Mit dem Feind auf der Bühne

von Marcelo Vallejo

Schuld (Ausgabe II/2019)


Als die Regisseurin Lola Arias mich einlud, zusammen mit britischen Veteranen ein Theaterstück über unsere Erlebnisse im Falklandkrieg zu machen, zögerte ich. Mit den Engländern wollte ich nichts zu tun haben. Da war immer noch viel Wut und Schmerz, weil wir Kameraden verloren hatten. Ich konnte den Feind nicht als Menschen sehen, der eine Familie hat, eine eigene Geschichte. Ich sah ihn als jemanden, der mich töten wollte. Aus einem Krieg zurückzukehren, ist nicht leicht. Ein Krieg hinterlässt viele Folgeerscheinungen in dir. Lange Zeit konnte ich meine Soldatenkleidung nicht ablegen. Mehr als 25 Jahre trug ich Grün. Genauso schwer fiel mir es, die Engländer nicht als Feinde anzusehen. Lola Arias bohrte aber immer wieder nach. Sie rief an und sagte, komm, schau es dir einfach an. Und dann ging ich zu den Proben, es waren nur die zwei argentinischen Veteranen da. Ich kannte sie nicht, wir verstanden uns gut und ich blieb. Als ich die Engländer zum ersten Mal sah, spürte ich von der Wut, die ich sonst verspüre, nichts. Unsere Begegnung entwickelte sich ganz natürlich.

Nie haben wir mit den britischen Veteranen über ihre Gründe gesprochen, auf den Inseln zu kämpfen, auch sie haben uns nicht viel gefragt. Ich glaube, es ist ein Thema, das von uns nicht berührt werden muss. Wir wissen ganz gut, was die Gründe und Gefühle von jedem von uns sind. Wir respektieren uns.

In den Theaterproben kamen in mir Dinge wieder hoch, die ich vergessen hatte. Der Geist verdeckt solche Erfahrungen, damit man weiterleben kann. Aber dann, mit den Engländern, gab es Szenen, die dem Moment sehr ähnelten, in dem wir selbst gefangen genommen wurden. Ich erinnerte mich, wie ich damals meinen Helm übergeben musste und sie ihn einfach wegwarfen. Da spürte ich wieder die ganze Einsamkeit, die ich fühlte, als wir den Krieg verloren, als sie uns entwaffneten. Die Angst, die ich bekam, als ich englische Befehle hörte. Ich war ja erst 19 Jahre alt. Wenn du im Krieg Gefangenschaft gerätst, weißt du nicht, ob du getötet wirst. All diese Erlebnisse kamen hoch. Es war sehr hart.

Im Krieg verändert man sich sehr, man lässt die Jugend hinter sich. Man muss auf einmal die Entscheidungen eines Erwachsenen treffen. Meine Kameraden und ich sprachen darüber, dass wir uns darauf vorbereiten mussten, andere Menschen zu töten. All diese Dinge, an die ich nie zuvor in meinem Leben gedacht hatte. Lola Arias fragte mich, bevor wir anfingen, was ich dachte, was die Engländer wohl fühlen würden? Als ob denen das Ganze nichts ausgemacht hätte! Selbst ein Berufssoldat ist auf diesen Moment, einen anderen Menschen zu töten, nicht vorbereitet. Die Folgen davon bleiben auf beiden Seiten. Daher rührt auch der Respekt füreinander. Weil sie auch töten mussten und eben auch Freunde verloren haben. Mit der Zeit vergeht die Wut. Vor zehn Jahren wäre ein solches Theaterstück noch unmöglich gewesen. Doch alles hat sich beruhigt. Auf beiden Seiten: Zurzeit höre ich viele Geschichten von britischen Veteranen, die ihre Kriegstrophäen, die sie von argentinischen Soldaten genommen hatten, wieder zurückgeben. Sie müssen diese Dinge zurückgeben, um mit sich ins Reine zu kommen.

Vielen Menschen hat dieses Theaterstück geholfen. Argentinische und britische Veteranen, Angehörige von Gefallenen sind gekommen, um es sich anzusehen, und konnten auch den Schmerz der anderen Seite verstehen. So wie ich, der ich die Engländer vorher nicht ertragen konnte und jetzt weiß, dass sie auch unter den Folgen des Kriegs leiden. Für mich hat das Stück viele Veränderungen mit sich gebracht. Ich kann heute ruhiger leben.

protokolliert von Timo Berger



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