Unterwegs ins Unbekannte

von Thomas Hummitzsch

Das Paradies der anderen (Ausgabe IV/2019)


Die Jury des Leipziger Buchpreises für Europäische Verständigung lobte den französischen Schriftsteller Mathias Énard 2017 mit den Worten: »In einer Zeit, in der wir allenthalben Spaltung und Hass erleben, tritt Mathias Énard als einzigartiger Vermittler auf, allerdings nicht als Prediger, sondern als leidenschaftlicher Orientforscher, der sich durch einen stupenden Kenntnisreichtum auszeichnet sowie durch literarische Sprachkraft.« Sein bereits mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis ausgezeichneter Roman »Kompass« – ein der Welt und dem Menschen zugewandtes Meisterwerk – setzt den Kriegen in der arabischen Welt und der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit in Europa in beharrlicher Gelassenheit eine Kultur der Begegnung entgegen.

Nun erzählt Énard gemeinsam mit der französisch-libanesischen Comic­zeichnerin Zeina Abirached eine Parallelgeschichte, die auf demselben Prinzip der Offenheit und Neugier für das Unbekannte beruht. »Zuflucht nehmen« handelt einerseits von einer jungen syrischen Meteorologin, die im Zuge des Bürgerkrieges nach Berlin fliehen musste, und andererseits von der Afghanis­tanreise, die die Journalistin Annemarie Schwarzenbach und die Fotografin Ella Maillart 1939 unternommen haben. »Beides sind Liebesgeschichten, die von Wendepunkten im Leben handeln und die gleiche dramatische Situation reflektieren. Berlin war eine zerstörte Stadt, heute ist sie eine Welthauptstadt, in der so gut wie jeder leben möchte. Dabei ist es keine siebzig Jahre her, da bestand diese Stadt nur aus Ruinen. Das macht mir Hoffnung für den Wiederaufbau der syrischen Städte und die Renaissance der syrischen Kultur«, erklärt Énard seinen Ansatz im Gespräch.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Karsten, einem Berliner Architekten, der bei einem Nachbarschaftsfest Neyla kennenlernt. Sie treffen sich fortan regelmäßig, lernen voneinander ihre jeweilige Sprache und kommen sich bei arabischer Poesie näher. Unterbrochen wird diese Gegenwartserzählung von Episoden der Afghanistanreise der beiden Schweizerinnen, die Karsten lesend nachvollzieht. Vor der Kulisse der Buddha-Statuen von Bamiyan, die die Taliban 2001 zerstört haben, erfahren Maillart und Schwarzenbach vom Ausbruch des Krieges in Europa. So ist auch ihre Reise eine Flucht.

Erschütterung finden beide Geschichten in tatsächlichen und gefühlten Blitzeinschlägen, die das Donnern der jeweiligen Kriege symbolisieren. »Der Krieg war weit weg | Der Krieg war ganz nah | Wie der Regen«, schreibt Énard in seinem ebenfalls gerade erschienenen Gedichtband »Letzte Mitteilung an die Proust-Gesellschaft von Barcelona«. Das erinnert an eine Figur in »Kompass«, die »den Krieg an sich vorbeiziehen lässt wie andere den Regen«. So leicht macht es sich der Franzose nicht. Im Gegensatz zu den Abendlandverteidigern betont er, dass der Islam nicht mit Krieg und Zerstörung gleichzusetzen ist, auch wenn die arabische Welt momentan von Krisen geschüttelt wird. Bei Énard ist der Islam eine Schatztruhe der Weltkultur, ohne die der Okzident nicht denkbar ist. »Ich glaube, dass die arabische Welt nicht sehr weit von Europa entfernt ist, auf alle Fälle weniger weit als man auf den ersten Blick denkt. Es gibt keinen Riss, keine brutale Grenze. Die Annahme, der Islam würde eine unüberwindbare Hürde darstellen, ist in meinen Augen ein schwerwiegender Irrtum.«

Die echten Hürden sind politischer Natur, und sie werden künstlich auf beiden Seiten des Mittelmeeres aufrechterhalten: von Diktatoren und ihren Anhängern, die ihre Macht behalten wollen, und von Europäern, die ein Interesse daran haben, dass diese Diktaturen bestehen bleiben. In seinen Geschichten gibt Énard der schicksalhaften Verbundenheit von Orient und Okzident eine Gestalt, macht sie zu einer Kontinuität der Weltgeschichte. Das wird auch in der Erzählung von »Zuflucht nehmen« deutlich, die die Vergangenheit nah an die Gegenwart heranholt. Die in ihrem Rhythmus Erfahrung und Philosophie zusammenführt. Und die von der Weite des Universums ebenso erzählt wie von dem Gefangensein in seiner eigenen kleinen Welt.

Énard hat sich der Welt geöffnet und sie zu seinem Zuhause gemacht, egal ob er gerade in Beirut, Damaskus oder Teheran, in Berlin oder (wie aktuell) in Barcelona lebt. Dieses kosmopolitische Dasein kennt auch Zeina Abirached, die 1981 in Beirut geboren wurde, 2005 nach Paris zog und sich seither zwischen beiden Welten bewegt. In ihren Werken reflektiert sie die Geschichte ihrer Familie im Libanon und ihr Leben in der vertrauten Fremde von Paris. In »Zuflucht nehmen« finden Énards auf den Punkt geschriebene Dialoge in Abiracheds fantastischen Zeichnungen eine geradezu anthropologische Weiterführung der Erzählung. Die Überführung der Poesie des Wortes in die des Bildes macht jede Doppelseite zu einem Kunstwerk.

Der Fluchtweg, den die Erzählung schließlich eröffnet, führt zum Buddhismus. Énard schätzt dessen Konzept, weil es nicht den Glauben, sondern die Erfahrung anspreche: »Die echte Zuflucht vor der Gewalt ist kein ferner Ort, sondern der Glaube an den Anderen. Es gibt diese Zuflucht, weil in mir auch der Andere ist und ich ein Teil des Anderen bin. Wir alle teilen diese Zuflucht. Man muss nur zugreifen.« 

Zuflucht nehmen. Von Zeina Abirached und Mathias Énard. avant-verlag, Berlin, 2019.



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