„Bomb now, die later“

Knut Krusewitz

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Wir kennen Bilder entlaubter Tropenwälder aus Vietnam, brennender Ölquellen im Irak, und kürzlich schwamm im Libanonkrieg ein gigantischer Ölteppich auf dem Meer. Welche Umweltschäden von Kriegen sehen wir nicht? 
 Das meiste sehen wir nicht. Nehmen wir den Libanon. Es wurden Wohngebiete zerbombt. Krebserregende Asbestbestandteile, die im Beton und in Wand- und Bodenanstrichen sind, zerfielen zu Staub und verbreiteten sich mit dem Wind. Menschen, die Asbestfasern inhalieren, sterben in der Regel 15, 20 oder 30 Jahre später. Niemand spricht darüber. Aus dem Jugoslawienkrieg kennen wir Stoffe wie PCB. Diese chemischen Chlorverbindungen sind in alten elektrischen Anlagen und Transformatoren, die auch in erheblichem Umfang zerstört worden sind. PCB ist giftig und wie Asbest krebserregend.
 
Was macht einen Krieg zu einem Umweltkrieg? 
 Militärs suchten nach einer Kriegführungsmethode zwischen konventionellen Kriegen und nuklearen Kriegen. Was kann man sich da einfallen lassen? Sie sind darauf gekommen, dass die Manipulation natürlicher Abläufe erhebliche Zerstörungswirkung haben kann. Das hat man sich zunutze gemacht, um die Kriegsziele schneller zu erreichen, als es mit konventioneller Kriegführung, die auf den Einsatz künstlich hergestellter Massenvernichtungswaffen verzichtet, möglich wäre.
 
Welche natürlichen Abläufe werden manipuliert? 
 Die Phantasie der Militärs ist unbegrenzt. Alles, was später völkerrechtlich verboten wurde, war auch Gegenstand militärischer Phantasie: Künstliche Wetter zu erzeugen, Meereskräfte zu manipulieren, Tsunamis auszulösen.
 
In welchen Kriegen waren die Umweltschäden besonders groß? 
 Das Bewusstsein über Umweltkriegsführung ist erst im Vietnamkrieg entstanden. Vorher war das weder in der Wissenschaft noch im Völkerrecht ein Thema. Der Erste und Zweite Weltkrieg waren, mit Ausnahme der chemischen Kriegführung im Ersten Weltkrieg, konventionell geführte Kriege. Es gibt Umweltschäden auch aus diesen Kriegen, und ich vermute, dass man die Schäden noch in 100 oder 200 Jahren nachweisen kann. Aber der Vietnamkrieg hat etwas ganz Neues in die Welt gebracht, weil hier zum ersten Mal eine interdisziplinäre Form der Kriegführung entwickelt wurde. Der systematische Angriff auf die vietnamesischen Tropenwälder und Küstenmangrovenwälder, die man dafür zuvor sorgfältig untersucht hatte, war in der Kriegsgeschichte neu. 
 
Wie ist die Situation in Vietnam heute, über 30 Jahre nach Kriegsende?
 In den stark besprühten Gebieten kann man heute noch Dioxinkonzentrationen feststellen, die kein Mensch für möglich gehalten hat. Es gibt immer noch keine flächendeckende Untersuchung, sondern nur Untersuchungen so genannter Hot Spots. Die sorgfältigsten hat eine kanadische Firma gemacht, und deren Ergebnisse sind, was die Veränderung der natürlichen Grundlagen betrifft, grauenhaft und, was die menschlichen Opfer betrifft, erschütternd. In der dritten Generation sind schwerste Erbschäden nachweisbar. Das sind keine Einzelfälle. Es betrifft Hunderttausende von Menschen.
 
Umweltzerstörung ist also ein direkter Angriff auf die Zivilbevölkerung? 
 Ja. Das Ziel ist, die Zivilbevölkerung gegen die eigene Regierung aufzubringen, und diese zu beseitigen. Wenn man das allein mit der Intervention der eigenen Streitkräfte nicht erreicht, dann benutzt man die Natur dazu. Es gibt zwei unterschiedliche Methoden und Techniken. Im Vietnamkrieg hat man großflächige Ökosysteme systematisch zerstört. Die Menschen mussten fliehen. Es entstand eine soziale Unruhe, die politische Gestalt annehmen sollte. Das war das Kalkül. Das Mittel im Golfkrieg hingegen war ein anderes. Man griff keine unmittelbar natürlichen Systeme an, sondern hat sich gezielt militärische und zivile Anlagen ausgesucht, in denen gefährliche, hochgiftige Stoffe verarbeitet wurden. Diese Anlagen, oft in der Nähe von größeren Städten, wurden zerbombt. Man hat Luft, Wasser und Erde als Transportmedien benutzt, um den Kriegsschrecken zu verstärken, und auch um die Bevölkerung durch plötzliche Erkrankungen und Todesfälle erheblich zu beunruhigen.
 
