Besungen, Gemalt, Bedichtet

von Nune Hakhverdyan

Oben (Ausgabe I/2019)


Ararat – bereits der Name trägt einen musikalischen Rhythmus in sich, der allen Armeniern vertraut ist. Und jeder, der sich in der Ebene um die armenische Hauptstadt Jerewan aufhält, sieht diesen Berg. Erhaben und nah zugleich, wie eine herrliche, verbotene Frucht, erhebt sich der vulkanische Schöne mit seinen zwei Häuptern über dem Ararat-Tal. Man meint, bloß die Hand ausstrecken zu müssen, um ihn zu berühren. Aber genau das bleibt ein unerfüllbarer Wunsch. Denn das Symbol Armeniens befindet sich auf dem Territorium der Türkei, mit der Armenien keine diplomatischen Beziehungen unterhält.

Der Ararat, der über viele Jahrhunderte zu Armenien gehörte, war Zeuge dramatischer historischer Ereignisse. Nach dem Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich (1915-1923) und der Sowjetisierung eines Teils von Armenien, ging der Ararat laut des 1921 geschlossenen russisch-türkischen Vertrags von Kars zusammen mit den angrenzenden Gebieten in die Rechtshoheit der Türkei über. Die Republik Armenien, die nach dem Zerfall der UdSSR zu einem eigenständigen Staat wurde, hat diesen Vertrag bis heute nicht anerkannt. Und stets war der Ararat im Wappen Armeniens abgebildet: nach der Proklamation der Demokratischen Republik Armenien 1918, in der sowjetischen Zeit und heute. Die türkische Regierung protestierte 1921 vehement gegen dieses Wahrzeichen, erhielt aber vom damaligen Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR, Georgi Tschitscherin, zur Antwort: „Auf der Flagge der Türkei ist auch ein Halbmond dargestellt, dabei gehört der Mond gar nicht zur Türkei!“

Für viele Armenier ist der Ararat das Symbol eines Staates, der an seinen Hängen die über viele Länder verstreuten Armenier versammelt, wie eine Bergmutter. Der Name des Berges geht auf die Entstehung der Welt zurück und bedeutet „Ort der Schöpfung/des Erschaffens“. Der Ararat gilt als der heilige Berg, an dem Noahs Arche angelegt haben soll. Doch sogar in Legenden aus vorchristlicher Zeit taucht sein Name auf, in diesen wird er als Heimat der mystischen Vischaps genannt. Diese sagenumwobenen Drachenschlangen, die auf dem Ararat leben sollen, kennt jedes armenische Kind aus zahlreichen Geschichten: Vischaps gelten als Inbegriff des Chaos. Sie werden Tausende von Jahren alt und kämpfen gegen die Sonne und die Harmonie. Wenn sie wütend werden, erzeugen sie Gewitter und ihr Blut gilt als so giftig, dass jede Waffe, die einmal mit ihm in Berührung kam, unbesiegbar ist. In vorchristlicher Zeit wurden zu Ehren der Vischaps zahlreiche „Vischapkar“, bis zu fünf Meter hohe Steinsäulen, aufgestellt, von denen man einige noch immer an den Hängen des Ararat bewundern kann.

Auch für die Türkei hat der Ararat symbolische Bedeutung. Für Ankara gilt der Berg als Zeichen des Sieges der kemalistischen Revolution und der Gründung der neuen türkischen Republik. Bekanntlich sind kulturelle Symbole nur dann beständig, wenn sie mit der Liebe, Ehrfurcht und Duldsamkeit vieler Generationen in die Volkspoesie eingeflochten werden.

Der Berg Ararat ist ein solch geliebtes Symbol für alle Generationen von Armeniern. Er wird besungen, gemalt, man widmet ihm Verse, verknüpft mit ihm kommerzielle Projekte und politische Perspektiven. In einem der ältesten armenischen Wiegenlieder ist der Ararat der weise Beschützer, der dem Kind rät, geduldig, stolz und tapfer zu sein. Wie ein Berg verströme auch der Mensch die Energie des Himmels und der Erde. Folglich müsse man dankbar sein für das Geschenk des Lebens, selbst dann, wenn dieses Leben voller Verluste und Einsamkeit sein sollte. Die Moral des Liedes ist, dass das Leben jedes Wesens absolut einzigartig sei, wie die Berge.

Das Besondere des Ararat liegt in seiner exponierten, einsamen Lage. Nur selten lässt es ein Berg zu, dass man ihn vollständig betrachtet: Gewöhnlich sieht man nur den Teil, der aus Hügelketten oder Bergrücken emporwächst. Aber der Ararat steigt aus einer Ebene empor, in der es kein anderes Bergmassiv gibt, nicht einmal einen kleinen Hügel. Man kann den zweigipfligen Berg in voller Größe bewundern, von der Spitze bis zu den Hängen. Der Große Ararat liegt 5.137 Meter über dem Meeresspiegel, sein zweiter Gipfel, der Kleine Ararat, 3.896 Meter. Zwar ist er nicht der höchste Berg der Welt, aber nach Ansicht der Armenier ist er der schönste. Er scheint aus dem Nichts aufzutauchen. Als sei er aus der Erde gewachsen, oder umgekehrt: als sei er vom Himmel gestiegen und für immer mit der Erde verwachsen.

Darum erstaunt es auch nicht, dass der Ararat überall präsent ist im Alltag der Armenier: Ihm zu Ehren wurden eine Stadt, ein Bezirk, Hotels, ein Fußballclub, Zeitungen, Getränke, Zigaretten, Lebensmittel und Firmen benannt. „Ararat“ ist ein verbreiteter Männername und eines der ersten Wörter, das Erstklässler in der Schule lesen und schreiben lernen. Für die Armenier ist der Ararat nicht nur eine Berghöhe, mit der sie Legenden und die Umdeutung ihrer politischen Identität verbinden, sondern auch ein alltäglicher Freund. Er wird fotografiert, bestaunt, mit ihm trinkt man den Morgenkaffee. Man kann ihn aus fast jedem Fenster in Armeniens Hauptstadt Jerewan erspähen. Auf dem Immobilienmarkt sind jene Wohnungen am wertvollsten, aus deren Fenstern der Ararat zu sehen ist. Mehr noch: Kündigt sich ein Neubau an, sprechen die Bauherren zuallererst nicht vom Komfort des Wohnraums, sondern preisen den Ausblick auf den Berg. Kommt man am Konservatorium von Jerewan vorbei, kann man hören, wie die jungen Vokalisten ihre Stimmbänder aufwärmen, indem sie mit gedehnten Silben singen: „A-ra-rat“.

Der Blick auf den Ararat von Armenien lässt sich nicht mit dem von der Türkei vergleichen. Seine schönste Seite zeigt er den Armeniern. Es erscheint vielen sehr leicht, die Endgültigkeit des Verlusts des Ararat anzuzweifeln. Was ist schon ein Jahrhundert gegenüber der Ewigkeit? Ein Jahrhundert ist nur ein Sandkorn seit dem Zeitalter der Schöpfung. Der Ararat ist ein Symbol für Verlust, aber auch für täglichen Gewinn. Wie kann er einem nicht gehören, wenn er so nah ist, erhaben, sanft, verschneit und glitzernd? Manchmal verschwimmen seine Umrisse im Nebel, manchmal zeigt er sich ganz und unvorstellbar schön. 

aus dem Russischen von Franziska Zwerg



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