Wo kommt das alles her?

von Paul Nolte

Das Paradies der anderen (Ausgabe IV/2019)

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Amerika ist seiner selbst unsicher geworden. Foto: © Ringo Chiu (AFP)


Gemeinsamer Westen? Die USA sind ganz anders als Europa – dieser Eindruck hat sich in den letzten knapp drei Jahren, seit der Wahl Donald Trumps zum 45. amerikanischen Präsidenten, gewiss verfestigt. Aber gewichtige Indizien dafür reichen viel weiter zurück: eine gewalthafte Gesellschaft, die ihre Obsession mit privatem Waffenbesitz nicht in den Griff bekommt; eine zutiefst religiöse Kultur, deren Fundamentalismus die rational-säkularen Europäer irritiert; schwarze Männer in Gefängnissen und eine konsumistische Lebensweise, die den alten Kontinent geradezu asketisch erscheinen lässt. Wo kommt das eigentlich her? Eben noch galten die Verbündeten in Westeuropa als Westentaschenausgaben des großen Bruders jenseits des Atlantiks. Wer in Europa, zumal in Deutschland, würde heute noch dem Entwicklungspfad folgen wollen, den die USA eingeschlagen haben?

So fragen nicht nur besorgte Beobachter von außen. Amerika ist seiner selbst unsicher geworden. Wo kommt das alles her, Trump und die Fake News, der Hass auf Frauen und auf Minderheiten, der krude Nationalismus des »America First«? Der Blick richtet sich auf die Geschichte, aber die herkömmlichen Erzählungen, das wird immer deutlicher, helfen nicht mehr weiter. Oft wurden die 400 Jahre seit der Gründung der ersten britischen Kolonien auf dem Festland als Weg der Freiheit beschrieben. Es gibt es eine konservative Variante der Geschichte, nach der die Freiheit von Anfang an da war, spätestens mit der Unabhängigkeit 1776 und der bis heute gültigen Bundesverfassung von 1787. Und es gibt eine progressive Version, nach der Freiheit und Rechte mühsam erkämpft werden mussten, vor allem für diejenigen, denen sie lange vorenthalten waren: den Frauen, den Ureinwohnern und vor allem den Zwangsmigranten aus Afrika, den Sklaven und ihren Nachkommen. Doch auch diese kritische Erzählung war, allen Bitterkeiten und Rückschlägen zum Trotz, optimistisch getönt. Amerika ist noch mit jeder Herausforderung fertig geworden, es ist die »resilient nation«. Auch dessen kann man sich nicht mehr so sicher sein. Der amerikanische Sonderweg, der »exceptionalism« einer von Gott auserwählten Nation, hat seine Überzeugungskraft verloren. In den USA Donald Trumps existiert diese Sonderstellung nur noch, um Marx zu zitieren, als Tragödie oder als Farce.

Zeit für eine neue amerikanische Geschichte, die nicht mehr vom Fortschritt zur Freiheit säuselt und die die Wurzeln gegenwärtiger Krisen und Widersprüchlichkeiten aufzeigt! Wer könnte einen solchen Wurf wagen, wenn nicht Jill Lepore. In Deutschland bisher nahezu unbekannt, ist die 53-jährige Harvard-Professorin im eigenen Land längst ein akademischer und intellektueller Star. Erste Meriten hat sie sich mit Büchern zur Kolonialgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts erworben, vor allem mit einer faszinierenden und subtilen Rekonstruktion von »King Philip’s War«, einem blutigen Konflikt zwischen neuenglischen Siedlern und Indianern vor 350 Jahren. Viele weitere Bücher folgten, mit denen Lepore sich zunehmend auf aktuelles politisches Terrain wagte. Sie trennt die Genres jedoch nicht fein säuberlich – hier historischer Stoff, dort aktuelle Intervention; hier gelehrte Darstellung, dort flotter politischer Essay –, sondern webt beides auf eine seltene Weise ineinander wie in dem 2010 erschienenen Buch über die »Tea Party«: Genau, über das Bostoner Ereignis von 1773 und über die nach ihr benannte konservative Bewegung am Anfang des 21. Jahrhunderts. Erinnern Sie sich noch an Sarah Palin?

Aktuelle Politik in der Tiefendimension, in der Überlagerung von Geschichte und Gegenwart der USA sind auch das Markenzeichen zahlreicher Essays im Edelfedermagazin New Yorker. Jill Lepore ist eine begnadete Schreiberin, eine blendende Stilistin. Es lag also nah, mal tieferen Atem zu holen und eine Gesamtschau der amerikanischen Geschichte zu wagen. Unter dem Titel »These Truths« ist sie im vergangenen Jahr in den USA erschienen. Nun hat der C. H.-Beck-Verlag die deutsche Übersetzung heraus gebracht. Werner Rollers Übersetzung ist hervorragend, sie trifft die Wörter ebenso wie den Tonfall und macht die Lektüre von tausend Seiten zu einem lehrreichen Vergnügen. Jill Lepores »Diese Wahrheiten« ist die spannendste und tiefgründigste, die souveränste und eleganteste, kurz die beste Geschichte der USA, die es im Moment gibt – amerikanische Geschichte für die neuen Fragen des beginnenden 21. Jahrhunderts.

