... wir uns endlich mit der Arktis befassen

ein Kommentar von Paul Gilroy

Das Paradies der anderen (Ausgabe IV/2019)


Genau jetzt, in diesem Moment, entscheidet sich dort unsere Zukunft, darum müssen wir endlich damit anfangen, ernsthaft über diesen Teil der Erde nachzudenken. Was geschieht mit dieser sehr großen, sehr leeren Region im hohen Norden? Ich bin der Meinung, dass wir vor allem über drei Punkte diskutieren sollten:

Erstens verschwindet das arktische Eis als offensichtliche Folge der Klimakatastrophe sehr viel schneller als erwartet. Das schmelzende Eis ermöglicht zum ersten Mal den Zugang zu den Mineralien und Ressourcen unter dem Arktischen Ozean. Außerdem ermöglicht die schwindende Eisdecke eine grundlegende Umstrukturierung des Welthandels, da ganz neue Handelsrouten schiffbar werden. Zweifellos werden sich die Konflikte um diese Fragen in naher Zukunft verschärfen.

Zweitens müssen wir über die Geschichte der Arktis sprechen. Und das bedeutet, über den Kolonialismus zu sprechen. Viele neigen dazu, nur an die Tropen zu denken, wenn sie das Wort „Kolonialismus“ hören. Aber als die Kolonisatoren die sogenannte „neue Welt“ erkundeten, sind sie natürlich auch in den Norden gereist. Auch heute verhalten sich viele Staaten wie zu Kolonialzeiten und machen sich darüber Gedanken, wem die Ressourcen gehören, die dort unter dem Eis verborgen liegen.

Als ich ganz weit im hohen Norden ankam, nahe der russischen Grenze, traf ich viele Flüchtlinge, die dorthin umgesiedelt worden waren

Zum Dritten sollten wir über den Lebensraum sprechen. Ich war vor Kurzem in Norwegen. Als ich ganz weit im hohen Norden ankam, nahe der russischen Grenze, traf ich viele Flüchtlinge, die dorthin umgesiedelt worden waren. Die Frage des Lebensraums ist in den letzten Jahren zwischen Europa und dem globalen Süden immer stärker in den Vordergrund gerückt. Wo auch immer es um Migration geht, entsteht unglaublich heftiger Widerstand. In den skandinavischen Ländern wurden Flüchtlinge in die arktischen Regionen geschickt, damit sie in den bevölkerungsreicheren Gebieten weiter südlich nicht zu einem sozialen Problem werden. Am Ende der Welt wird ihnen also Lebensraum zugestanden, an Orten, die im Moment kaum zugänglich sind.

Was muss passieren? Statt es den verschiedenen Nationalstaaten zu erlauben, ihren Einfluss auf dem Meeresboden und anderswo auszuweiten, brauchen wir ein globales Gespräch über das schmelzende Eis, über weltweiten Lebensraum und über die arktischen Ressourcen. All das betrifft die ganze Welt, darum sollten alle mitreden. Natürlich stellt sich die Frage: Wenn wir bisher kein produktives Gespräch über die Klimakatastrophe führen konnten, wie sollen wir dann diese Probleme lösen? Ich bin nicht naiv, aber es ist allerhöchste Zeit. Ich bin der Meinung, dass ein solches Gespräch von den Nationalstaaten einberufen werden sollte, die ein geografisches Interesse an der Region haben. Lasst deren Regierungsvertreter in Spitzbergen zusammenkommen und diskutieren, während sie zusehen, wie das Eis schmilzt.

Samische Jugendliche nehmen ihr eigenes kulturelles Erbe in Besitz – auf ihre Weise

In Norwegen hörte ich samischen Hip-Hop. Das war sehr aufregend: Samische Jugendliche nehmen ihr eigenes kulturelles Erbe in Besitz – auf ihre Weise. Die Musik selbst war zwar eher typischer Hip-Hop, aber auf Sami. Mich interessiert diese Spannung zwischen dem, was es bedeutet, seine Stimme zu finden, den Werkzeugen, mit denen sie artikuliert wird, und der Art und Weise, wie das international wahrgenommen wird. Auch Musik reist, es sind nicht nur die Menschen oder die Ideen. Musik fordert aufmerksames Zuhören. Wir alle sollten lernen, einander aufmerksamer zuzuhören.

Und aktuell kann das heißen, sich mit der Kolonialgeschichte und der geopolitischen Bedeutung der Arktis auseinanderzusetzen.

Protokolliert von Gundula Haage



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