Highlander

von Bernard Debarbieux

Oben (Ausgabe I/2019)


Was haben die Bergbewohner der Welt gemeinsam? Auf diese Frage gibt es verschiedene Antworten, je nachdem, was man unter dem Begriff »Bergbewohner« versteht. Handelt es sich um Menschen, die so genannt werden, weil Außenstehende einen bestimmten Lebensraum mit ihnen verbinden? Oder denken und bezeichnen sich Bergbewohner selbst als »aus den Bergen stammend«? Diese Unterscheidung mag belanglos erscheinen, ist aber dennoch wesentlich.

Tatsächlich sind die Bevölkerungsgruppen des Hochlands von ihren Beobachtern, die sich weit unterhalb befinden, den Gesellschaften aus Küsten- oder Flachlandgebieten, und sogar von Staatsverwaltungen, deren territoriale Sichtweise sich auf das Tiefland konzentriert, oft unter ein und derselben Kategorie zusammengefasst worden. So haben die Assamesisch sprechenden Bewohner der Küsten und Deltas des heutigen Vietnams die Hochlandbewohner, so sehr sie sich auch voneinander unterscheiden, gleichermaßen als »Moïs« – wörtlich »Bergbewohner« – bezeichnet. Die Franzosen, die sich an den Ufern des Sankt-Lorenz-Stroms in Québec angesiedelt haben, nannten jene Einheimischen der Region Laurentides, die sich selbst als »Innu« bezeichneten, »Montagnais« – »Bergbewohner«. Und wenn der Hinweis auf die Berge nicht deutlich genug aus den Namen dieser Völker hervorging, bediente man sich anderer begrifflicher Herleitungen, um sie zusammenzufassen: »Indios« zum Beispiel, womit die Eliten der spanischen Kolonien ihre Assoziation mit der Unwirtlichkeit, der Härte und der Archaik der Anden zum Ausdruck brachten.
Europäische Wissenschaftler haben es auf anderer Ebene ebenso gehandhabt: Je differenzierter Naturalisten seit dem 17. Jahrhundert spezifische Bergreliefe herausarbeiteten, umso selbstverständlicher nannten sie die Bevölkerung in den Bergen »Bergbewohner«. Indem sie die zu beobachtenden Unterschiede und Ähnlichkeiten systematisierten und kategorisierten, konnten sie die »Bergbewohner« in ihrer Vorstellung allesamt und umfänglich erfassen. Diese vorherrschende deterministische Bezeichnung basierte auf der Annahme, dass allen Hochlandbewohnern eine Abhängigkeit in Bezug auf ihr »Klima« oder ihre Lebensumwelt zu eigen ist. So betrachtete man die Gebirgsregionen als ursächlich für eine spezifische Anatomie – Bergbewohner sollten demnach kleiner sein als der Durchschnitt –, für Krankheitsmerkmale wie den Kropf und sogar für intellektuelle Defizite.

Philosophen haben lange Zeit den Einfluss der Gebirgsregionen auf den Freiheitssinn und Arbeitseifer ihrer Bewohner diskutiert, ebenso auf die Religiosität und sogar einen besonderen Kampfgeist, den man ihnen unterstellte. Mit der Zeit haben die Wissenschaftler und Philosophen ihre Diskurse differenziert und nach anderen Ähnlichkeitsmerkmalen gesucht: zum Beispiel die Fähigkeit der Bergvölker mit Gefälle umzugehen oder ihre Ressourcen auf unterschiedlichen montanen Stufen zu gewinnen oder sogar ihre Disposition, deutlich häufiger Armut und geopolitischen Konflikten ausgesetzt zu sein, da sie oftmals in staatlichen Grenzgebieten oder sehr fruchtbaren Regionen leben.
Aber welche Gemeinsamkeit sich auch feststellen lässt, sie birgt immer Ausnahmen: Es gibt Bergvölker, die noch nie auch nur einen Hang bewirtschaftet haben, von den Walisern in den Alpen bis zu den Hmong im vietnamesischen Hochland; andere wiederum leben auf Hochebenen in Tibet oder den Anden, die aus der Ferne wie Gebirge aussehen, sind aber ebenso wenig an Gefälle gewöhnt wie die Bewohner weniger kontrastreicher Regionen. Und die meisten Bewohner der Alpen oder des Rocheuse-Massivs verfügen über einen ebenso hohen Lebensstandard wie die des umliegenden Flachlands.

