„Journalisten fördern Empathie“

von Maureen Seaberg

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Wenn man die Medienschelte mancher Menschen hört, könnte man meinen, jemand setze denjenigen, die etwas Geschmackloses lesen oder im Fernsehen anschauen, eine Waffe an die Schläfe und zwänge sie, den Inhalt nicht nur zu schlucken, sondern auch dementsprechend zu handeln. Das klingt hart, ich weiß, aber man muss die Menschen wachrütteln, damit sie verantwortungsbewusste Medien unterstützen und sich von verantwortungslosen fernhalten.

Manche mögen dagegenhalten, dass die Presse eine Art Büchse der Pandora ist, aus der alle möglichen Formen von Propaganda in die Welt entweichen. Zugegebenermaßen gibt es zahllose Beispiele, die diese eingeschränkte Sicht stützen, angefangen von den staatlichen und zensierten Medien weltweit bis hin zu Fox News hier in den USA. Generell brauchen wir eine klarere Trennung zwischen Kommentaren wie dieser Kolumne und objektiver Berichterstattung.

Seit 20 Jahren bin ich als Journalistin tätig und habe auf Reisen in Europa, Südasien, Nahost und Fernost die Medien anderer Länder kennen gelernt. Unter dem Strich haben diese einen positiven Effekt auf die Beziehungen zwischen den Kulturen. Das liegt größtenteils an den vielen verantwortungsbewussten Medien, die es trotz der weltweiten Rezession noch immer gibt, insbesondere in den liberalen Gesellschaften der westlichen Welt. Einige der besten Beispiele unter den amerikanischen Medien sind die New York Times, PBS, NPR und 60 Minutes. Meine erste Geschichte für die New York Times handelte von einem irakischen Jungen, Ali Ismael Abbas, der aus gesundheitlichen Gründen nach Amerika kam, nachdem er im Krieg schwer verwundet worden war. Der „Feind“ und die Statistik des Leidens bekamen so ein menschliches Gesicht. Journalisten machen uns so Tag für Tag mit Menschen aus den entlegensten Winkeln der Welt bekannt. Und das fördert die Empathie gegenüber anderen Kulturen.

In ihrer Berichterstattung über interkulturelle Konflikte können Medien Differenzen in einem offenen Forum äußern und sogar eine Ventilfunktion für weltweite Auseinandersetzungen übernehmen. Sie zeigen – wie häufig im israelisch-palästinensischen Konflikt – beide Seiten. Damit lösen sie die Probleme vielleicht nicht über Nacht, doch vermindern sie die „Andersartigkeit“ der Gegenseite und verdeutlichen, was uns als Menschen verbindet.

Der Einfluss der Medien auf interkulturelle Themen lässt sich in den USA beispielsweise an der Welle der Empörung ablesen, die der Prediger Terry Jones in Florida auslöste, als er aus Protest gegen das islamische Kulturzentrum in Lower Manhattan eine Koranverbrennung plante. Ich fand seine Aktion dumm und unüberlegt. In dem Zentrum soll nicht nur eine Moschee, sondern auch Raum für interkulturellen Dialog entstehen, und die Sufisten, die hinter dem Projekt stehen, sind eher mystisch als militant. In Medien aller Couleur hagelte es Kritik schließlich verurteilte sogar Präsident Obama die geplante Koranverbrennung, so dass der Prediger einen Rückzieher machte. Ich ärgere mich wie er über den militanten Islamismus, doch dass die Medien unablässig über diesen weltfremden Ausdruck seines Zorns berichteten, hat zweifellos das Leben vieler amerikanischer Soldaten und vielleicht auch Zivilisten vor blutigen Reaktionen auf die Koranverbrennung gerettet.

Medien und Öffentlichkeit stehen in einem symbiotischen Verhältnis zueinander, und wenn die Öffentlichkeit Qualitätsjournalismus nicht konsumiert, wird er aussterben oder vom Rest übertönt werden. Die Menschen müssen genauso auf ihren Medienkonsum achten wie auf ihre Ernährung. Anstatt den Trash zu sich zu nehmen, der in einer Gesellschaft mit Pressefreiheit und einer lebendigen Medienlandschaft unvermeidlich ist, sollten sie besser umblättern, umschalten und sich weigern, die Hassprediger zu unterstützen.

Leider leben wir in einem Zeitalter, in dem Menschen unwillens sind, persönlich Verantwortung zu übernehmen. Man sieht es an den Tausenden in Amerika, die Hypotheken unterschrieben haben, obwohl sie genau wussten, dass sie sich diese nicht leisten konnten und die jetzt ausschließlich der Wall Street die Schuld an der Krise geben. Man sieht es auch an den grundlosen Schadensersatzklagen und – ja – an der Tendenz, den Medien die Schuld für gesellschaftliche Missstände, einschließlich mangelnder Kontakte zu anderen Kulturen, zu geben.

Die Medien haben die Pflicht zu bilden und das wahre Bild wiederzugeben. Mir sind in den letzten 20 Jahren genügend Journalisten begegnet, die genau das wollen. Wünschenswert wäre allerdings mehr internationale Erfahrung, damit Medienmenschen nicht diese typischen Fehler unterlaufen, die ich jeden Tag lese: Es warten nach muslimischer Vorstellung nicht einfach 72 Jungfrauen im Paradies , sondern 72 Huris, engelhafte ewig jungfräuliche Wesen. Es gibt auch keine „Ground Zero Moschee“, denn weder befindet sie sich am Ground Zero noch handelt es sich um eine Moschee.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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