„Die Geheimnisse des Ghettos“

ein Gespräch mit Tom Tykwer

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Sie haben in Kibera, dem größten Slum von Nairobi, junge Afrikaner dabei unterstützt, einen Kinofilm zu drehen. Was hat Sie dazu motiviert?

Es gibt kaum so etwas wie Autorenkino in Afrika: Filme, die nach einer individuellen künstlerischen Handschrift suchen, von den Menschen vor Ort entwickelt werden und sich nicht darum scheren, ob sie in Europa oder Amerika verstanden werden. Natürlich existiert eine afrikanische Filmindustrie und wir wollen uns bestimmt nicht als diejenigen stilisieren, die den Afrikanern den Film bringen. Aber wir wollen Menschen vor Ort darin stärken, ihre Geschichten unter Anleitung als richtigen Kinofilm zu erzählen.

Wovon handelt „Soul Boy“?

In „Soul Boy“ versucht Abila die Seele seines Vaters zu retten. Dieser kann eines Morgens nicht mehr aufstehen, redet wirr und ist davon überzeugt, ihm sei die Seele gestohlen worden. Abila findet mit seiner Freundin Shiku eine mysteriöse Geisterfrau, die ihm sieben Aufgaben stellt, welche er in den umtriebigen Gassen Kiberas lösen muss.

Wie war es, als Sie zum ersten Mal den Slum betreten haben? Haben Sie sofort gedacht: Hier müsste man einen Film drehen?

Nein! Ich habe meine Partnerin Marie Steinmann besucht, um ihr Projekt One Fine Day e.V. kennenzulernen. Sie unterrichtet Kunstklassen für Kinder und Jugendliche im Slum. Es war anstrengend in den extrem überfüllten Gassen. Das größte Problem neben der Armut und der daraus resultierenden schlechten Ernährung ist Hygiene: der Gestank, die nicht vorhandene Kanalisation und diese unvorstellbaren Berge von Müll. Doch die Menschen, die in diesem unerträglichen Dreck leben, sind überwiegend freundlich zueinander und meist auch sehr gepflegt und gut angezogen, obwohl sie zu siebt oder acht in einer winzigen Hütte leben. Was mich auch überrascht hat, war die Vitalität und grundsätzlich positive Lebensenergie der Menschen dort. Die Leute waren unheimlich unter Strom.

Das entspricht nicht unbedingt unserem Bild von einem Slum.

Die Vorstellungen, die wir uns von Slums machen, stimmen nicht annähernd mit dem überein, was man sieht, wenn man dort Zeit verbringt. Trotz aller Kriminalität, Gewalt und natürlich auch großer Unzufriedenheit der Menschen, gibt es ein sehr starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Slums sind etablierte Lebensräume geworden. Die Versorgungslage ist kompliziert, aber sie ist nicht desaströs. Die Menschen sind nicht ständig am Rande des Verhungerns. Sie interessieren sich für alles Mögliche. Es gibt Kinos in größeren Hütten und viele andere Ansätze kultureller Aktivität. Man trifft interessante Leute. Es sind eben nicht nur die Behausungen der völlig Ungebildeten.

Haben Sie im Slum auch die Schüler für Ihre Filmklasse gefunden?

Ja, teilweise. Wir haben aber auch mit einer Produktionsfirma in Nairobi zusammengearbeitet, die uns Kontakte verschafft hat. Es war nicht unser Ziel, dass alle, die sich bei diesem Pilotprojekt in Filmberufen ausprobieren wollten, aus dem Slum sein mussten. In Nairobi gibt es eine nicht zu unterschätzende intellektuelle und kulturell aktive Schicht, die wir eingebunden haben. Billy Kahora, der Autor des Drehbuchs, gehört dazu. Er ist Schriftsteller und bringt eine Literaturzeitschrift in Kenia heraus.

War es seine Idee, eine Geschichte über Jugendliche zu erzählen?

