Was soll das?

Pius Knüsel

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Die Kulturwissenschaft forscht fleißig. Kommunikation, Management, kulturelle Bildung, Vermittlung, kulturelle Demografie, interkulturelle Verständigung, Kulturpolitik und ihre Auswirkungen – ungezählt sind die Themen. Nur eines kennt kaum wissenschaftliche Analyse und noch weniger faktenorientierte Diskussion: die staatlich geförderte internationale Kulturarbeit. Obwohl von den meisten wohlhabenden Nationen dieser Welt betrieben, entzieht sie sich einer kritischen Analyse, weil sie jenseits der Grenzen und damit außerhalb des Sehfelds passiert.
 Das Nachdenken über geförderten Kulturaustausch müsste nicht nur die Frage bearbeiten, ob dieser außer bei den direkt Beteiligten überhaupt etwas bewirkt, sondern vor allem, ob sich die staatliche Lenkung, die mit der Förderung einhergeht, positiv auswirkt. Ob sie tatsächlich dazu beiträgt, außen- und innenpolitische Ziele zu erreichen. Dabei mache ich im Folgenden keinen Unterschied, ob die staatliche Lenkung explizit oder bloß subsidiär ist. Das Schattendasein hat dazu geführt, dass sich Irrtümer verfestigen, was der Kulturaustausch leiste. Ich zähle zehn. 

Der erste und wichtigste Irrtum ist, zu glauben, dass das, was wir unter dem Titel „internationale Kulturarbeit“ tun, für die nationale Politik von Bedeutung sei. Mit staatlichem Geld lancieren wir Projekte und Partnerschaften, schicken wir Künstler um die Welt, laden wir zu Vernissagen und Aufführungen. Damit glauben wir, unsere Nation jenseits aller politischen Instrumentalisierung in ein gutes Licht zu rücken, zum interkulturellen Dialog beizutragen, Frieden herzustellen, die Integration von Immigranten zu befördern und unser Land attraktiv zu machen. Auf den Websites der neuseeländischen Botschaften zum Beispiel steht, die Kunst zeige, was einzigartig sei an dem Inselstaat. Und seine Kreativindustrie verändere unsere Wahrnehmung von Neuseeland. 
 Tatsächlich aber assoziiere ich Neuseeland noch immer mit Lammfilets, einer radikal liberalisierten Landwirtschaft, mit alpengleichen Bergen und Maori, die aus ihrer Misere nur mühsam herausfinden. 
 Oder – ganz nah – die Schweiz. Sie investiert im europäischen Vergleich pro Kopf am meisten in die Kunst, verfügt über hervorragende global tätige Architekten und stellt etwa drei unter den zehn wichtigsten Namen der visuellen Kunst weltweit. Trotzdem: Auf Simon Anholts Nation Branding Index bewegt sich die Schweiz im Hinblick auf die Kultur am untersten Rand. Dafür kommen unsere Nachbarn aus Öster-reich nicht aus der Mozart- und Strauss-Ecke raus, trotz aller Bemühungen um modernen Kulturaustausch. Auch Deutschland ist nicht das Land der Ideen geworden, sondern bleibt der Hersteller hochwertiger Automobile, die man jenseits des grünen Gewissens und grüner Kunst weiterhin fahren darf.

Worin besteht unser Irrtum? Unter anderem darin, dass die Wirklichkeit den Austausch wirksamer in Gang bringt als unsere Programme, und das nicht in den geschützten Hallen unserer Institute, sondern im realen Leben mit Millionen von Beteiligten. Selbst unser – durchaus lauteres – Bedürfnis nach interkulturellem Dialog entwickelt sich nicht im luftleeren Raum von politischen Zielvereinbarungen, sondern mit Verspätung im Gefolge des Handels. Der Kulturdialog folgt der Wirtschaft. Beispiel Japan: Der kulturelle Austausch entfaltete sich erst mit dem Aufstieg Japans zur globalen Industriemacht ab Mitte der 1960er-Jahre. Ähnlich China: Es ist die Wirtschaft, die der Kultur den Weg bereitet. Die Schwemme chinesischer Produkte stellt die Frage nach den Menschen hinter diesem wirtschaftlichen Aufstieg. Doch bis die Kulturpolitik reagiert, haben sich die Bilder längst eingestellt.
 Sie zu korrigieren, ist unmöglich. 

