Alpendämmerung

von Werner Bätzing

Oben (Ausgabe I/2019)


Für die meisten Menschen in Europa stellen die Alpen eine völlig fremde Landschaft dar: Hier schneit es auch im Hochsommer, das Eis der Gletscher überdauert die warme Jahreszeit, und alle Täler werden durch Felsgipfel und Felswände dominiert. Denn die Alpen sind ein Hochgebirge und ähnliche Gebirge gibt es nur noch an den äußersten Rändern Europas, etwa in Island, Nordskandinavien und dem Kaukasus.

Menschen, die die Alpen durchqueren oder besuchen, halten sie in der Regel für eine natürliche Landschaft, die nur in den Tourismuszentren verändert wird. Hier werden sie zu einem „Spielplatz Europas“ umgebaut („playground of Europe“, wie es der Historiker Leslie Stephen 1871 nannte), während außerhalb dieser Gebiete die Alpen ursprüngliche Natur sind.

Diese populäre Sichtweise ist jedoch falsch: Mit der Entstehung der Landwirtschaft ab 6.000 v.?Chr. veränderten die Menschen die Alpen tiefgreifend, indem sie durch mosaikhafte Rodungen aus dem dunklen Waldgebirge eine offene Landschaft machten, in der sich Natur- und Kulturlandschaften sehr kleinräumig ineinander verzahnten. Damit die Kulturflächen nicht ökologisch instabil wurden, entwickelten die Alpenbewohner ausgeklügelte Formen der Bewirtschaftung, die es ihnen erlaubten, die Alpen wirtschaftlich zu nutzen, ohne sie zu zerstören. So wurde das menschenfeindliche Hochgebirge in einen menschlichen Lebensraum umgewandelt, der durch Wirtschafts- und Kulturformen geprägt war, die es sonst nirgends in Europa gab.

Deshalb sind die Alpen weder Wildnis noch Spielplatz, sondern ein alter, dezentraler Lebensraum. Wer die Alpen jedoch nicht kennt, hält die offenen, parkartigen Landschaften fälschlicherweise für Naturlandschaften.

Im Rahmen des traditionellen Wirtschaftens waren die Alpen viele Jahrtausende lang eine wichtige und relativ eigenständige Region, die jedoch stets eng mit Europa verflochten war. Mit der industriellen Revolution änderte sich dies: Das neue, stark technisierte und extrem arbeitsteilige Wirtschaften benachteiligte die Alpen, und lediglich gut erreichbare Täler partizipieren heute daran. Der eigentliche Gebirgsraum wurde aber ökonomisch immer stärker entwertet.

Heute hat in den zahllosen Seitentälern die Zahl der Bewohner stark abgenommen und es gibt nur noch wenige Arbeitsplätze. Die Landwirtschaft ist stark zurückgegangen, und die Hälfte der früheren Nutzflächen ist bereits verbuscht oder verwaldet, weil sich auf ihnen relativ schnell die standortgemäße Vegetation, der Wald, wieder durchsetzt. Die Menschen, die hier noch leben, nehmen oft weite Wege in Kauf, um zur Arbeit ins Haupttal zu gelangen.

Es gibt nur eine Gegenbewegung, die die Peripherien aufwertet: Mit der Industriegesellschaft entstand erstmals in der Geschichte der Menschheit der Tourismus, und für ihn spielten die Alpen von Anfang an eine wichtige Rolle. Schon 1914 gab es gut einhundert Tourismuszentren, aber erst ab 1955 setzte der breite Massentourismus ein, der bis heute etwa zwei Drittel aller Alpengemeinden erfasst hat.

Seit Beginn der 1990er-Jahre stagniert der Alpentourismus jedoch, weil viele neue Reiseziele entstanden, Fernreisen billig wurden und der Sommer in den Alpen seine Faszination verlor. Da Bergbahnen, Skilifte und Hotels trotzdem weiter ausgebaut werden, nimmt die Konkurrenz immer mehr zu, und seit gut 15 Jahren kann man von einem regelrechten Verdrängungswettbewerb sprechen, der viele kleine und mittlere Anbieter vom Markt verdrängt. Derzeit gibt es in den 6.000 Alpengemeinden 300 Tourismuszentren, die ihre Position weiter ausbauen – die Aufwertung der Peripherien durch den Tourismus ist damit beendet.

Moderne Entwicklung bedeutet für die Alpen, dass die früheren dezentralen Kulturlandschaften auf zweifache Weise verschwinden: Entweder wird das Wirtschaften ganz eingestellt, was zur Verwaldung der Landschaft führt, oder die Alpen werden modern genutzt, was in den Tälern mit Eisen- oder Autobahn zur gesichtslosen Verstädterung und in den Tourismuszentren zu austauschbaren städtischen Freizeitghettos führt. Dadurch gehen beide Male die alpenspezifischen Wirtschafts- und Kulturformen verloren.

Diese Entwicklung läuft nicht nur in den Alpen, sondern in ganz Europa ab. Auf dem ganzen Kontinent verschwinden seit der industriellen Revolution die regionsspezifischen Ausformungen von Wirtschaft und Kultur, die in den einzelnen Mittelgebirgen, in den Becken- und Bördelandschaften oder an Nord- und Ostsee stets sehr unterschiedlich ausgeprägt waren, und sie werden – wie in den Alpen – durch die Ausbreitung der Wälder oder durch Verstädterung ersetzt. Dadurch geht der große Reichtum Europas, die frühere kleinräumige Vielfalt seiner Lebensräume, verloren.

Damit verschwindet in den Alpen wie in Europa dreierlei: Erstens nimmt die ökologische Vielfalt und Kleinräumigkeit ab, weil die Wälder in Europa weniger artenreich als die traditionellen Kulturlandschaften sind. Zweitens konzentriert sich die Wirtschaft immer stärker auf verstädterte Gebiete und zieht sich aus den peripheren Räumen zurück, wodurch dezentrale Standorte überall entwertet werden. Und drittens geht der Bezug der Menschen zu der von ihnen geprägten Landschaft sowohl auf dem Land wie in der Stadt verloren, und dieser Verlust von „Heimat“ schwächt die Verantwortung für das eigene Lebensumfeld.

Aus diesen Gründen ist es keine Perspektive, aus den Alpen eine Wildnis zu machen. Stattdessen sollten die Alpen wieder als dezentraler Lebens- und Wirtschaftsraum aufgewertet werden, in dem die Ressourcen der Natur genutzt, aber nicht zerstört werden.

Um dies zu erreichen, dürften die Tourismuszentren nicht weiter ausgebaut werden. Neue Seilbahnen und Skilifte sollten verboten und Umweltschäden saniert werden. Die Wirtschaft müsste ihr Angebot stärker ortstypisch ausgestalten. Weiterhin müssten alle dezentralen Wirtschaftsaktivitäten (etwa Landwirtschaft, Handwerk, Gewerbe, Tourismus) mit Schwerpunkt auf regionalen Qualitätsprodukten gestärkt werden, indem alle Akteure zusammenarbeiten und regionale Wertschöpfungsketten aufbauen.

Da die Bewohner des Alpenraums von der Nutzung ihrer lokalen Ressourcen allein heute nicht mehr leben könnten, bräuchte es auch Niederlassungen von außeralpinen Firmen; allerdings wäre dabei zu gewährleisten, dass beide Formen des Wirtschaftens nicht – wie derzeit – miteinander konkurrieren, sondern sich wechselseitig stärken. Auf diese Weise könnten die Alpen als dezentraler Lebens- und Wirtschaftsraum gestärkt werden, ohne die Umwelt zu zerstören und ohne sich nach außen hin abzuschotten.



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