„Berge sind das Archiv der Erdgeschichte“

ein Interview mit Gillian Foulger

Oben (Ausgabe I/2019)


Frau Foulger, was ist ein Berg?

In der Geologie spricht man immer dann von einem Berg, wenn eine Erhebung höher als 1.000 Fuß ist, also knappe 305 Meter. Und ansonsten? Erst mal nichts weiter als ein Haufen Steine, der allerdings auf sehr unterschiedliche Arten entstehen kann.

Nämlich?

Berge werden entweder durch vulkanische Aktivitäten, Gletscherbewegungen oder plattentektonische Verschiebungen geformt. Beispiele für Berge, die durch Vulkanismus entstanden sind, sind etwa der Hekla auf Island oder der Mount St. Helens in den USA. Wenn an einer Stelle dauerhaft flüssiges Material aus dem Erdinneren an die Oberfläche strömt und dort trocknet, dann formen sich dabei über Millionen von Jahren massive Erhebungen. Die größten ihrer Art finden sich heutzutage auf Hawaii. Durch Gletscher geformte Bergmassive kann man wiederum im kalifornischen Yosemite-Nationalpark bestaunen. Dort haben große Eismassen tiefe Täler in die Erde geschnitten – und damit an ihren Flanken Berge aus dem Boden gestanzt. Der stärkste Motor für die Entstehung von Felsmassiven bleiben allerdings die plattentektonischen Verschiebungen, die beispielsweise das Himalaya-Gebirge und die Alpen geformt haben.

Die höchsten Berge entstehen also, wenn Erdplatten aufeinandertreffen?

Genau. Dabei werden so große Kräfte frei, dass die Erdkruste Falten wirft und sich Felsmassen gegenseitig in die Höhe drücken. Der Mount Everest ist mit seinen fast 9.000 Metern zum Beispiel ein Produkt dieses gewaltigen Prozesses. In Echtzeit ist das Ganze allerdings eher unspektakulär. Die meisten Berge wachsen im Jahr auf diese Art höchstens um ein paar Zentimeter. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Wenn Sie auf dem Mount Everest stehen, dann müssen Sie gar nicht unbedingt weiterklettern, um höher hinaus zu kommen. Sie befinden sich, ohne es zu merken, schon auf dem Weg nach oben, in einer Art natürlichem Aufzug.

Trotzdem finden sich auf der Erde keine Berge, die höher sind als 10.000 Meter. Gibt es dafür eine wissenschaftliche Erklärung?

Rein technisch gesehen ist das nicht ganz richtig. Der Mount Kea auf Hawaii knackt diese Marke. Allerdings nur, wenn man ihn von seiner Basis aus misst, und die liegt auf dem Grund des Pazifischen Ozeans. Über dem Meeresspiegel gemessen ist dieser inaktive Vulkan nur etwa 4.200 Meter hoch. Darin liegt allerdings auch schon die Antwort auf Ihre Frage versteckt: Wäre der Mount Kea nicht unter, sondern über Wasser entstanden, dann wäre er vermutlich niemals 10.000 Meter in die Höhe gewachsen.

Warum nicht?

Das Wetter und die Erdanziehungskraft hätten ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Denn je höher ein Berg ist, desto mehr nagen Wind und Wetter an ihm und desto schneller fällt er aufgrund seiner schieren Masse und der Gravitationskraft wieder in sich zusammen. Der Mount Kea wird also in gewisser Weise vom Wasser gestützt. Aus demselben Grund befindet sich der höchste Berg unseres Sonnensystems, der Olympus Mons, auch nicht auf der Erde, sondern auf dem Mars. Er ist 26.000 Meter hoch. Das ist aber nur möglich, weil die Anziehungskraft des Mars viel schwächer ist als die Erdanziehungskraft und der Planet eine weitaus dünnere Atmosphäre hat. Die Erosionspozesse, die auf der Erde eine große Rolle spielen, sind dort also ein viel kleinerer Faktor. Damit unser Planet einen höheren Berg als den Mount Everest hervorbringen würde, müsste es dementsprechend schon zu einem außergewöhnlich starken plattentektonischen Ereignis kommen, das wiederum mindestens ein paar Millionen Jahre in Anspruch nehmen würde.