Handel weckt Neugier. Das war schon in der Steinzeit so. Seit dem Mittelalter verfügen wir über kulturelle Zeugnisse dazu. Menschliche Neugier benötigt die Pflasterung mit staatlichem Geld nicht. Die Menschen reisen mehr denn je, in den hinterletzten Winkel des Planeten finden sich die Spuren von Schweizer und deutschen Touristen, die Welt rieselt via Fernsehen, Film, Internet dazu täglich ins Haus. Also demonstriert die staatliche Unterstützung nur unser Misstrauen, dass die Mehrheit sich ohne unsere weise Führung in der Welt zurechtfände, dass sich andere kulturelle Werte als die uns teuren verbreiteten. 
 Der Verdacht erhärtet sich, wenn ich Künstler im Radio von ihren Residenzaufenthalten in London oder Bangalore erzählen höre. Es ist selten, dass sie Interessanteres zu berichten haben als Freunde, die solche Reisen auf eigene Kosten machen. Und die Kunst, die sie nach Hause bringen, vermeidet genau jene Befremdung, um die es ginge – solche Narrativität würde als naiv gelten und nicht in die europäische Kulturbegrifflichkeit passen. Die Erfahrung, die sie machen, bleibt individuell und ist über ihre Kunst nicht kommunizierbar. Dem Glauben also, staatlich geförderter Austausch würde eine neue Qualität von Verständigung zwischen Ländern und Kulturen bewirken, mangelt es an Evidenz. 

Der staatlich geförderte Kulturdialog beruht zweitens auf einem Missverständnis. Unser Auftraggeber, die Politik, erwartet politisch Verwertbares, sie wünscht Aufmerksamkeit, sie träumt von Plattformen der imagewirksamen Selbstdarstellung, von Bewunderung, welche die Künstler übersteigt und sich auf das Senderland richtet, das solch wunderbare Talente hervorbringt, ernährt und entsendet. Das Gastland erwartet dasselbe. Vor allem erwartet es Großartigkeit. Und Geschenke als Gegenleistung für das politische Wohlwollen, das solche Übungen erfordern. Dumm ist bloß, dass das Publikum weltweit skeptisch ist gegen jede Form von Anbiederung. Wieso soll ein Künstler wie Christoph Büchel ihnen die Schweiz näherbringen, wo er gerade als aufgeklärter Zeitgenosse ein kritisches Verhältnis dazu einnehmen muss? Glaubt jemand, die Berliner Philharmoniker würden für Deutschland musizieren? Die Bürger sind werbegestählt, auch im tiefsten Sahel und im hohen Pamir. Was smarte Funktionäre untereinander vereinbaren, kann nur domestizierte Kunst sein. Glaubwürdigkeit aber hieße, Veranstalter und Künstler gewähren zu lassen und auf Spektakel mit Stehbuffet zu verzichten. Freiheit ist ein Risiko, aber nur so überzeugt sie, entfaltet die Kunst ihre Stärke. Und wenn die Menschheit etwas nötig hat, dann starke Kunst.
 Das dritte Missverständnis: Zwischen reichen Ländern wirkt der organisierte Kulturaustausch künstlich, zwischen Reich und Arm wie verspäteter Imperialismus auf ästhetischem Samtkissen. Kulturaustausch mit Burkina Faso: Da sind wir in jedem Fall die Mächtigen, die vorführen, wie interessant das Leben im Wohlstand sein kann, da es sogar Abstecher nach Ouagadougou ermöglicht. Empathie erscheint als Ergebnis von Luxus, während der Markt zu Hause die landwirtschaftlichen wie kulturellen Produkte unserer Dialogpartner nicht aufnehmen will infolge Protektionismus und inkompatibler Qualitätsbegriffe.

