Was geht mich das an?

von Dorota Stroińska

Das Paradies der anderen (Ausgabe IV/2019)


Warschau, 2018. Zwei Freundinnen aus Kindertagen treffen sich wieder: Emilia Smechowski, eine Berliner Journalistin und Autorin, die 1988 als Fünfjährige mit ihren Eltern nach West-Berlin emigrierte und unlängst in ihrem Buch »Wir Strebermigranten« das seelische Gefüge einer assimilationswilligen polnischen Migrantenfamilie aufzeichnete. Auch aus Dorota Masłowska wurde eine Schriftstellerin – sie ist heute ein Star der polnischen Literaturszene, der jungen Menschen im postkommunistischen Polen eine Stimme gegeben hat. Das Zwiegespräch über die gemeinsamen Kindheitserinnerungen und den Schmerz der abgebrochenen Verbindung zu ihrem Herkunftsland zeichnet Emilia Smechowski in ihrem neuen Buch »Rückkehr nach Polen« auf. Ein »bohrendes Gefühl« hatte den Plan reifen lassen, zusammen mit ihrer kleinen Tochter für ein Jahr in ihre Geburtsstadt Danzig zurückzugehen.

Das Buch changiert zwischen Reportage und autobiografischem Schreiben und berichtet von einem existenziellen Experiment. Die »Expeditionen in mein Heimatland« sind Forschungsreisen in ein erinnertes, gleichermaßen vertrautes und fremdes Territorium. Wie im Bildungsroman folgt man als Leserin einem emotionalen Entwicklungsprozess: von der anfänglichen Fremdheit (»Ich könnte gerade genauso in Timbuktu sein«) über die Müdigkeit und den Wunsch nach Vertrautheit (»Es ist anstrengend, eine Fremde zu sein«) bis zum Aufgeben der Distanz als Reporterin (»Aber zum ersten Mal habe ich das Gefühl: Diese Frage geht auch mich was an«). Die doppelte Optik einer eingewanderten Ausgewanderten ist reizvoll, und Smechowski gelingt es, über das Fremdsein im Heimatland anschaulich und humorvoll zu erzählen.

Aber es ist auch ein berufliches Projekt. Die Reporterin bereist das »Land der Widersprüche«, um zu begreifen, was dort in den vergangenen dreißig Jahren passiert ist. Sie läuft den Riss ab, der die polnische Gesellschaft teilt: in die Abgehängten und die Gewinner der marktwirtschaftlichen Transformation. In kurzen Kapiteln erzählt Smechowski über ihre Begegnungen mit der Solidarność-Legende Lech Wałęsa, mit dem regierungskritischen Bürgermeister der Stadt Posen Jacek Jaśkowiak, mit einem Milchbauern, mit einer Reisegruppenführerin in Auschwitz oder einer tatarischen Muslimin. Vergnüglich zu lesen sind ihre Alltagseindrücke: Kitabesuche ihrer Tochter oder schweißtreibende Yogastunden, die den omnipräsenten Leistungswillen der Polen satirisch beschreiben. Wir begegnen einem Land auf der Suche nach Anerkennung, aber auch Skepsis vor staatlicher Autorität.

Große Aufmerksamkeit widmet die Autorin der Spaltung der Gesellschaft. Seit 2015 verfolgt die nationalkonservative PiS-Regierung den »guten Wechsel«, einen tiefgreifenden Umbau von Staat und Gesellschaft. Schritt für Schritt wird die demokratische Kontrolle geschwächt und eine xenophobe Grundstimmung geschürt, zugunsten einer monolithischen Wertegemeinschaft polnischer, katholischer und antikommunistischer Identität.

Ist der Riss noch zu kitten? Das Buch beginnt mit dem Satz »Der Bürgermeister ist tot« und endet mit der Trauerkundgebung für Paweł Adamowicz, den im Januar 2019 ermordeten Bürgermeister der Stadt Danzig. Smechowskas Fazit ist pessimistisch. Aber ist Polen wirklich auf dem Weg »in totalitäre Strukturen«, weil es im Schwimmbad Badekappenpflicht gibt und ihr die Kita-Bürokratie das Mutterleben schwer macht? Kurzschlüsse wie diese verkennen womöglich das Widerstandspotenzial der polnischen Zivilgesellschaft. Gegen die Erosion der Freiheit wehren sich in Polen unzählige Menschen. Wie man sich dem »polnischen Ritual der nationalistischen Verzwergung« (Czesław Miłosz) entgegenstellt, haben große Autoren wie Witold Gombrowicz eindrucksvoll demonstriert. Auch ihr Erbe ist in Polen präsent wie nie.

Rückkehr nach Polen. Expeditionen in mein Heimatland. Von Emilia Smechowski. Hanser Berlin, 2019.



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