Sorry!

Schuld (Ausgabe II/2019)


China
Frieden und ein Strafzettel

In China entschuldigt man sich ständig. Gastgeber bitten um Verzeihung für das „bescheidene“ Mahl, selbst wenn es reichlich zu essen gibt; jemand, der sich Geld geliehen hat, entschuldigt sich dafür, dass er fragt, wann er es zurückbekommt; und manch einer bittet sogar um Verzeihung für ein Versehen, das jemand anderem unterlaufen ist. Sogar das chinesische Ordnungsamt entschuldigt sich mitunter, wenn es Strafzettel verteilt. Diesen liegt dann das folgende Schreiben bei: „Lieber Herr liebe Dame, Sie haben beim Parken gegen folgende Regel verstoßen: (...) Wir bitten Sie vielmals um Entschuldigung, dass wir zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit des Verkehrs von Gesetzes wegen Gebühren erheben müssen. Wir hoffen, Sie verstehen und verzeihen das und möchten in Zukunft darauf achten, die Verkehrsregeln einzuhalten. Wir wünschen Ihnen Frieden und Gesundheit. Die Benachrichtigungseinheit“


Hawaii
Eine Schweigeminute einlegen

Das Ho’oponopono-Ritual entspringt einer alten hawaiianischen Tradition und wurde ursprünglich von Priestern durchgeführt. Heute nutzen auch Mediatoren und Heilpraktiker das Ritual. Dabei setzen sich zwei oder mehrere Personen mit dem Ziel zusammen, einen Streit beizulegen. Zuerst beten sie füreinander, dann schwören sie sich, ehrlich zueinander zu sein und tauschen ihre Argumente aus. Immer wenn sich die Parteien uneins sind, unterbricht der Mediator das Verfahren mit dem Wort „pau“, was so viel bedeutet wie „Stopp“, woraufhin eine Schweigeminute eingelegt wird. Dieser Schritt wird so oft wiederholt, bis einer der Teilnehmer Reue („mihi“) für seine Taten bekundet und sein Gegenüber bereit ist, ihm zu vergeben. Am Ende des Rituals wird erneut gebetet – und manchmal auch das Fest „pani“ gefeiert, was „Deckel“ oder „Schluss“ bedeutet. Bis heute verurteilen hawaiianische Gerichte jugendliche Straftäter zu Ho’oponoponoRitualen. Dabei bestimmt der Richter den Mediator. Die Silben, aus denen sich das Wort „ho’oponopono“ zusammensetzt, bedeuten übrigens so viel wie „etwas tun“ („ho´o“) und „etwas in Harmonie bringen“ („pono“).

Großbritannien
Die Meister der Abbitte

Nirgendwo anders entschuldigt man sich im Alltag so oft wie in Großbritannien: Rund achtmal täglich bitten die Briten laut Studien im Schnitt um Verzeihung. Im Vergleich: Auf zehn amerikanische „Sorrys“ kommen etwa 15 britische Entschuldigungen. Das Wort „Sorry“ selbst stammt übrigens von dem altenglischen Begriff „sarig“ ab, der so viel bedeutet wie „betroffen“ oder „betrübt“.


Japan
Variationen der Demut

Wer in Japan um Verzeihung bitten möchte, sollte sich genau überlegen, welches Wort er benutzt. Im Land der aufgehenden Sonne gibt es je nach Anlass sehr unterschiedliche Entschuldigungsvokabeln. Das allgemeine Wort für „Entschuldigung“ lautet „Sumimasen“ und passt so gut wie immer. Zum Beispiel, wenn sich zwei Menschen aus Versehen auf der Straße anrempeln. Man kann es auch sagen, wenn man jemanden anspricht, um nach dem Weg zu fragen. Wer zu spät zu einer Verabredung mit einem Freund kommt, sollte wiederum nicht „Sumimasen“ sagen, sondern „Gomen nasai“, was einem aufrichtigeren „Es tut mir leid“ gleichkommt. In einem besonders ernsten Fall kann noch ein „Honto ni“ („wirklich“) hinzufügt werden. Am Arbeitsplatz hilft derweil mangels Formalität keine dieser Vokabeln weiter. Kommt ein Angestellter zu spät zu seinem Vorgesetzten, dann sagt er eher Shitsurei shimasu“. Das bedeutet zwar ebenfalls „Entschuldigung“, drückt allerdings auch größten Respekt ausdrückt – und geht meist mit einer Verbeugung einher.


Westneuguinea
Ein Schwein für den Betrogenen

Bei den Fayu, die bis heute als traditionelle Gesellschaft in den Urwäldern Westneuguineas leben, ist der Ehebruch zwar keine Straftat. Eine angemessene Entschuldigung ist aber trotzdem fällig, wenn jemand seinen Partner oder seine Partnerin betrügt. Allerdings bittet nicht die Person um Verzeihung, die sich in der Beziehung befindet, sondern der oder die Dritte im Bunde. Letztere(r) ist dazu angehalten, dem oder der Betrogenen ein Geschenk zu überreichen. Männern werden traditionell Messer, Pfeile oder Schweine geschenkt, um Wiedergutmachung zu betreiben; Frauen erhalten gewebte Netze oder Kleidung.

Sambia / Demokratische Republik Kongo
Lob statt Schelte

Bei den Bemba, einer Ethnie, die bis heute hauptsächlich in Sambia und als Minderheit in der Demokratischen Republik Kongo lebt, begegnet man Unrecht traditionell mit Großherzigkeit. Verhält sich ein Mensch falsch und muss sich bei jemandem entschuldigen, dann helfen ihm seine Freunde und Bekannten dabei. Sie versammeln sich im Kreis um ihn und listen all die guten Dinge auf, die er für sie und andere getan hat. An jedes Ereignis und jede gute Tat wird detailreich erinnert, alle positiven Attribute und Stärken des Menschen werden aufgelistet. Dann wird der Kreis aufgelöst und die Person wieder in die Gruppe aufgenommen.

zusammengestellt von Lisa Engemann und Lilli Mallmann



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