Zusammen singen

von Fritz Pleitgen

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Wenn ich um die Jahrtausendwende mit dem Zug nach Dortmund fuhr, überkam mich jedes Mal bei der Ankunft ein Anflug von Depression. Der Hauptbahnhof bot einen trostlosen Anblick, der Platz davor ebenfalls. Die Krönung der Tristesse war die vor sich hingammelnde Union Brauerei mit dem verblichenen „U“ auf dem Turmdach. Sanierung ausgeschlossen! Die Finanznot der Stadt ließ nicht einmal den Gedanken daran zu. Doch dann kam die Kulturhauptstadt. Mittel von Stadt, Land und EU machten das scheinbar Unmögliche möglich. Die verlotterte Industrie-Kathedrale verwandelte sich in ein Zentrum für Kunst und Kreativität, das mit seinen Lichtinstallationen Tausende Besucher anlockt. Aus einem scheinbar hoffnungslosen Gelände wurde ein anziehendes Eingangsportal zur Metropole Ruhr.

Was vermag Kultur? Sie kann Halden versetzen. Halden alten Denkens. Statt sich wie seit ewigen Zeiten in Rivalität und Missgunst zu üben, praktizierten die Städte im Jahr der Kulturhauptstadt fast wie selbstverständlich Zusammenarbeit. Was Politik und Wirtschaft nicht geschafft hatten, schaffte die Kultur. Auch bei der Bevölkerung, die einen Bewusstseinswandel erlebte. Sie entdeckte, dass ihre Heimat mehr ist als Schwerindustrie im Niedergang, nämlich eine Kulturmetropole von Rang.

Das Leitmotiv der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 ist bereits hundert Jahre alt und stammt vom Hagener Unternehmer und Kunstsammler Karl Ernst Osthaus: „Wandel durch Kultur, Kultur durch Wandel.“ Wer über das Ruhrgebiet fliegt, sieht alte Industrieanlagen. Wie dunkle Nester sitzen sie in Parklandschaften. Einige dienen längst als Orte kultureller Veranstaltungen, andere warten noch auf eine neue Bestimmung. Ihre charaktervollen Gebäude eignen sich bestens für die kreative Wirtschaft: Architektur, Design, Medien, Mode, Werbung.

Aber auch der zweite Teil von Osthaus’ Formel – Kultur durch Wandel – geht auf. Ein Beispiel ist die Emscher-Insel. Der Fluss hat die Industrialisierung des Ruhrgebiets erlitten. Weil der Untergrund wegen des Bergbaus in Bewegung war, konnte keine große Kanalisation gebaut werden. Deshalb wurden die Abwässer in die Emscher geleitet, was sie zum dreckigsten und giftigsten Fluss Europas machte. Nun wird er renaturiert. Der 40 Kilometer lange Landstreifen zwischen Rhein-Herne-Kanal und Emscher hat sich bereits aus einer Industriedeponie in eine Freizeitinsel verwandelt, auf der 20 Kunstwerke installiert wurden. Aus der Schau soll sich in der früheren No-go-Area eine Biennale der Kunst entwickeln.

Im Rahmen der Kulturhauptstadt fühlte sich die Bevölkerung zum Mitmachen motiviert. Aus Beobachtern wurden Akteure. Gemeinschaftserlebnisse gaben dem wachsenden Metropolengefühl einen zusätzlichen Schub.

Wie aber bringt man Menschen dazu, sich aktiv in ein Kulturprogramm einzubringen? Im Grunde ganz einfach, wie zwei Beispiele zeigen: Vor 1100 Jahren hatten Benediktinermönche in Essen die „Musica et Scolica enchiriadis“, eine Musikschrift zur vokalen Mehrstimmigkeit, entwickelt. Wir nutzten diese Arbeit für ein vielfältiges Programm. Dazu gehörte der „Day of Song“. Am 5. Juni wollten wir alle Menschen des Ruhrgebiets zum Singen bringen. Es hat funktioniert. Die Radiosender sendeten Signale aus. Daraufhin begannen die Menschen allein oder in Gruppen zu singen. Die fröhliche Kampagne endete am Abend in der Schalke-Arena, wo 65.000 Menschen einen riesigen Chor bildeten.

Wer am 18. Juli einen Platz am 60 Kilometer langen Tisch auf der A 40 zwischen Dortmund und Duisburg buchte, war gebeten, seine Vorstellung von Kunst und Kultur zu präsentieren. Die Menschen tanzten, sangen, musizierten, malten, spielten Theater und boten nationale Spezialitäten an. So kam eine Tafel der Kulturen zusammen, die Tausende Teilnehmer inspiriert hat, sich auch in Zukunft mit Kunst und Kultur zu beschäftigen.

Ob sich das neue Denken auf breiter Front fortsetzen wird, ist die spannende Frage der nächsten Jahre. Kultureinrichtungen entwickeln sich zu Kristallisationskernen, die sich auf den Prozess der Metropolenwerdung dynamisch auswirken. Mit dem, was sein Credo noch hundert Jahre später anrichtet, kann Osthaus ganz zufrieden sein.



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