Der staatlich finanzierte Kulturdialog kommt viertens zu spät, weil er einen politischen Common Sense voraussetzt, den herzustellen viel Zeit benötigt. Zuletzt erschließen wir Terrain, das bereits erschlossen ist. Denn die Allgegenwart der Kulturen ist längst Wirklichkeit, Globalisierung, Tourismus und Internet sei Dank. Die Bürgerinnen und Bürger sind Profis im Reisen und Profis im Umgang mit dem Fremden, ganz praktisch. Sie leben Neugier und kosten ihre eigene Unbeholfenheit. Und nehmen positive Erfahrungen so ernst wie negative. Man mag lachen über die Millionen Deutschen und Schweizer, die sich jedes Jahr in Mallorca oder in Benidorm rösten lassen. Aber es gibt andere Millionen, die tatsächlich fremde Länder bereisen und mentale wie reale Bilder nach Hause bringen, diese teilen und weitergeben und damit die Weltsicht vieler Menschen prägen. Istanbul ist hip – aber nicht wegen des Goethe-Instituts oder Pro Helvetia, sondern wegen der unzähligen Touristen, die sich jedes Jahr in die Atmosphäre dieser Stadt versenken und zu Hause davon berichten. Staatlich gespeiste Kulturprogramme bewegen sich, was ihre Wirkung angeht, im Vergleich dazu unterhalb der Schwelle der Messbarkeit. 
 Ein weiterer schöner Irrtum: der öffentliche Kulturaustausch mache uns andernorts Freunde. Kleine Geschenke, das weiß der Volksmund, erhalten die Freundschaft, große aber verderben den Charakter. Am intensivsten, dauerhaftesten sind noch immer die Kontakte, die aus wahrem Interesse ohne uns zustandekommen. Nur so sind sie beiderseits gewollt, nur so stecken Wille und Passion darin. 

Die sechste Schwäche: Die Avantgarde ist global aktiv, lange bevor wir die Kommissionen einberufen haben. Allein, die wirkliche Avantgarde bewegt sich im Feld der Populärkultur und gehört zur globalen Kulturindustrie, die auf ständige Ausdifferenzierung und Erneuerung angewiesen ist. Wir dagegen mühen uns um die Hochkultur, die mit sozialer Distinktion einhergeht und im Gastland die Eliten erreicht, nicht aber das breite Publikum. Wir bestätigen die Eliten darin, dass sie Eliten sind, vor allem also uns selbst. Brauchen wir das? 

Die siebte Schwäche nenne ich die Reisekunst. Eine wachsende Zahl von Künstlern betreibt Atelierhopping. Es gilt das Credo, internationale Erfahrung wirke sich positiv auf die künstlerische Arbeit aus. So hängen viele Künstler Residenz an Residenz. Wir brauchen sie, um die wachsende Zahl von Ateliers zu füllen. Die EU rückt die Förderung der Mobilität von Künstlern gar ins Zentrum. Ich fürchte mich vor dem künstlerischen Massentourismus, der sich globalisierungskritisch gibt, aber genau diese Globalisierung vorantreibt, so bodenlos wie die Protagonisten des aktuellen Kinos, die zwischen Schanghai, Mumbai und Paris pendeln, ohne zu wissen, wo sie sind. Dafür bleiben die Themen der unmittelbaren Umgebung unbearbeitet. 
 Staatlich gesteuerter Kulturdialog ist, Schwäche Nummer acht, immer ein politischer, kein kultureller Akt. Auch wenn wir Pro Helvetia heißen und nicht die eidgenössische Regierung sind oder wenn das Goethe-Institut nicht identisch ist mit dem Auswärtigen Amt, riechen wir nach Offizialität. Entweder sind wir in Ländern tätig, die offen und demokratisch sind, dann spielt unsere Anwesenheit keine Rolle, oder wir werden in geschlossenen Gesellschaften aktiv, dann stehen wir unter Beobachtung. Unser heimlicher Wunsch, denen dort ein paar Gramm Subversion und Demokratie zu vermitteln, erfüllt sich nicht. Eher bringen wir die Leute in Gefahr. Vielleicht wollen wir das ja, missionieren für die westliche Weltordnung, als eine Art kulturelle CIA.

Die neunte Schwäche ist der Glaube, Kunst trage zur Verständigung der Kulturen bei. Kunst trägt nicht einmal zur Verständigung innerhalb unserer eigenen Kultur bei. Im Gegenteil, sie spaltet die Gesellschaft in kulturnahe und kulturferne Schichten, in Unten und Oben, in Geförderte und nicht Geförderte, in Zivilisierte und zu Zivilisierende, in Initiierte und Banausen. Ich bin überzeugt, dass zur Kunst immer der Respekt vor den Leistungen anderer Kulturen gehört. Aber die Vorstellung, dass daraus mehr Verständnis für die Nöte anderer Völker oder ihr Verhalten auf der Bühne der Weltpolitik erwachsen kann, scheint mir naiv. Man nehme nur die Schweizer Minarettabstimmung von 2008, das französische Burkaverbot oder die Debatten um Thilo Sarazzins Buch. Wie ist solches möglich in Gesellschaften, die so inflationär kulturelle Verständigung praktizieren?

