Im Schatten des Vulkans

von Kai Schnier

Oben (Ausgabe I/2019)


Als der Ätna am 14. Dezember 1991 zu einer seiner stärksten Eruptionen seit 300 Jahren ansetzte, erreichte Giuseppe Marziale auf seinem Abstieg von der Hochebene des Vulkans gerade Zafferana Etnea. In der kleinen Stadt am Osthang des Berges war es totenstill. Die meisten Einwohner und Touristen hatten die Warnungen aus Radio und Fernsehen ernst genommen und befanden sich, genau wie Marziale, bereits auf dem Weg in Sicherheit. Doch ein paar alteingessene Sizilianer harrten aus, unter anderem auch ein Apfelbauer. „Warum beschneidest du deine Bäume, wenn die Lava in einer Stunde sowieso alles zerstören wird?“, fragte Marziale ihn. „Wenn der Berg meine Farm nehmen will, wird er sie nehmen. Bis dahin ist es mein Job, die Bäume zu beschneiden. Ich tue, was ich tun muss, und der Ätna tut, was er tun muss“, antwortete der Mann, nahm seine Gartenschere wieder zur Hand und arbeitete weiter.

Für Marziale, der seit 1985 an sechs von sieben Wochentagen als Bergführer in der in 1.900 Metern Höhe gelegenen Schutzhütte Rifugio Sapienza am Südhang des 3.350 Meter hohen Berges arbeitet, bringt diese Anekdote das Verhältnis der Sizilianer zu ihrem Vulkan auf den Punkt: „Die Menschen, die im Schatten des Ätna wohnen, leben in einer Art Symbiose mit dem Berg. Sie haben Respekt vor ihm und kennen seine Gefahren, aber sie bringen ihm auch eine große Wertschätzung entgegen.“ Sie findet ihren Ausdruck auch im Sprachgebrauch der Sizilianer. Das Wort „Etna“, das sich aus dem phönizischen Begriff für „Ofen“ ableitet, hört man auf der Insel tatsächlich eher selten. Stattdessen sprechen die Menschen einfach vielsagend von „a muntagna“ („der Berg“) oder in aller Milde von „la bella“ („die Schöne“).

Dass der Ruf des Vulkans trotz seiner rund 150 geschichtlich belegten Eruptionen, die zusammen fast achtzig Opfer forderten, über die Jahrhunderte nicht wirklich gelitten hat, hat einen einfachen Grund: Für die Sizilianer ist er tatsächlich eher eine Lebensader als eine Lebensgefahr. Seine mineralhaltigen Hänge sind die fruchtbarsten Böden Siziliens, und unter ihm schlummern die größten Süßwasservorräte Süditaliens. Und auch für den Boom sizilianischer Weine ist nicht zuletzt „a muntagna“ verantwortlich. In dem speziellen Klima am Vulkan, an dessen Flanken die Wolkenberge vom Mittelmeer aufsteigen, um dann auf den Hochebenen abzuregnen, gedeihen die Trauben besonders gut.

Davon profitieren vor allem Menschen wie Flavia Messina, die erst vor zwei Jahren ein kleines Weingut in der Ortschaft Cavanera eröffnet hat. Nach einem Studium in Rom ist sie mit 35 Jahren in ihre sizilianische Heimat zurückgekehrt, so wie viele andere. „Für junge Sizilianer wie mich gibt es nur zwei Optionen auf der Insel zu bleiben und erfolgreich zu sein: im Tourismus zu arbeiten oder rund um den Ätna.“ Für Messina hat sich die Rückkehr bereits gelohnt, erzählt sie: „Die meisten Weingüter, Pistazienhaine und Orangenplantagen rund um den Vulkan florieren.“ Während weite Teile der Bevölkerung in den sizilianischen Großstädten wie Palermo und Catania von Armut bedroht seien, gehe es den Menschen am Ätna gut: „Für uns ist der Vulkan wie eine Mutter. Manchmal ist sie wütend, aber meistens kümmert sie sich gut um ihre Kinder.“

Was passiert, wenn „Mamma Etna“ das nächste Mal richtig wütend wird, daran verschwenden die meisten Sizilianer derweil keine Gedanken. „Wer das hier nicht kennt, hat jetzt vielleicht Angst“, sagt Giuseppe Marziale zu der Touristengruppe, die hinter ihm den Vulkan erklimmt, und deutet auf die weißen Rauchwolken, die aus dem Krater aufsteigen: „Aber keine Sorge, ein bisschen Qualm ist für uns Sizilianer noch lange keine Katastrophe.“ 



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