Was bleibt von einem Umweltkrieg nach dem Waffenstillstand? 
 Die meisten gefährlichen Stoffe, die in die Umwelt gelangen, wirken lange, Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach Kriegsende, weiter. In einzelnen Fällen sogar Jahrtausende oder Jahrmillionen, wie Schwermetalle oder Komponenten von Munition, die so genannte Uranmunition. Abgereichertes Uran hat eine Halbwertszeit von viereinhalb Milliarden Jahren. Die Formel eines Umweltkrieges lautet: „Bomb now, die later“.
 
Kann sich die Umwelt dann überhaupt von einem kriegsbedingten Umweltschaden regenerieren?
 Die Phantasie, die Umwelt immer perfekter zu zerstören, ist unbegrenzt, aber die Phantasie, die Schäden zu heilen, ist sehr begrenzt. Sieger wie Verlierer schweigen über die langfristigen Umweltschäden und die Möglichkeiten, sie zu beseitigen. Man möchte die Überlebenden über die fürchterlichen Folgen nicht aufklären. Das ist eine höchst unerfreuliche Allianz, die systematische Untersuchungen und langfristige Studien behindert.
 
Lassen sich Umweltkriege verbieten?
 Das ist ein bisschen die Ironie der Weltgeschichte: Die USA waren nach 1969 der erste Staat, der zivile Umweltgesetze einführte und eine aufwändige Umweltpolitik betrieb. Im krassen Gegensatz dazu stand, was sie militärisch gemacht haben. Aus dieser Klemme heraus haben die USA 1977 einer „Environmental Modification Convention“ (ENMOD) zugestimmt, die auf Deutsch den fürchterlichen Namen „Umweltkriegsverbotsübereinkommen“ trägt. Das war der erste Versuch, die natürliche Umwelt vor militärischer Manipulation zu schützen. Der zweite war die Formulierung eines neuen humanitären Völkerrechts, das so genannte Zusatzprotokoll I zu den Genfer Konventionen. Da sind nochmals einige interessante Bestimmungen drin, die etwas weiter gehen als die ENMOD-Konvention, weil sie vor allen Dingen die Gesundheit der Menschen schützen sollen. Man hoffte, dass man damit die Kriegsführung erheblich einschränken, also praktisch ökologisieren könnte.
 
Und wie hat das funktioniert?
 Es gibt Berufszyniker, die sagen: überhaupt nicht. Ich habe eine differenziertere Auffassung. Die Konventionen boten erstmalig eine rationale Grundlage zur Analyse und Kritik von Umweltkriegsführung. Dass sie in der Praxis gebrochen werden, halte ich insofern für einen interessanten Vorgang, weil der Bruch von Völkerrecht verfolgbar ist. Es gibt inzwischen einen internationalen Strafgerichtshof, bei dem man zukünftig solche schweren Regelverstöße einklagen könnte. 
 
Rechnen Sie damit, dass wir in absehbarer Zukunft einen Prozess über einen Umweltkrieg haben werden?
 Ja. Ich bin absolut überzeugt davon, zumal im nächsten Umweltkrieg möglicherweise sogar Nuklearwaffen geringer Sprengkraft, aber hoher Durchschlagkraft eingesetzt werden. Dann haben wir die Katastrophe, vor der diese Gesetze uns bewahren sollten. Aber selbst, wenn das so nicht passieren sollte, werden durch den raschen Klimawandel neue soziale und ökologische Probleme auf uns zukommen, die man militärisch zu lösen versuchen wird. Und dann haben wir den nächsten Umweltkrieg.
 
Sind heute nicht alle Kriege Umweltkriege?
 Nach meinen bisherigen Arbeiten habe ich keinen modernen Krieg gefunden, in dem nicht erhebliche oder sogar völkerrechtsrelevante Umweltschäden nachweisbar wären. Die kriegsführenden Nationen bestreiten aber, dass die Schäden bewusst und planmäßig herbeigeführt wurden. Meistens reden sie sich auf Kollateralschäden heraus, die nicht vermeidbar waren. 
 
Welche militärischen Eingriffe in die Umwelt wird uns die Zukunft bescheren? Wo sehen Sie das größte Gefährdungspotenzial?
 Einmal ganz schlicht in der Weiterentwicklung dessen, was wir bisher schon können. Die immer brutalere, immer schamlosere Ausnutzung der Kenntnisse über Naturabläufe. Die Erfahrungen der letzten Kriege sind längst systematisch ausgewertet und in neue Kriegführungsprogramme eingearbeitet worden. Darüber hinaus scheint mir Wetterkrieg eine realistische Perspektive zu sein. Vor zehn Jahren hat die US-Airforce im Internet eine Studie veröffentlicht, in der sie sich Gedanken darüber macht, wie die USA bis zum Jahr 2025 die Herrschaft über das Wetter erlangen könnten. Deswegen ist es auch kein Zufall, dass das Pentagon eine Klimastudie in Auftrag gegeben hat, die vor drei Jahren veröffentlicht wurde. Was nach den Ergebnissen dieser Studie an raschen Veränderungen auf die Menschheit zukommt, lässt alle militärischen Überlegungen als veraltet erscheinen.

Das Interview führte Karola Klatt



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