Zehntens, die Systemschwäche: Wir Kulturaustauscher leben in einer Blase. Umgeben von den unmittelbaren Nutznießern unserer Arbeit, sehen wir nur den Output und aalen uns im Lob der Kollegen. Der Effekt, der sich spät und entfernt einstellt, entzieht sich uns. Niemand von uns ist mehr dort, um ihn zu messen. Alle unsere Argumente bauen auf kurzfristige Wirkungsbehauptungen, sozusagen die Zahl der Ehrengäste am Empfang. 

Diese zehn Gründe gegen den staatlich angeregten und kontrollieten Kulturaustausch habe ich mehrfach öffentlich angebracht. Spätestens an dieser Stelle war das Entsetzen in den Gesichtern beträchtlich. Schließlich handelt es sich um zehn Gründe, die Arbeit niederzulegen, auch für mich. Nun ist es nicht nur die Abneigung gegen Arbeitslosengeld, welche mich weitermachen lässt. Ich vermute, und jetzt kommt die Trostschleife, es gibt durchaus positive Effekte unserer Arbeit. Allein, sie liegen haarscharf neben unserem politischen Auftrag. Hier sind sie:
 Die Förderung des internationalen Kulturaustauschs ist eine innenpolitische Tat. Sie beweist, dass der Staat die Kunst als gestaltende Kraft ernst nimmt. Auch wenn er sie, und hier liegt der Hase im Pfeffer, weder steuern noch instrumentalisieren darf, weil ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht. Und damit die Glaubwürdigkeit der Nation, die hinter ihr steht.
 Wir peppen das Budget lokaler Veranstalter auf. Sie produzieren mehr Kunst – um den Preis, dass sie etwas nach uns riecht. Kaum jemanden außer unseren Diplomaten vor Ort interessiert die Herkunft, doch das Angebot neuer Erlebnisse ist da. Das ist geteilter Wohlstand. Wir bedienen das Ego der Politiker, indem wir ihnen Auftritte verschaffen. Das ist eine kostengünstige Politik der Ansprachen. Hinter dem Rücken der Redner tun wir, was die Kunst benötigt. Wir lähmen den Aggressionstrieb, indem wir die Länder beziehungsweise ihre Vertreter sich umarmen lassen. Dass es um Kunst geht, ist zuerst mal egal. Dass die Repräsentanten sich zivilisiert aufführen, ist hingegen ein essenzieller Gewinn und kommt langfristig der Kultur zugute. Wir humanisieren die Wirtschaft. China ist nicht bloß die globale Fabrikhalle, sondern auch Kulturnation. Zu meinem Hemd aus chinesischer Produktion gesellt sich die Pekingoper. Das relativiert die wirtschaftliche Bedrohung. Und beweist, dass dort nicht nur Arbeitstiere leben, sondern Leser von Grass und Dürrenmatt, Begeisterte des „ballettmainz“ und von Mummenschanz. Dass es in China auch mal Feierabend gibt, ist tröstlich für uns Westeuropäer, die wir Arbeit durch Kunst, Fabriken durch Kunsthallen ersetzen.
 Das sind ein paar Effekte unserer Arbeit. Sie passen nicht in den Diskurs der Völkerverständigung, weil diese viel zu komplex ist, als dass man darüber Regie führen könnte. Kulturaustausch benötigt das Erfolgsinteresse der kulturellen Partner. Keine Kunst hat die Welt so durchdrungen wie Hollywood, welche den Überlebenswillen der Kinobetreiber am Hindukusch wie am Kilimandjaro nutzt. Hollywood hat keine Weltverbesserungsbotschaft, aber es hat die Welt verändert. Das sollten wir uns als Vorbild nehmen. Der Fortschritt des menschlichen Denkens und Fühlens lässt sich nicht planen. Er besteht aus Millionen von Mikroerlebnissen. Der staatlich geförderte Kulturaustausch muss daran arbeiten, diese zu ermöglichen, ganz planlos. Also keine Saisons Françaises mehr, keine Deutschlandwochen, keine Schweizfestivals. Dafür kulturelle Guerilla. Vielleicht sollte der Staat aus dem Kulturaustausch ganz verschwinden und einzig die Initiativen freier Individuen und nicht staatliche Strukturen unterstützen. Im Vertrauen darauf, dass, was unserer Gemeinschaft wohltut, sich uns entziehen muss.



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