Das verschwundene Paradies

von Sonny Thet

Oben (Ausgabe I/2019)


Ich bin aufgewachsen wie im Film »Anna und der König von Siam«: in den 1950er- und 1960er-Jahren im kambodschanischen Königshaus in Phnom Penh. Mein Vater leitete dort das Orchester. Seit meiner Geburt war ich auf all seinen Reisen dabei, er wollte, dass ich Musiker werde. Nahm er mich einmal nicht mit und musste ich bei meiner Mutter bleiben, buddelte ich ein Loch, stellte mich hinein und rief aus Leibeskräften nach meinem Vater. Ich war der älteste von drei Söhnen. Im Königshaus genoss ich eine strenge buddhistische Erziehung. Der Prinz Norodom Sihanouk war sehr musikalisch, er sang, tanzte und spielte leidenschaftlich Akkordeon. »Meine Söhne« nannte er mich und die anderen jungen Musiker, die am Königshof lebten.

Von außerhalb des Palastes hörte ich oft einen alten Soldaten Cello spielen. »Vater«, fragte ich den Prinzen, »wo kann ich das lernen?« Natürlich in »Germany«. Sieben von uns schickte der Prinz nach Deutschland, in die DDR. Eigentlich wollte er Kambodscha aus dem Kalten Krieg heraushalten, aber aus irgendeinem Rachegelüst Amerika gegenüber schlug er sich auf die Seite der Kommunisten. Es war eine große Ehre, auserwählt zu sein und ins Ausland geschickt zu werden. Mein Plan war, nach meiner Rückkehr ein Orchester zu gründen. Als wir am 9. September 1969 zu siebt in Berlin-Schönefeld landeten, dachten wir, es handle sich wieder um eine Zwischenlandung.

Aber wir wurden abgeholt und in den Zug nach Leipzig gesetzt. »Germany« war ein graues Land, im Vergleich zu Kambodscha entsetzlich hässlich. Noch dazu war es ein kalter Winter mit minus zwanzig Grad. Wir trösteten uns damit, dass wir in Leipzig nur Deutsch zu lernen hatten. Nach einem halben Jahr intensivem Sprachkurs wurden wir auf verschiedene Städte verteilt. Da ich zu den Besten gehörte, durfte ich nach Weimar, um Musik zu studieren. Zwei Jahre lang lebte ich von dem großzügigen Stipendium des Prinzen, doch als die Roten Khmer 1975 Kambodscha übernahmen, stand ich ohne Geld da. Die DDR gab uns ein Stipendium von 150 DDR-Mark, aber das reichte nicht aus. 1971 gründete ich die Band Bayon und verdiente mit den Auftritten sehr gut. Ich konnte mir ein Cello für 30.000 DDR-Mark kaufen.

1975 machte ich mein Staatsexamen und sollte das Land verlassen. Man gab mir ein Flugticket, das ein halbes Jahr gültig war. Mein Onkel, der in den USA im Exil lebte, sagte mir aber: Bleib so lange du kannst. Auch ein Lehrer warnte mich: Geh nicht nach Hause. Zwei meiner Kommilitonen, mit denen ich gekommen war, kehrten zurück und wurden ermordet. So lehnte ich den Pass ab, den das Regime von Pol Pot ausgestellt hatte, und stand ohne Papiere da. Von der DDR bekam ich einen Fremdenpass, mit dem ich in den Westen reisen durfte. Mein Sohn und meine deutsche Frau durften mich aber nicht begleiten. Im Westen produzierte ich mit Wolf Biermann und Eva-Maria Hagen. Wir wussten, dass wir in der DDR überwacht wurden. 1988 konnte ich meinen Status nicht mehr verlängern und wurde nach Westdeutschland ausgewiesen. Nach drei Monaten war ich mit meiner Familie wiedervereint.

Erst dann erfuhr ich die volle Wahrheit über die Roten Khmer, aber bis heute weiß ich nichts über den Verbleib meiner Eltern und Brüder. Meinen Schmerz habe ich in Musik umgesetzt, die ich »glückliche Melancholie« nenne. Es macht mir Spaß zu komponieren, Musik zu Bildern zu erfinden. Eines der ersten Theaterstücke, die ich in der DDR begleitete, war »Draußen vor der Tür« von Wolfgang Borchert. Ich habe mich immer gefühlt wie der Kriegsheimkehrer Beckmann: Mein Leben lang war ich viel unterwegs in den USA, in Schweden, Ungarn. Angekommen bin ich nie.

1992 ermöglichten mir die UN und die deutsche Botschaft, in meine Heimat zurückzukehren. Es war sehr schmerzhaft. Das Paradies war verschwunden, Kambodscha um sechzig Jahre zurückgeworfen. Der heutige Regierungschef interessiert sich nur für Unternehmen, Tänzer und Musiker hält er für Vagabunden. Durch das Cellospiel habe ich einen Schweizer Arzt kennengelernt, der in Kambodscha Kinderkrankenhäuser und Grundschulen errichtet hat. Zweimal im Jahr fahre ich für etwa drei Wochen dorthin, um in einem der Krankenhäuser zu helfen.      

Protokolliert von Stephanie von Hayek



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