Genug Zeit für die Frage, was Berge aus geologischer Sicht so interessant macht … 

Um das zu verstehen, genügt es, wenn man die Alpen mit der Sahara vergleicht. In der Sahara steht man auf einer einzigen Schicht Erde. Man kann seine Schaufel auspacken und ein wenig graben, aber für Geologinnen und Geologen gibt es dort nicht wirklich viel über den Planeten zu erfahren. Steht man wiederum in den Alpen, dann sieht man nicht eine Erdschicht vor sich, sondern kilometerlange Querschnitte verschiedenster Erdschichten, die über Hunderte Jahrmillionen von immensen Kräften an die Erdoberfläche geschoben worden sind. In dieser Hinsicht sind die Berge das größte erdgeschichtliche Archiv, das uns Menschen zur Verfügung steht.

Inwiefern?

All die Sedimentschichten, die in den Gebirgen dieser Welt wie die Seiten eines offenen Buches vor uns liegen, erlauben es uns, sehr genaue Rückschlüsse auf die Vergangenheit zu ziehen. In ihrer Gesamtheit bieten sie uns eine komplette Aufzeichnung der vergangenen vier Milliarden Jahre Erdgeschichte. Durch sie haben wir herausgefunden, dass es lange vor unserer Zeit Superkontinente gab, die sich später durch tektonische Verschiebungen getrennt haben, wie sich das Weltklima seit Anbeginn der Zeit verändert hat und welche Tierspezies einmal den Planeten bevölkert haben. Wenn man es genau nimmt, dann haben die Berge somit einen nicht unbeträchtlichen Anteil daran, dass es die Menschheit in die Moderne geschafft hat.

Sie meinen, als eine Art Motor für den wissenschaftlichen Fortschritt?

Und auch für den daraus resultierenden gesellschaftlichen Wandel. Im Grunde genommen lässt sich die Menschheitsgeschichte in eine prägeologische Ära und die Zeit nach der Geburtsstunde der Geologie unterteilen. Es ist noch gar nicht mal so lange her, dass unsere Vorfahren hoch oben in den Alpen Meeresfossilien fanden und diese als Beweis für die biblische Sintflut deuteten; oder dass die Polynesier glaubten, dass die Göttin Pele, die ihrer Schwester den Mann ausgespannt hatte, von dieser über die hawaiianischen Inseln gejagt wurde, was die regelmäßigen Vulkanausbrüche erklären sollte. Bevor die Menschheit die ersten großen geologischen Erkenntnisse sammelte, war die Welt noch ein ungleich mystischerer und geheimnisvollerer Ort. Da die Berge das wissenschaftliche Beweismaterial aber schon so zuverlässig zutage gefördert hatten, war es nur eine Frage der Zeit, bis daraus die ersten wissenschaftlichen Durchbrüche resultierten – und so auch der Glauben an das Übernatürliche und die Götter schwand, die viele ja ursprünglich aufgrund ihrer Nähe zum Himmel in den Bergen vermutet hatten. Insofern ist die Bedeutung der Berge für unsere kulturelle und soziale Entwicklung viel bedeutender, als man auf den ersten Blick meinen würde. Man muss aber nicht zwangsläufig eine Geologin sein, um das zu verstehen.

Sondern?

Es genügt, sich die Frage zu stellen, wie die Welt und die Menschheit heute aussähen, wenn es keine Berge gäbe. So erkennt man relativ schnell, wie sehr die Topografie des Planeten unsere Entwicklung beeinflusst hat. Nehmen wir zum Beispiel die Wirtschaft: Ohne Berge gäbe es keine Flüsse, ohne Flüsse gäbe es keine Bewässerung, ohne Bewässerung keinen Ackerbau. Oder die Politik: Ohne Berge gäbe es keine natürlichen Grenzen, ohne natürliche Grenzen ganz andere militärische Konflikte und darum auch eine andere politische Weltkarte. Man kann dieses Gedankenexperiment auf fast jeden Lebensbereich anwenden, vom Wetterbericht bis zur Linguistik, und erkennt schnell: Die Welt, wie wir sie kennen, wäre ohne Berge schlicht nicht vorstellbar. 

ein Interview von Kai Schnier



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