zu sagen gehabt.

Gebeine klappern.

Alle alten Kolonialmächte sind auf Knochen errichtet. Ich erzähle euch von den Gebeinen meiner Heimat. 1898. Rhodesien. Mbuya Nehanda war ein Medium, das die Stimme der Geister weitergeben konnte. Sie wurde von den Briten wegen ihrer Rolle in antikolonialen Aufständen aufgehängt. Ihre berühmten letzten Worte waren: „Meine Knochen werden sich wieder erheben.“ Ihr Kopf wird Königin Victoria als Trophäe der Eroberung überreicht. Die Knochen unserer Vorfahren befinden sich heute im Keller des britischen Nationalarchivs. Wenn wir sprechen, kämpfen wir Nachkommen darum, ihre Gebeine zurückzubekommen.

Gebeine klappern.

Rassismus ist der systematische Zweifel an der Menschlichkeit bestimmter Menschen

Wenn sich der Westen wieder eine Menschheit vorstellen könnte, die nicht abhängig ist von der Entmenschlichung anderer, hätte ich vielleicht mehr zu sagen. Ich würde davon berichten, wie die Sprecher der Bantu-Sprache im südlichen Afrika Menschsein konzeptualisieren – nicht nach Descartes „Ich denke, also bin ich“, sondern durch die Philosophie des Ubuntu, die in folgendem Aphorismus der Zulu-Sprache enthalten ist: „Ubuntu ngumuntu nga bantu“, auf Deutsch: „Eine Person ist eine Person durch andere“. Es ist eine Philosophie der Menschlichkeit, die sich über Zeit und Raum erstreckt: Wir sind Mensch durch unsere Verbindung mit denjenigen, die vor uns da waren, denjenigen, die mit uns hier sind, denjenigen, die nach uns kommen werden. In „African Philosophy Through Ubuntu“ (1999) führt Mogobe Ramose aus: „Mensch sein heißt, sich seiner Menschlichkeit zu versichern, indem man die Menschlichkeit anderer anerkennt und auf dieser Grundlage humane Beziehungen zu ihnen aufbaut.“ Die westliche Philosophie hingegen stellt einem „rationalen“ Subjekt ein „nicht rationales“ Anderes gegenüber, das nach Ansicht von Hegel, Kant, Hume und sogar Nietzsche außerhalb der Geschichte, der Sittengesetze und des Bewusstseins steht. Daraus lässt sich ableiten, dass Rassismus zusammenhängt mit der Debatte über die Qualität und Universalität von Menschlichkeit. Rassisten bezweifeln die Universalität von Menschlichkeit, während sich Antirassisten auf sie berufen. Mit anderen Worten: Rassismus lässt sich am besten als systematischer Zweifel an der Menschlichkeit bestimmter Menschen verstehen. Einerseits lässt das konservative Denken nicht mal die Möglichkeit der Menschlichkeit des Anderen zu, andererseits vertritt der liberale Humanismus die Ansicht, dass der Andere „theoretisch“ den Status eines Menschen erlangen könne, wenn er sich in die europäische Kultur und die „Zivilisation“ einfüge.

Und genau darin besteht das Problem: Viele Nachfahren alter Kolonialmächte sehen in der Sklaverei und dem Kolonialismus immer noch eine „zivilisatorische Mission“, die, wie bisweilen eingeräumt wird, einige unschöne „Exzesse“ hatte. Und so können Deutschland und andere Kolonialmächte, die jetzt den Dämonen ihrer kolonialen und sklavenhaltenden Vergangenheit gegenüberstehen, die Verbrechen der Vergangenheit nur dann uneingeschränkt anerkennen, wenn die Opfer von damals als genauso menschlich angesehen werden wie ihre Nachkommen.

Gebeine klappern.

Die Entmenschlichung ist nicht zufällig passiert, sie ist ein wesentlicher Bestandteil des Aufstiegs und des Machterhalts der abendländischen Kultur. Die Gebeine im Besitz der alten Kolonialmächte zeugen davon, dass die eigene Menschlichkeit darunter leidet, wenn die Menschlichkeit anderer nicht anerkannt wird. Deshalb war für uns, die „Verdammten dieser Erde“, die gegenwärtige Krise keine große Überraschung. Deshalb haben wir nicht viel zu sagen.

Gebeine klappern.

Ich könnte mehr über die Zukunft „unserer Zivilisationen“ sagen, wenn wir bereit wären, den Gebeinen zuzuhören, die sie aufgebaut haben. Wenn wir auf die Gebeine im Besitz der alten Kolonialmächte hören würden, würden sie uns sagen, dass Geschichte wie Wasser ist. Sie ist mitten unter uns, kommt in Wellen zu uns und trägt uns alle in sich. Da wir derzeit politische Turbulenzen erleben und von Wellen massiver historischer Veränderungen erfasst werden, ist es leicht, überfordert zu sein.

Es ist die Aufgeschlossenheit gegenüber einer Geschichte, die wie das Spiel der Wellen ist, immer in Bewegung, immer im Fluss, immer ein Ort für Erkundungen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die uns letztendlich alle befreien wird. Jede Generation kann nur frei sein, wenn sie sich bewusst ist, dass ihre Freiheit niemals durch die Kämpfe der Vorgängergeneration gesichert wird. Wir müssen wachsam bleiben und im Blick behalten, was weggespült wird und was im Sand der Zeit erhalten bleibt. Die Geschichte spült weiterhin die Gebeine unserer Vorfahren an die Ufer der alten Kolonialmächte, deren Zukunft in der Auseinandersetzung mit ihrer kolonialen Vergangenheit und ihrer kolonisierenden Gegenwart liegt.

Die Gebeine klappern.

Hört zu.

aus dem Englischen von Karola Klatt



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