Desperados, Freaks und verlorene Seelen

von Jutta Person

Schuld (Ausgabe II/2019)


Alles beginnt mit einer Leiche. Die tote Hexe, die ganz offensichtlich einen gewaltsamen Tod gestorben ist, liegt in einem der Zuckerrohrfelder, die das Dorf La Matosa umgeben, die Berghänge Mexikos im Westen, das Meer im Osten, irgendwo im tropisch heißen Hinterland von Veracruz. Hier brettern nur die Öltransporter durch, die Frauen verkaufen sich, die Männer bedröhnen sich mit Bier oder Pillen, deren Trips direkt ins Nirwana führen, dorthin also, wo man auch ohne synthetische Hilfsmittel schon festsitzt.

Die Schriftstellerin Fernanda Melchor lässt offen, wo genau sich die großen und kleinen Tragödien ihres Romans „Saison der Wirbelstürme“ abspielen, sicher ist aber, dass der Fall der Hexe eine ganze Reihe von abgründigen Geschichten zutage treten lässt – eine so monströse wie alltägliche Unterströmung der Gewalt, die das Leben der Leute prägt. Die „arme Verrückte“ und „gemeine Schlange“, die zurückgezogen in einem schmutzstarrenden Haus inmitten des Zuckerrohrs kampiert, wird trotz oder gerade wegen ihrer magischen Mittelchen zum Sündenbock. In acht Kapiteln kommen all die Desperados, Freaks und verlorenen Seelen zur Sprache, die mehr oder weniger direkt mit der Hexe zu tun haben – einige auch mit ihrem Tod.

Die ewig in Schwarz gekleidete Hexe, deren Namen niemand kennt, hört sich die Klagen der Frauen an, braut Kräutertränke und hilft bei Liebeszaubern und Abtreibungen. Die Rückblenden auf den Tod der Namenlosen verraten zunächst mehr über die Dorfbewohner selbst. Yesenia etwa, ein Mädchen, das in der Nähe wohnt, beobachtet, wie die leblose Figur von zwei Kerlen aus dem Haus gezerrt wird. Einer der Kerle ist ihr Cousin Luismi, von Yesenia als Drecksschwuchtel und geisteskranker Junkie beschimpft. Während sie ihrer Wut freien Lauf lässt, schnurrt ihr eigenes, trauriges Leben auf wenige Seiten zusammen: Ihre Mutter hatte sie bei der prügelnden Großmutter zurückgelassen, die nur ihren männlichen Enkel vergöttert.

Entscheidend ist bei Melchor der sprachliche Singsang, eine Logik des Gerüchts und der üblen Nachrede, die Angelica Ammar in einen schimpfwortdurchzogenen, kaum von Punkten unterbrochenen Sermon übersetzt hat. Über Luismi etwa heißt es: „Dieser Pisser ist bestimmt genauso versaut wie seine Mutter, diese Schlampe, von der man sich im Dorf noch Schlimmeres erzählte, sieben Männer sollten wegen ihr draufgegangen sein, alle an Aids, sieben tote Männer, wenn man dem Gerede glaubte, vielleicht auch acht, und das Schlimmste daran war, dass die miese Schlampe gesund und munter daherkam, als ob sie gar nicht von innen an der Krankheit verfaulte; sie wurde nicht dürrer, sondern erfreute sich nach wie vor der üppigen Kurven, für die sie berühmt war.“ Dass die Wut sich nicht nur auf Frauen richtet, sondern gleichermaßen homophob ist, überrascht kaum. Und dass die Hexe immer deutlicher als „verfluchte Tunte“ in Erscheinung tritt, die Sex- und Drogenpartys für die Dorfjugend schmeißt (und sich doch vor allem nach einer Bühne für ihre Gesangsdarbietungen sehnt), treibt die Dynamik weiter an. Was toxische Männlichkeit und Zwangsheterosexualität bedeuten können, wird in „Saison der Wirbelstürme“ überdeutlich sichtbar.

Fernanda Melchor, 1982 im Bundesstaat Veracruz geboren, findet mit ihrem neuen Roman jetzt auch international ein größeres Echo. In einer Podiumsdiskussion hat die Schriftstellerin erzählt, dass sie die „notas rojas“ aufmerksam verfolge, die mexikanische Yellow Press, die Gewaltverbrechen so melodramatisch wie möglich darstellt. Dort habe sie auch den Kern ihrer Geschichte gefunden – eine tote „Hexe“, die so beschrieben wurde, als ob die Wirksamkeit ihrer Hexerei ganz außer Frage stehe. Tatsächlich ist es vor allem die ungefilterte Drastik ihrer Figuren, die im Kopf weiterdröhnt. Was den Erniedrigten und Verlorenen bleibt, ist eine manchmal schwer auszuhaltende Sprache, die wie eine Naturkatastrophe wütet, ähnlich wie die Wirbelstürme dieser düster-brachialen Geschichte.

Saison der Wirbelstürme. Von Fernanda Melchor. Wagenbach, Berlin, 2019.



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