„Religion wird instrumentalisiert“

ein Gespräch mit André Azoulay

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Der Anna-Lindh-Report hat 13.000 Menschen in 13 Ländern des euromediterranen Raums nach ihren Werten und ihrer Wahrnehmung anderer Länder befragt. Was war für Sie das interessanteste Ergebnis?

Für mich war das interessanteste Ergebnis der Studie, dass Werte wie Würde, Freiheit und Gerechtigkeit für alle Befragten eine ähnlich große Rolle spielen – und zwar unabhängig davon, ob diese Muslime sind, Christen oder Juden.

Das klingt sehr positiv. Gab es auch beunruhigende Ergebnisse?

Sorgen bereitet mir die Ignoranz, die der Report auch deutlich macht: Wenn man etwa einen Teenager in Marokko danach fragt, was er über europäische Kultur und politische Systeme weiß, kann er dazu wesentlich mehr sagen als ein Altersgenosse in den nördlichen Ländern über marokkanische Musik, Literatur oder Philosophie. Das Gleiche gilt auch für den tunesischen, ägyptischen oder algerischen Teenager.

Woran liegt das?

Seit Langem gibt es in den südlichen Mittelmeeranrainern den Trend, Europa als Garant für Reichtum, Modernität und gesellschaftliche Dynamik zu sehen. Dann hat es auch mit den Debatten über Immigration zu tun, die im Norden geführt werden, und mit der Stigmatisierung des Islam. Natürlich zeigt der Report auch: Es gibt große Unterschiede. Religion etwa spielt in den südlichen Ländern eine ungleich bedeutendere Rolle als in den nördlichen. Das sollte man aber als Anstoß für Austausch sehen, nicht als Anlass zur Konfrontation.

Nichtsdestotrotz spielt das Thema Religion in Konflikten oft eine große Rolle.

Leider beobachten wir, dass Religion an beiden Küsten instrumentalisiert wird. Auf ernste politische Probleme und Fragen werden religiöse Antworten gegeben. Das ist völlig falsch. Denn so werden wir – entweder als passive Beobachter oder tragische Opfer – Geiseln derjenigen, die unsere Kulturen und Überzeugungen vereinnahmen, um Missverständnisse zu verursachen. Der Anna-Lindh-Report kann dazu beitragen, dieses Kapitel abzuschließen und die archaische Vorstellung von einem „Kampf der Kulturen“ aufzugeben.

Sie sind als Berater des marokkanischen Königs der einzige Jude im inneren Machtzirkel des Landes. So eine Konstellation ist selten.

Ja, das hat mit meiner Erziehung zu tun und der Art, wie meine Rabbis Religion unterrichteten. Die Lehrer an meiner jüdischen Schule brachten mir bei, wie man mit anderen zusammenlebt. In dem Haus, in dem ich als Kind aufwuchs, wohnten in einem Stockwerk nur Juden und in dem anderen nur Muslime. Und wir feierten die jüdischen und muslimischen Feiertage zusammen! Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, zwischen Kulturen zu vermitteln, und ich gebe das auch in Zukunft nicht auf.

Das Interview führte Carmen Eller



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