Das legten schon die Mythologien dieser Region nahe, die von Hexengeschichten und sehr eigenen Fantasiewelten geprägt sind. Weil er gerade noch ein Kind ist, folgt man Abila bereitwillig in die Geisterwelt mit ihren Angst- und Sehnsuchtsräumen. So mussten wir auch dem Existenzkampf der Erwachsenen nicht so viel Raum geben. Abila und seine Freundin Shiku haben noch die Freiheit, herumzuschlendern und den Geheimnissen ihres Ghettos auf die Spur zu kommen. Trotzdem gibt es viele Hinweise darauf, dass Kibera ein Ort ist, an dem man ganz schön stark sein muss, um das Leben dort auszuhalten.

Der Wille, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, wird in „Soul Boy“ sehr betont. War das ein Motiv, auf das Sie hinauswollten?

Ich sehe den Film nicht so pädagogisch. Für mich ist „Soul Boy“ fast ein Reisefilm, eine afrikanische Jugend-Odyssee durch verschiedene Stationen des Slums. Die tragende Idee des Films ist für mich weniger, dass man sich seine eigene Zukunft bauen muss, als vielmehr, dass man sich selbst kennenlernen muss, um zu wissen, was man sich zutrauen kann.

Wie war die Zusammenarbeit mit der Regisseurin Hawa Essuman?

Ich war am meisten damit beschäftigt, dass wir in unserem Timing blieben. Natürlich habe ich hin und wieder Ratschläge gegeben, aber es war eine gemeinsame Arbeit, bei der sie das Ruder in der Hand hatte. Manchmal überraschte sie mich mit ihrer Art zu inszenieren. Hawa suchte nicht ständig nach einem Höhepunkt, sondern ließ einer Szene ihren Lauf. Wir dagegen versuchen immer, mit gezielten Pointen Intensität aufzubauen. „Soul Boy“ beweist, dass Spannung auch ohne dieses sehr stakkatohafte, schocktherapeutische Erzählen erhalten bleiben kann. Das habe ich gelernt.

Wie war es, in einem Slum zu drehen?

Eigentlich auch nicht chaotischer als zum Beispiel in Italien, nur eben anders. Eine große Hilfe war unser kenianischer Regieassistent Tony Rimwah. Er hatte einen Trick, den wir alle immer beherzigt haben. Wenn jemand Ärger machen will, dann ist der einzige Weg, ihn sofort zu integrieren und zu fragen: „Wir brauchen da hinten jemanden zum Absperren. Willst du das nicht machen?“ Es hat sich sehr schnell herumgesprochen, dass wir einen Film mit und über die Menschen, die in Kibera leben, machen, und deshalb war die Stimmung meist sehr freundlich. Nur wenn es dämmerte, wurde Tony nervös und drängte uns zu gehen. Bei Dunkelheit hat man als Weißer im Slum einfach nichts mehr verloren.

Kann der Film Erfolg haben?

Er ist bereits überaus erfolgreich, denn er läuft seit der letzten Berlinale auf fast jedem Filmfestival, das man sich nur vorstellen kann und ist jetzt in Deutschland in die Kinos gekommen. Ohne diese Aufmerksamkeit hätten wir unsere Initiative nicht so ausbauen können.

Wie geht es mit der Filmschule jetzt weiter?

Jetzt sind wir eine durchstrukturierte Organisation mit dem Namen „FilmAfrica!“, an der sich das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die Deutsche-Welle-Akademie, das Goethe-Institut und die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen beteiligen. Unser Budget hat sich verfünffacht. Wir konnten in allen Filmdisziplinen Workshops mit acht bis zehn Teilnehmern, die wir aus Hunderten von Bewerbern ausgewählt haben, abhalten. Aus den Besten der Workshops haben wir unsere zweite Crew zusammengestellt und im Herbst einen zweiten Film, Nairobi Half Life, unter der Regie von Tosh Gitonga gedreht.

Haben Sie noch Kontakt zum Team von „Soul Boy“? Hat sich in deren Leben etwas verändert?

Team und Darsteller hatten eine großartige Open-Air-Premiere in Kibera, im Slum. Es wurden viele Glückstränen vergossen, weil Tausende von Bewohnern sich selbst auf der Leinwand sahen. Bei der offiziellen Premiere in einem Kino in Nairobi ging das ganze Team über einen kleinen roten Teppich. Ich glaube, viele der Menschen, die bei „Soul Boy“ mitgemacht haben, werden in der Filmbranche ihren Platz finden.

Das Interview führte Karola Klatt



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