Wenn die Helfer kommen

Suzanne Baaklini

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Bint Jbeil, Aita el-Chaab, Ainata, Khiam… Dörfer, die von nun an die Narben des harten Krieges tragen, den Israel im Juli und August 2006 gegen die Kämpfer der Hisbollah im Südlibanon führte. Ganze Stadtteile wurden ausradiert, einzelne Häuser und Geschäfte sind nicht mehr da. Streubomben-Blindgänger machen viele Äcker unzugänglich und jagen der Bevölkerung Angst ein: So sieht der Alltag der Südlibanesen seit diesem Sommer aus. Nach 34 Tagen harter Kämpfe und Bombardierungen begann der Wiederaufbau schnell, um die Menschen vor dem kommenden Winter zu schützen. Verschiedene Akteure kamen rasch ins Spiel.


 Die Hisbollah reagierte am schnellsten. Nur wenige Tage nach der Waffenruhe und der Unterzeichnung der Resolution 1701 des UN-Sicherheitsrats, sicherte sie jeder Familie, die ihren Wohnsitz in der südlichen Vorstadt Beiruts, im Südlibanon oder in der Bekaa-Ebene verloren hatte und nach der Flucht zurückkehren wollte, 10.000 Dollar in bar zu. Der Generalsekretär der Hisbollah, Sayyed Hassan, erklärte in einem Interview, dass seine Partei Hilfsgüter im Wert von 300 Millionen Dollar verteilt hatte und dass das Geld vom Ayatollah Khomeini stamme. Die Hilfsleistungen der Hisbollah lösten politische Reibereien mit der Regierung aus, obgleich die Hisbollah Teile der Regierung stellt. Daraus entwickelte sich eine ernsthafte politische Krise, die erst dann an die Öffentlichkeit drang, als sechs Minister entlassen wurden. Da die Hisbollah laut Aussagen des Ministerrats den Umfang ihrer finanziellen Mittel zum Wiederaufbau nicht offiziell bekannt gab, entstand der Eindruck, dass sich Hisbollah und der Rest der Regierung einen Wettbewerb liefern wollen.


 Deutlich ist, dass der Großteil des Wiederaufbaus staatlich dirigiert wird und teils von der Regierung, teils von Gebern aus anderen Ländern finanziert wird. Die internationalen Organisationen, insbesondere jene der Vereinten Nationen, führen eigene Projekte durch, die jedoch den Wiederaufbau von Dörfern nicht einschließen. Die UNIFIL befassen sich nur mit dem Wiederaufbau bestimmter Brücken und der Räumung von Landminen. Dabei ist die Aufgabe des Wiederaufbaus riesig: an die 30.000 Wohnhäuser in 251 Dörfern wurden vollständig oder teilweise zerstört, die Kosten für Wiederaufbau von Wohnraum und Infrastruktur belaufen sich auf 3,6 Milliarden Dollar. 


 Viele Länder zeigten Solidarität mit dem Libanon und verpflichteten sich, dem libanesischen Staat Hilfsgelder zur Verfügung zu stellen, die den Besitzern der zerstörten oder beschädigten Häuser zukommen sollen: 40.000 Dollar für zerstörte, 28.000 Dollar für teilweise zerstörte Häuser, 13.333 Dollar für solche mit substantiellem Schaden, sowie 3.333 Dollar für geringere Reparaturen. 95 der 251 betroffenen Dörfer bereits „Paten“ gefunden. Saudi-Arabien baut 25 Dörfer wieder auf, Kuwait 20, die Vereinigten Arabischen Emirate 18, Katar 8, Jordanien 7, Ägypten 7, Spanien 5 und Bahrain eines. Ein kuwaitischer Privatmann übernahm gleichfalls den Wiederaufbau eines ganzen Dorfes in der Region der Küstenstadt Tyros. Alle Hilfsleistungen, bis auf die der Hisbollah, werden von der libanesischen Regierung gesteuert, was die Regierungskreise aus Beirut und die Geberländer bestätigen. Die Koordination wird als „gelungen“ bezeichnet. Die Regierung hat für ihren Teil die Prüfung der Lage von 27 Dörfern abgeschlossen. Ministerpräsident Fuad Siniora unterzeichnete Schecks für 22 dieser Dörfer, wobei die Zahlungen sich auf 29 Milliarden libanesische Pfund belaufen. 


