Die in den Bergen schlafen

von Masanori Naruse

Oben (Ausgabe I/2019)


Wenn ich die Dewa-Berge in der japanischen Präfektur­ Yamagata besuche, dann gehe ich allein und bleibe für neun Tage. Ich nehme etwas zu essen mit, ein bisschen Wasser und einen Schlafsack. Mehr nicht. Für gewöhnlich wandere ich am ersten Tag zu einem der alten Tempel in den Bergen und übernachte dort. Dann faste und bete ich für mehrere Tage oder singe Mantras unter einem kalten Wasserfall. Als Anhänger der Yamabushi (zu Deutsch: „die, die in den Bergen schlafen“), eines Mönchsordens, der in ganz Japan verteilt lebt, ist es meine Aufgabe, mich selbst zu finden und meinen Geist mit der Natur in Einklang zu bringen – und wo sollte das besser gehen als in den Bergen? In der Mythologie des Shintoismus, einer dem Buddhismus ähnlichen Religion, auf die sich viele unserer Yamabushi-Traditionen berufen, gelten sie als Orte der Selbstfindung. Auch Yomi, das schintoistische Pendant zur Unterwelt, wird in den Bergen verortet. Hier treffen sich die verschiedenen Reiche – die Welt der Menschen und die Welt der Geister. Wenn ich an einem unserer Tempel meditiere, dann versuche ich, diesen verschiedenen Welten zu lauschen und mein alltägliches Ich zu verlieren. Viele der Städter, die durch Metropolen wie Tokio hetzen, können das nicht verstehen. Sie verklären unser Leben in den Bergen, weil diese ihnen so fern sind. Früher glaubten manche Japaner sogar, die Yamabushi seien mit Kobolden verwandt und hätten in den Bergen übernatürliche Kräfte erworben, also etwa die Kunst des Fliegens gemeistert. In Wahrheit sind unsere Bräuche aber weniger mystisch und religiös, als viele glauben. 

protokolliert von Kai Schnier



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