Das gefälschte Ich

von Farnaz Seifi

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


An einem Winterabend im Januar 2002 saß ich in meinem Zimmer in Teheran und fand heraus, wie -HTML-Codes beim kostenlosen iranischen Dienst für persische Blogs funktionieren. Ich war 19, hatte gerade mit dem College begonnen, arbeitete nebenbei als Sprachlehrerin und übersetzte für ein Kulturmagazin. Als der Service fragte, wie ich meinen Blog nennen wollte, sagte ich „Amshaspandan“. So heißen in der persischen Mythologie die ältesten Gottheiten und ich fand interessant, dass es unter ihnen drei männliche und drei weibliche gibt. Der ansonsten ungleichen Situation von Männern und Frauen wurde ich mir damals immer mehr bewusst.

In persischen Blogs beschrieben die Autoren offen ihren Alltag und ihre Gefühle. Einige Frauen hatten den Mut, Tabuthemen anzuschneiden, etwa die Beziehung zu ihrem Freund oder sexuelle Wünsche. Ich selbst bloggte als eine von wenigen Iranerinnen über die Beleidigungen und Belästigungen, denen ich als Frau in der iranischen Gesellschaft ausgesetzt war. Mein Blog wurde schnell bekannt. Bald arbeitete ich auch mit der NGO „Iranian Women’s Cultural Centre” zusammen und schrieb für ihre Website „Iranian Feminist Tribune“.

Ein Jahr später erhielt ich eine E-Mail mit dem Betreff „Warnung“. Der Absender kannte die Adresse meiner Eltern und drohte, mir Säure ins Gesicht zu schütten, wenn ich nicht aufhörte, zum Engagement in der Frauenbewegung zu ermuntern. Ich bekam riesige Angst. Die Polizei sagte, sie könne nichts tun, und riet mir, mich zeitweilig an einem anderen Ort aufzuhalten. Fast eine Woche ging ich nicht aus dem Haus. Dann dachte ich: Diese fundamentalen Geister wollen uns mundtot machen. Ich darf nicht reagieren, wie sie es wollen. Also bloggte ich wieder und engagierte mich weiter in der Frauenbewegung.

Ich erhielt in der Folgezeit oft hässliche Kommentare oder Drohungen. Als ich im Januar 2007 mit zwei Kollegen nach Indien fliegen wollte, um an einem Workshop über Cyber-Journalismus teilzunehmen, wurden wir am Teheraner Flughafen „Imam Khomeini“ festgenommen. Die Behörden warfen uns vor, in Indien lernen zu wollen, wie man ein Spion für den Westen wird. Sie beschuldigten uns, die nationale Sicherheit zu gefährden. Gegen eine Kaution ließ man uns frei, doch die Verhöre dauerten noch Monate an. Einmal schrieb der Beamte meinen Benutzernamen und mein Passwort auf einen Zettel und sagte, man kenne alle Codes und könne meinen Blog jederzeit schließen.

Drei Mal sperrten die Justizbehörden meine Seite. In den letzten Jahren der Präsidentschaft von Chatami richtete das Informations- und Technologieministerium eine spezielle Stelle für Blog-Filter ein. Eines Tages erschien beim Einloggen in meine Seite der Satz: „Zugriff auf diese Seite verweigert.“ Ich kaufte eine neue Domain, die ebenfalls gesperrt wurde. Dann kaufte ich eine dritte Domain, und wieder wurde sie gesperrt. Es ist ein schreckliches Gefühl, wenn das passiert – als ob einem jemand mit der Hand den Mund verschließt.

Nachdem man mir einige Monate lang verboten hatte, das Land zu verlassen, gelang es mir schließlich, in die Niederlande zu reisen, um dort zu studieren. Ich begann anonym einen neuen Blog zu schreiben, in dem ich persönliche Beobachtungen notierte. Da ich nicht mehr im Iran war, fühlte ich mich nicht mehr in der Lage, über die Frauen in meinem Land zu bloggen. Trotzdem gab es Probleme.

Vor Kurzem erstellte jemand ein falsches Facebook-Profil von mir, fügte meine Freunde und ehemaligen Kollegen hinzu und kommunizierte mit ihnen. In meinem Namen wurden Nachrichten mit zweideutigen Inhalten verschickt und sogar Pornografie gepostet. Ich wandte mich an Facebook. Doch dort hieß es, man wolle erst reagieren, wenn eine gewisse Zahl an Nutzern mein gefälschtes Profil meldet. Ich bat meine Freunde um Hilfe und sie meldeten den Betrug. Trotzdem antwortete Facebook einige Wochen später, ich hätte nicht genügend Belege für meine Behauptung. Man sollte meinen, dass dies in einer sogenannten freien Welt nicht passieren kann. Jetzt muss ich Facebook beweisen, dass ich ich bin.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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