Das größte Verbrechen

von Hille Norden

Schuld (Ausgabe II/2019)


Soun Rottana ist 57 Jahre alt, nicht viel größer als 1,60 Meter, hat verbrauchte, braune Haut, ein paar Zähne zu wenig und einen weichen, großen Mund. Er trinkt Bier, gerne auch schon zum Frühstück, und Rauchen ist für ihn heilig. Die meiste Zeit verbringt er in „seinem“ kleinen Kriegsmuseum in der Nähe der kambodschanischen Stadt Siem Reap, in dem er arbeitet und lebt. Das Museum gehört zwar nicht ihm, aber er hat fast alle Exponate – Gewehre, Minen und alte Munition – besorgt und die Schilder selbst geschrieben. Vormittags bringt Soun den vierzig Kindern der kleinen Gemeinde Englisch bei. Nachmittags führt er Touristen über die sogenannten Killing Fields und erklärt bis zu sieben Mal am Tag, wie die Roten Khmer Menschen die Kehle mit Bananenblättern durchgeschnitten haben, um Munition zu sparen, und die Leichen dann in eine Grube warfen.

Manchmal steht Soun neben einem kleinen Feld mit Schildern, die vor Minen warnen, und erklärt den Touristen, was für unterschiedliche Minen es gibt, wer sie gelegt hat und was passiert, wenn man auf eine tritt. Manchmal nimmt er sich auch frei. Wenn ihm sein fehlendes Bein, das er selbst durch eine Landmine verloren hat, zu schaffen macht, dann sitzt er unter einem Baum am Eingang des Museums, raucht und kitzelt die vorbeilaufenden Kinder. Und er denkt an die Zeit, in der er selbst noch einer von den Roten Khmer war, von denen er den Touristen heute erzählt. Es ist ihm wichtig, zu betonen, dass er mit den Killing Fields nichts zu tun hatte, er wollte nur sein Land verteidigen und gegen die Vietnamesen kämpfen. „Ab und zu vermisse ich es, Soldat zu sein. Dann gehe ich an einen Schießstand und schieße, pa! Pa! Pa! Peng! Meistens mit Freunden, die auch im Krieg waren. Danach gehen wir in ein Restaurant und feiern und wir bestellen Fisch und Bier.“

Soun war 14 Jahre alt, als er 1976 auf die Ladefläche eines Trucks geworfen und über Nacht vom Kind zum Soldaten wurde. Die Roten Khmer entführten ihn zusammen mit vielen anderen Kindern. Es war verboten zu weinen. Ein Soldat fragte einen der kleinen Jungen damals, ob er nach Hause wolle, erinnert sich Soun. Der Junge nickte und der Soldat schlug ihm auf den Kopf und warf ihn aus dem fahrenden Wagen. Dann war Ruhe. Soun zog mit den Kämpfern in den Dschungel. 14 Jahre lang blieb er Soldat der Roten Khmer.

„Vor Sonnenuntergang habe ich jeden Abend meine Hängematte zwischen zwei Bäume gespannt. Dann habe ich mein Gewehr in der Nähe aufgestellt und einen Draht am Auslöser befestigt, damit jemand, der sich an mich heranschleicht, darüberstolpert und sich so selbst erschießt. Meinen Kameraden habe ich natürlich vorher gesagt, dass sie nach Sonnenuntergang nicht mehr zu mir kommen können. Aber einer meiner Freunde hat das vergessen. Er kam, weil  er sich eine Zigarette schnorren wollte, und hat den Draht berührt. Tot. Das hat mich traurig gemacht.“

Als kleiner Junge hatte Soun Angst vor Waffen, obwohl sein Vater General war. Er wuchs bei seinem Großvater in einem kleinen Dorf auf und wollte Pilot werden und so hoch fliegen wie die Vögel. Bei den Roten Khmer wurde das Gewehr zu seinem besten Freund. Ein Freund, der immer da war, der das Leben schützte, den man beim Schlafen manchmal fest im Arm hielt, wenn man ganz allein war.

