„Den anderen zu lesen heißt zuzuhören“

ein Interview mit Federico Italiano

Schuld (Ausgabe II/2019)


Herr Italiano, was bedeutet eine „Grand Tour“ der Lyrik für Sie?

Im 18. und 19. Jahrhundert machten viele reiche Sprosse aus aristokratischen Familien eine Art Erziehungsreise zu den wichtigsten Städten Europas, die sogenannte „Grand Tour“. Doch unsere Grand Tour stellen wir uns ganz anders vor: Es ist eine unhierarchische und für alle zugängliche Reise auf den Spuren junger Lyriker in ganz Europa.

In der Anthologie kommen auch Dichter aus der Türkei oder Israel vor. Wie definieren Sie Europa?

Sehr inklusiv und symbolisch, nicht rein geografisch oder entlang marktwirtschaftlicher Grenzen. Europa ist für mich eher eine besondere Art der Kommunikation: Hier kommen geistige, literarische und philosophische Strömungen zusammen. Und Länder wie Israel oder die Türkei sind historisch und kulturell natürlich eng mit Europa verbunden. Die Dichter dieser Anthologie gehören zu einem Europa der Lyrik, das nicht in getrennten Schubladen funktioniert, sondern nur in ständiger Kommunikation. Die Sprache Europas ist die Übersetzung.

In politischen Kontexten herrscht derzeit in Europa nicht zwingend Einigkeit. Kann die Lyrikszene als positives Beispiel angesehen werden, wie länderübergreifende Zusammenarbeit funktionieren kann?

Ja. Das Europa der Lyrik ist in bester Verfassung. Dichter lesen sich gegenseitig, übersetzen sich gegenseitig, treffen sich auf Festivals oder Lesungen, organisieren Projekte miteinander.  Den anderen zu lesen heißt dem anderen zuzuhören. Sich die Zeit zu nehmen, dessen Alphabet zu entziffern, und zu verstehen, was dahinter­steckt. Ich glaube, das politische Europa würde besser funktionieren, wenn diese Freude am Austausch, die in der Lyrikszene existiert, stärker wäre.

Wie kam die Auswahl der Gedichte in Ihrer Anthologie zustande?

Die Idee tauchte bei einem Glas Wein mit Jan Wagner auf. Wir stellten fest, dass wir beide die nordirische Dichterin Sinéad Morrissey kennen und sehr schätzen. Von ihr kamen wir auf zahlreiche weitere europäische Lyriker zu sprechen und die Idee einer Anthologie war geboren. Wir wurden beide in den 1970er-Jahren geboren und haben den Eindruck, dass viele Dichter unserer Generation ähnliche Erfahrungen haben. Dem wollten wir nachfühlen. Wir haben junge Lyrik bis zu einem Geburtsjahr von 1968 definiert, weil dieses Jahr eine europaweite Zäsur darstellte. Bei der Auswahl der Gedichte stand uns pro Land eine Expertengruppe aus älteren Dichtern und Übersetzern zur Seite. Es ist wunderbar, wie viele Menschen mitgearbeitet haben. Wenn ich hundert sagen würde, wären es zu wenige.

Welche Themen Ihrer Generation tauchen in den Gedichten auf?

Es gibt wahnsinnig viele Gedichte über den Generationswechsel, das Erwachsenwerden, die Beziehung zur Familie. Diese Nähe, die interpretiert werden muss. Und es gibt wunderbare Tiergedichte in fast jeder Sprache. Der Fuchs, die Schildkröte: Tiere scheinen immer Thema zu sein. Generell habe ich den Eindruck, dass das konkrete Bild sehr wichtig zu sein scheint, ebenso das Alltägliche, die Beschreibung von scheinbar unwichtigen Dingen.

Was waren die größten Überraschungen für Sie?

In vielen kleineren osteuropäischen Ländern wie Estland oder Slowenien ist die Lyrikszene sehr vielfältig. Aber Polen ist das Geheimland der Anthologie. Dass die junge Lyrikszene dort so brummt, hatte ich nicht erwartet. Dagegen ist Frankreich, ein Land, das wie kein anderes für die moderne Lyrik steht, eher schwach vertreten. Insgesamt bin ich beeindruckt, wie aktiv, zukunftsorientiert und wie weiblich die Szenen europaweit sind. Vor zehn Jahren dachten alle, das Genre der Lyrik würde aussterben, weil es keine Leser mehr gäbe. Aber die Lyrik ist keineswegs tot, sondern sehr lebendig.

ein Interview von Gundula Haage

Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas. Herausgegeben von Federico Italiano und Jan Wagner, Hanser, München, 2019.



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