Kitsch statt Kritik

von Vule Žurić

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Niemals werde ich meinen Auftritt 1998 bei dem Belgrader TV-Sender Studio B vergessen. Während ich auf meinen Einsatz in der Literatursendung wartete, verfolgte ich hinter den Kulissen das Fußballspiel Dinamo Zagreb gegen Atlético Madrid im kroatischen Fernsehen. Übertragen wurde das Match aus dem Maksimir-Stadion in Zagreb. Für die Fans des Dinamo Zagreb ist es bis heute der Ort, an dem 1990 der jugoslawische Bürgerkrieg seinen Anfang nahm. Damals wurde ein Spiel wegen vorheriger Ausschreitungen nicht angepfiffen.

Der Erste Weltkrieg begann in meiner Heimatstadt Sarajewo mit dem Attentat von Gavrilo Princip auf Erzherzog Franz Ferdinand, der Zweite Weltkrieg fing in Jugoslawien mit den Bombardements von Belgrad an. Der letzte Krieg in unserer Region begann in Raten. Und so wird er wohl auch zu Ende gehen. Nach wie vor sind Friedenstruppen in Bosnien und Herzegowina und im Kosovo stationiert.

Am Abend meines Auftritts stieg die schöne Redakteurin von Studio B in unser Interview mit der Festellung ein, ich sei für meine Kriegserzählungen bekannt. „Das ist wohl leider wahr“, antwortete ich. „Wieso leider?“, fragte sie. Diese Ignoranz entsetzte mich, insbesondere wenn man über all die Verluste nachdenkt, die ein Krieg mit sich bringt. In meinen Geschichten beschäftige ich mich immer wieder mit dem Krieg. Oder beschäftigt sich der Krieg mit mir?

„Im Falle eines Krieges nehme ich die Rolle der Geisel ein“, scherzt Woody Allen in einem seiner Filme. Ich habe die Rolle des Kriegsschriftstellers eingenommen – so wie die Bürger im Blutbad des zerschlagenen Jugoslawien die Rolle der Geisel in komplizierten Interessenkonflikten, internationalen und nationalen Verstrickungen und frankensteinartig evozierten Ideologien einnehmen mussten.

Die hiesigen Autoren wurden gewollt oder ungewollt zu Kriegsschriftstellern. Das beste Beispiel ist das Werk von David Albahari. Sein Roman „Die Ohrfeige“ kann wahrscheinlich als das wichtigste Werk über die Niederlage der Serben in den Neunzigern betrachtet werden. Zu den interessanten Namen der letzten Zeit zählen Vladimir Kecmanovi?, der einen Roman über den Krieg in Sarajewo verfasste, sowie Zvonko Karanovi? mit seiner Trilogie „Tagebuch eines Deserteurs“. Wir Schriftsteller konnten zwar in diesen letzten zwanzig Jahren auch über Pusteblumen, die Rückkehr der Biber in die Naturschutzgebiete oder, so wie ich, über Jazz und Fußball schreiben, aber unter diese Themen mischte sich immer häufiger auch dieser beunruhigende Kontext von Krieg und Frieden, Schuld und Sühne.

Im Oktober 2000 – nach den Kriegen, nach den Sanktionen, nach Miloševi? – sollte eine lichte Zukunft nun jeden Moment Wirklichkeit werden. Die Nation wartete mit Optimismus und Ungeduld auf die Langeweile. Doch der wohlverdiente Urlaub von der Geschichte blieb aus. Stattdessen hagelte es Entlassungen – von Arbeitern und Angestellten staatlicher Unternehmen, Fabriken und Banken. In diesen Tagen wurde auch uns Schriftstellern eine Kündigung ausgehändigt. Wir wurden aus den Kulturressorts der Zeitungen auf die bunten Seiten der Unterhaltung abkommandiert.

Waren Schriftsteller in den Jahren des Sozialismus in Jugoslawien noch das Gewissen der Gesellschaft, so galt die öffentliche Aufmerksamkeit nun den Unterhaltern. Ernst zu nehmende Kritiker der Wirklichkeit wurden in die Reihen der Zuschauer verbannt. Der öffentliche Raum machte Platz für die Interpreten des Turbo-Folk, eine schwer zu beschreibende und noch schwerer anzuhörende Kombination aus orientalischen, volkstümlichen und neumodischen Dancefloor-Kitsch-Klängen.

Heute schreibt eine Sängerin aus der Turbo-Folk-Szene eine Kolumne in einer serbischen Tageszeitung. Dabei ist es gar nicht so schlimm, dass sich diese Secondhand-Version einer Balkan-Madonna mit Sprache befasst. Es ist vielmehr ärgerlich, dass sie ihre Meinung als die ultimative verkauft. Der serbischen kränkelnden Gesellschaft suggeriert man dabei, dieser Star der Turbo-Folk-Szene habe sich als Erste mit Themen wie Srebrenica, Vukovoar, Sarajevo oder Rassismus befasst.

Dabei gibt es in Serbien wichtige Schriftsteller, die über den Krieg schreiben: solche, die in ihren Werken existenzielle Fragen über die Gesellschaft und den Krieg stellen, und jene, die davon überzeugt sind, bereits die Antworten zu wissen und die sich mit der Schuld der Serben beschäftigen. Sowohl die einen als auch die anderen haben unsere Aufmerksamkeit verdient. 

Aus dem Serbischen von Lidija Zimmek



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