„Ich habe gerne um mein Leben gekämpft. Wenn ich nicht schieße, werde ich erschossen. So gesehen, habe ich wohl gerne gekämpft. Auf dem Schlachtfeld hatte ich immer das Gefühl, dass unsere Feinde echte Feinde waren. Aber wenn ich dann wieder im Lager saß, habe ich mich gefragt, wie viele Menschen wohl gestorben sind an diesem Tag. Ich zählte, nur für mich – eins, zwei, drei, vier, fünf –, wie viele ich erschossen hatte. Manchmal habe ich dann geweint und die Sterne angeschaut, die Bäume, die Vögel und die Schmetterlinge. Ich weiß nicht, wie ich mich davon reinwaschen soll. Ich weiß nicht, wie ich beten soll. Ich weiß nicht, wie man die Worte einer großen Entschuldigung sagen kann. Ich weiß es nicht, weil ich immer nur gekämpft habe.“

Im kambodschanischen Bürgerkrieg wurde Soun von einem unschuldigen Kind zu einem Mann im Krieg. Ist er ein Täter, der kaltblütig Menschen ermordete, oder ist er ein Opfer, das von Pol Pot und seinen Schergen zum Morden gezwungen wurde? Oder war er einfach nur ein Soldat? Die eine Sache ist es, Feinde zu erschießen, die andere Sache ist die grausame Kreativität, an der auch Soun sich beteiligte und die Soldaten von Tötern zu Tätern macht:

„Manchmal haben wir Granaten unter die Leichen der Feinde geschoben, denn wir wussten, dass ihre Kameraden sie später bergen würden. Wer eine Leiche hochhob, starb selbst.“

Soun weiß, wie es ist, wenn der Krieg vorbei ist und ein Soldat feststellt, dass sein Kampf umsonst war, dass er sein Leben für etwas aufs Spiel gesetzt hat, das womöglich falsch war. Wenn er feststellt, dass es vielleicht besser gewesen wäre, kein einziges Mal geschossen zu haben, und dass es vielleicht nie einen guten Grund gab, für den es sich zu sterben oder zu töten lohnte. Wenn die eigene Rechtfertigung einem dumpfen Unwohlsein weicht.

„Es gab einen Schusswechsel in der Nähe eines Dorfes und eine Frau wollte fliehen. Sie war eine Zivilistin ohne Waffe. Ich wollte gerade auf einen Feind schießen, da lief sie durch die Schusslinie. Ich traf sie, sie fiel und starb. Als ich ihr näher kam, sagte ich: ›Entschuldige, ich wollte das nicht. Bitte nimm meine Entschuldigung an.‹ Das war 1984. Das andere Mal stand ich einem Mann gegenüber, der so  aussah wie ich. Gleiches Gesicht, schwarze Haut, so wie ich. Als ich auf ihn schoss und er mir so ähnlich sah, sagte ich: ›Entschuldige, mein Freund. Ich will das eigentlich nicht tun. Du bist mein Feind, aber eigentlich kann ich das nicht akzeptieren.‹ Das war im Mai 1987. Ich habe trotzdem geschossen und er ist gestorben. Das waren die zwei Male, bei denen ich mich entschuldigt habe. Ansonsten habe ich nie um Vergebung gebeten.“

Seit der Krieg zu Ende ist, kann Soun oft nicht schlafen. Er träumt von seinen zwei Schwestern, die verhungert sind, während er im Dschungel kämpfte, von seiner Mutter, die verschwunden ist, und von seinem Vater, der erschossen wurde. Davon, wie er auf dem Schlachtfeld liegt und um ihn herum alles explodiert. Und von all den Toten. Ein Mönch hat ihm einen Traumschutz auf den Arm tätowiert, seitdem schläft er besser. Im Traum besuchen ihn oft die Geister seiner toten Kameraden und sagen freundliche Dinge zu ihm. Aber wenn er wach ist, weint er trotzdem oft. Vor allem an Feiertagen, weil er gar niemanden mehr hat, der mit ihm gekämpft hat, und er sich allein fühlt und an den Krieg denken muss. Dann bleibt ihm nichts anderes, als sich zu betrinken.

„Ich habe viele Menschen auf dem Schlachtfeld verloren. Einmal wurde einer meiner Freunde in die Brust getroffen. Ich habe mich zu ihm gekniet und er hat gefragt: ›Kannst du mich festhalten? Ich habe Angst.‹ Ich habe ihn umarmt und ihm gesagt, dass alles gut wird, aber er wusste, dass er sterben muss. Er hat mir sein Gewehr gegeben und gesagt: ›Nimm mein Gewehr, es ist wie meine Seele und soll auf dich aufpassen.‹ Dann ist er gestorben und ich habe in den Himmel geschossen und dann einen Kreis um seinen Körper herum, bis das Magazin leer war. Ich wollte seiner Seele Geleitschutz geben.“

Wenn Soun heute Touristen über die alten Schlachtfelder führt, dann spricht er Englisch. Manchmal loben ihn die Geister dafür, sie sagen: „Soun, du hast ja Englisch gelernt, wie hast du das geschafft?“ Aber Soun ist sich sicher, dass es die Geister selbst waren, die ihm dabei geholfen haben. Wie sonst hätte dieses Wunder geschehen können? Er soll ihre Geschichten mit der Welt teilen und er soll seine Geschichte erzählen, damit sie sich nicht wiederholt.



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