Berücksichtigt man diese Unterschiede, wird der Großteil der heutigen Forscher eines zugeben müssen: Abgesehen von der Tatsache, dass sie in den Bergen leben, haben ihre Bewohner nur wenig gemeinsam. Ihre Lebensweise, ihre kulturellen Traditionen, ihr sozioökonomisches Entwicklungsniveau könnten unterschiedlicher nicht sein.
Doch wie sprechen sie selbst über sich, jene Völker, die in alten Erdkundebüchern etwas unbeholfen unter der Kategorie »Bergvölker« zusammengefasst wurden? Zuerst einmal bezeichnen sie sich selbst oft mit Namen, die jeglichen Hinweis auf ihr natürliches Lebensumfeld entbehren: Die Namen Innu, Hmong, Tiroler, Tolteken erinnern nicht unbedingt an Berge. Um sich von den Flachländern abzusetzen, haben die Bergbewohner trotzdem manchmal diese sprechenden Namen für sich übernommen: Die Bewohner des schottischen Hochlands haben sich nur allzu gern den Beinamen »Highlander« gefallen lassen, den ihnen die Stadtbewohner der südlichen Großebene zwischen Edinburgh und Glasgow verpasst haben. Und zwar umso lieber, da ihnen das romantische Bild, das auf diese Weise von ihnen gezeichnet wird, unbestreitbar einen symbolischen Vorteil verschaffte. Seit Ende des 19. Jahrhunderts haben die Bewohner der Zentralalpen, die über Jahre der Neugier von Bergtouristen ausgesetzt waren, welche sich für die alpenländischen Bräuche begeisterten, damit begonnen, sich »Bergbewohner« zu nennen, um schließlich den Erwartungen der Touristen zu entsprechen. Die Akzeptanz der Namen, die man ihnen gab, nahm in dem Maße zu, in dem sie mit einem politischen Vorteil einherging: In den Ländern, in denen die staatliche Politik die Entwicklung abgelegener Regionen förderte, ihre Landwirtschaft unterstützte und den Zugang zu den Tälern verbesserte, bildeten sich, zunächst in der Schweiz, dann in Österreich, Italien und Frankreich, veritable Lobbys, die mit Nachdruck die Bezeichnung »Bergbewohner« einforderten. Und mit der Verlegung der zentralen Landwirtschaftspolitik Europas nach Brüssel hat sich die Europäische Vereinigung der Volksvertreter der Bergregionen gebildet. Bergbewohner zu sein ist zu einem politischen Argument geworden, und manchmal auch Anlass zum Stolz. Zwischen den Jahren 1990 und 2000, als die Berge ins öffentliche Interesse der großen Konferenzen für Umwelt und Entwicklung gerückt sind, angefangen mit dem Umweltgipfel in Rio im Jahr 1992, ist die Idee aufgekeimt, eine solche Vereinigung auf Weltniveau zu bilden. So entstand die Vereinigung der Bergbevölkerung der Welt (L´association des Populations de Montagne du Monde), deren Hauptanliegen es ist, den Bewohnern der Bergregionen eine Stimme zu verleihen, um mehr Aufmerksamkeit und Mitspracherecht zu haben, wenn es um von außen verhandelte Schutzmaßnahmen oder Entwicklungshilfe geht.

Verbindet nun also die Bergbevölkerung – jene 900 Millionen Männer und Frauen, die man gemäß der inzwischen gebräuchlichen Definition der internationalen Organisationen »Bergbewohner« nennt – eine Lebensgemeinschaft? Wohl kaum. Ihre verschiedenen Wege, die so deutlich voneinander abweichen, unterstreichen mehr denn je ihre Unterschiede. Eine Schicksalsgemeinschaft? Das ist der Traum vieler. Aber davon sind wir weit entfernt: Wenn es ihnen auch in Mitteleuropa gelungen ist, sich zusammenzuschließen, um gemeinsam ihren Platz in der öffentlichen Debatte zu verteidigen, so sind doch die Bewohner der Hochebenen von Thailand, Pamir, des äthiopischen Hochlandes oder des Atlasgebirges weit davon entfernt, sich auch nur von der Idee einer gemeinsamen Sache angesprochen zu fühlen.      

Aus dem Französischen von Bärbel Brands



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