Der Geschichte ins Auge sehen

von Hamady Bocoum

Schuld (Ausgabe II/2019)


Die Begegnung Europas mit Afrika – von der Schaffung des atlantischen Sklavenhandels bis zur kolonialen Aufteilung des Kontinents – war von Gewalt durchdrungen. Afrika hat einen beispiellosen Angriff auf seine Kultur erlebt. In den öffentlichen Einrichtungen der Kolonialmächte entstanden so wichtige Sammlungen afrikanischer Kulturgüter. Angesichts der Initiative des französischen Präsidenten Macron und des Berichts von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy, die die Rückführung dieser Kulturgüter empfehlen, können wir uns über den frischen Wind freuen, der in europäischen Museen weht.

Um diesen Aufbruch mit Sinn zu erfüllen, müssen wir unsere Paradigmen überdenken. Der Internationale Museumsrat definiert das Museum als eine „Einrichtung, die im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung steht (…) Sie erwirbt, bewahrt, erforscht, präsentiert und vermittelt das materielle und immaterielle Erbe der Menschheit und deren Umwelt.“ Nicht immer entspricht dieses hehre Ziel der Realität. Museen vermitteln auch Botschaften der Andersartigkeit. Und Museen für nichtwestliche Kulturen haben oft große Schwierigkeiten, aus dem ethnografischen Raster auszubrechen.

Vor der Gründung des Museums der schwarzen Zivilisationen (MCN) in Dakar haben wir definiert, was unser Museum nicht sein sollte: weder ethnografisch noch anthropologisch. Das MCN hat einen sehr breiten Fokus. Es nimmt sich Afrikas als Wiege der Menschheit an, der großen Etappen der Menschwerdung, der von Afrika ausgehenden Eroberung der Welt durch die Spezies Mensch sowie aller Prozesse, durch die sich die Kulturen der schwarzen Welt durch Raum und Zeit verbreitet haben. Dies lässt sich auf eine einfache Formel bringen: „La création continue de l’humanité“ (die fortwährende Schöpfung der Menschheit) – wie auch der Titel der Eröffnungsausstellung des MCN lautet. Dieses Museum wird ein Raum für die Erforschung und Wissensproduktion über die schwarze Welt in einer globalen Gegenwart sein, denn die fortwährende Schöpfung der Menschheit setzt die Fähigkeit voraus, Kulturen der Begegnung zu schaffen. Daher haben wir auf eine ständige Ausstellung verzichtet. Es wäre verkürzend, eine repräsentative Entwicklung der Kulturen der schwarzen Welt in einer einzigen Ausstellung zeigen zu wollen. Die Aufgabe des Museums besteht darin, eine offene Perspektive einzunehmen, um möglichst nah an den historischen Realitäten, den Bedürfnissen der Öffentlichkeit und dem ständigen Wandel der Vermittlungsinstrumente zu sein.

Es gibt in der westlichen Welt verschiedene Diskurse über Afrika: Der Diskurs der Nicht-Reue vertritt die Meinung, Afrika sei noch nicht in die Geschichte eingetreten. Die Herablassenden meinen, afrikanische Institutionen hätten nicht die Mittel, um die zurückgegebenen Objekte zu erhalten. Schließlich gibt es Stimmen, die eher ängstlich als schuldig sind und die die gewundenen Pfade der Neuinterpretation und der Restitution erkunden. Wenn wir gemeinsam akzeptieren, dass die Eroberungskriege und die Kolonisation Verbrechen gegen die Menschlichkeit waren, können wir unverkrampfter afrikanische Sammlungen in Europa infrage stellen. Es geht vielleicht nicht mehr um die Schuldfrage, sondern um die Innenschau einer schmerzhaften Geschichte, die wir nicht korrigieren, aber neu befragen können, um einen neuen Humanismus zu begründen. Afrika hat nicht nur Kulturgüter verloren. Es hat auf allen Gebieten Plünderungen erlebt, während die westliche Welt riesige, bis heute rückverfolgbare Reichtümer angehäuft hat. Der neue Humanismus darf in dieser Frage nicht an Amnesie leiden.

aus dem Französischen von Claudia Kotte



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