 Auffällig ist, dass die meisten Dorf-Paten aus arabischen Ländern stammen. Sie fühlen mit der libanesischen Bevölkerung, gleichzeitig demonstrieren sie Einheit gegenüber dem Staat Israel. Zahlreiche Länder aus der Golfregion möchten ihren Einfluss im Libanon aufrechterhalten. Sie suchen jenseits rein humanitärer Ziele den Kontakt zu den Teilen der vielschichtigen libanesischen Gesellschaft, aus denen die Hisbollah Zuspruch erhält. Die mehrheitlich sunnitischen Golfstaaten hoffen, durch Hilfsleistungen den Einfluss der schiitischen Hisbollah einzudämmen und gleichzeitig die Regierung Fuad Sinioras zu stärken, die mit den Golfstaaten sympathisiert.


 In diesem Kontext steht auch der Fall Katars, das mehrere Dörfer wiederaufbaut, die sich nicht nur an der Grenze zu Israel befinden, sondern obendrein Hochburgen der Hisbollah sind: Bint Jbeil, Aita el-Chaab, Ainata und Khiam. Der Projektleiter aus Katar, Yasser al-Mannai, versichert, „die Rolle Katars ist rein humanitär, das Einsatzgebiet wurde in Zusammenarbeit mit den libanesischen Autoritäten bestimmt“. Er erinnert daran, dass Hilfstruppen aus Katar schon während der ersten Kriegswochen vor Ort waren und aktiv nach einer Lösung suchten. Dies trug zur Ausarbeitung der Resolution im Sicherheitsrat und zur Beendigung der Auseinandersetzungen bei. 


 Trotz großzügiger Hilfslieferungen geht der Wiederaufbau im Süden nur langsam, die ökonomische Wiederbelebung sogar noch langsamer voran. Die Bewohner der zerstörten Dörfer haben große Angst vor der Zukunft. Sie zeigen sich besonders von der Regierung enttäuscht, die sie nicht nur für die zögerliche Rekonstruktion verantwortlich machen, sondern auch für ein Desinteresse an der gesamten Region, die seit Jahrzehnten von einem wirklichen Entwicklungskonzept ausgeschlossen wird. „Der Staat? Der ist seit der libanesischen Unabhängigkeit 1943 abwesend“, so Ali Bazzi, Gemeindevorsitzender von Bint Jbeil. „Nach dem Krieg kam nur der Kulturminister zu Besuch. Der Rest scheint Bint Jbeil für seinen Widerstand bestrafen zu wollen.“ Gleiches ist zu hören, sobald die Einwohner anderer Dörfer zu Wort kommen. Gegenüber Patenländern wie Katar empfinden die Menschen dagegen eine tiefe Dankbarkeit. „Ich habe vier Kinder. Stellen Sie sich meine Situation vor, ohne die Hilfe aus Katar. Ich wäre am Ende“, erzählt uns Imad Bazzi aus Bint Jbeil. 


 Auch wenn die offizielle Version lautet, dass die Geberländer unter der Koordination des Staates stünden, neigen die Einwohner jedoch dazu, beides getrennt voneinander zu betrachten. Sie freuen sich besonders darüber, dass die Hilfsgüter direkt an die Betroffenen verteilt werden. Die Hisbollah bleibt dabei sehr populär, ist für manche sogar der wichtigste Bezugspunkt. „Wir vertrauen der Hisbollah, nicht dem Staat“, so ein Einwohner aus Bint Jbeil.


 Der Rhythmus des Wiederaufbaus erfährt in der Zwischenzeit keine nennenswerte Beschleunigung. Heute, da Politik und Sicherheit des Landes immer instabiler werden, ist es unmöglich zu sagen, wann die Folgen des Krieges behoben sein werden.

Aus dem Französischen von Adina Danisch



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