»Diese Wahrheiten« – das ist ein Zitat aus der von Thomas Jefferson entworfenen Unabhängigkeitserklärung. Heilig und unwiderlegbar sollten demnach sein: dass alle Menschen – oder doch nur Männer? – gleich geschaffen sind, dass sie über natürliche Rechte verfügen und dass demokratische Regierungen der Sicherung von Gleichheit und Rechten dienen sollen. Aber hatten diese Wahrheiten überhaupt Geltung, und für wen? Jefferson berief sich auf die »heiligen« Wahrheiten; Benjamin Franklin machte daraus, mit seinem naturwissenschaftlichen Geist, das »self-evident« der Endfassung, die wir bis heute gerne zitieren. Darin scheint für Jill Lepore ein Grundkonflikt der amerikanischen Geschichte auf: zwischen Vernunft und Religion, zwischen Wissenschaft und Glauben, und sie findet darin ein Leitmotiv ihrer engagierten Reise durch diese Geschichte, die sie mit Kolumbus 1492 beginnen lässt. Ist das nicht eurozentrisch? Nein, es akzentuiert die Konflikthaftigkeit, die erst im Zusammenprall von indigenen Kulturen und europäischer Besiedlung geschaffen wurde, gut hundert Jahre später erweitert und verschärft durch den Import afrikanischer Sklaven. Lepores Geschichte der USA erzählt nicht von einer großen demokratischen Gemeinschaft, in die nach und nach immer mehr Menschen eingeschlossen wurden. Für sie war Amerika immer eine zutiefst gespaltene Nation, eine Gesellschaft mit tiefen Gräben, die kaum zu überbrücken waren.

Sklaverei und Demokratie waren von Anfang an ineinander verstrickt

Was heißt Fortschritt zur Freiheit? In der Revolution gelang die Abschaffung der Sklaverei nicht; die Verfassung von 1787 erfand jene merkwürdige Regelung, nach der die afrikanischen Sklaven in den Südstaaten zu drei Fünfteln zugunsten der Weißen in der demokratischen Repräsentation mitgezählt wurden, sodass die Südstaaten mehr Abgeordete erhielten. Sklaverei und Demokratie, die Freiheit der einen und die Unfreiheit der anderen, waren von Anfang an ineinander verstrickt. Der Bürgerkrieg schaffte die Sklaverei ab – und Jill Lepore gibt sich als Fan Abraham Lincolns zu erkennen. Aber die Segregation, die amerikanische Apartheid des »Jim Crow«-Systems, das die Rassentrennung gesetzlich festschrieb, fing danach erst an, ebenso wie die bestialische Gewalt der Lynchmorde. Wann eigentlich gab es eine »ungetrübte« Phase in der vermeintlich so glänzenden Geschichte dieses Landes? Als die Rassentrennung unter dem Druck der Bürgerrechtsbewegung allmählich verschwand, verlor die »color line« ihre Bedeutung immer noch nicht. Und neue Gräben und Spaltungen taten sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf, nicht zuletzt diejenige zwischen der konservativ-religiösen Gesellschaft des Landesinnern und der Kleinstädte einerseits und den liberal-säkularen Küstenmetropolen andererseits. Das ist dann schon die unmittelbare Vorgeschichte der politischen Landkarte vom 8. November 2016, der Wahl Donald Trumps.

In mancher Hinsicht ist Jill Lepores Geschichte der USA durchaus konventionell angelegt. Sie folgt einer chronologischen Gliederung, sie konzentriert sich auf die politische Geschichte und lässt dabei keine einzige Präsidentenwahl aus. In vier Teilen mit jeweils vier Kapiteln arbeitet sie sich von Christoph Kolumbus bis zu Donald Trump vor – tatsächlich endet das Buch mit einer Art Wahlreportage, einem Bericht aus dem inneren Getriebe von Medien und Politik im Herbst 2016. Die Geschichte politischer Medialität und Kommunikation bildet überhaupt einen weiteren roten Faden des Buches, etwa mit der ausführlichen Behandlung der Anfänge der Meinungsforschung, der demoskopischen Vermessung des Volkes und ihrer Abgründe. Und niemand muss Angst haben, dass die wichtigen Dinge, die klassischen Themen, die großen Ereignisse und die berühmten Namen hier nicht nachlesbar sind.

Lepores amerikanische Geschichte ist frei von Melancholie

Aber dann blitzt wieder Überraschendes auf, ein Akzent oder ein Detail, das man nicht erwartet hätte; ein Name und eine Lebensgeschichte jenseits der großen weißen Männer. Aktuelle Bezüge vermittelt Jill Lepore nicht mit dem Vorschlaghammer; sie scheinen eher zwischen den Zeilen auf, und man kann sich dann seinen Teil denken. Etwa, wenn sie das seltsame Gebilde des »electoral college« erläutert, das den Präsidenten eigentlich erst wählt. Oder wenn es über Theodore Roosevelts Wahl, 104 Jahre vor der Trumps, heißt, mit ihr sei der Kandidat wichtiger als die Partei geworden, für die er antrat. Durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts verfolgt die Autorin die immer wieder gescheiterten Anläufe zu einer allgemeinen Krankenversicherung, längst vor Hillary Clinton und Barack Obama.

All das ist für Jill Lepore aber kein Grund zur Verzweiflung. Ihre amerikanische Geschichte ist frei von Melancholie oder Nostalgie. Schon gar nicht dreht sie den Spieß um und macht aus einer Fortschrittsgeschichte, die nicht mehr recht überzeugen kann, eine Geschichte des Verfalls. »Diese Wahrheiten« werden weder gefeiert noch als Lug und Trug entlarvt. Sie sind ein Maßstab, und vor allem sind sie immer wieder Anstoß für Konflikte, die auch mit Trump, so oder so, nicht an ihrem historischen Ende angekommen sind. Jill Lepores Geschichte der USA ist eine Archäologie der gegenwärtigen Probleme des Landes, lässt sich darauf aber nicht festlegen. Und genau das macht ihre Lesart der amerikanischen Geschichte so spannend und so befreiend. 

Diese Wahrheiten. Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. Von
Jill Lepore. Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung. C. H. Beck,
München, 2019.



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