Das Haus des Mondes

von Alfredo Jaramillo

Oben (Ausgabe I/2019)


Der Ort Ruca Choroi besteht aus einer Handvoll Häuser entlang des gleichnamigen Flusses. In der Sprache der indigenen  Mapuche-Bevölkerung bedeutet der Name »Haus der Papageien«. Der Wind trägt den Gesang der namensgebenden Vögel durch das kleine Tal, wo ein auffälliges Gebäude mit blauem, halbmondförmigem Dach das Interesse der Besucher auf sich zieht. Der noch unfertige Bau soll das erste interkulturelle Krankenhaus Argentiniens werden. Schulmedizinische Ärzte werden hier in wenigen Wochen neben Mapuche-Heilern praktizieren. »Ranguiñ Kien«, Halbmond, soll es heißen.

Ceferino Peña ist ein »Ngenpiñ«, ein spiritueller Anführer, der die Weltanschauung der Mapuche weitergibt. Während er durch den Rohbau des Gebäudes führt, beschreibt er begeistert die weiteren Baupläne: »Das hier wird der Speiseraum, hier werden die Zimmer sein und dort die Feuerstelle.« Er zeigt auf den Kaminofen im Mittelschiff des Gebäudes. Aus schulmedizinischer Sicht erscheint eine Feuerstelle in einem Krankenhaus mehr als nur ungewöhnlich und widerspricht allen Hygiene- und Sicherheitsvorschriften. Doch bei den Mapuche verhält es sich anders. »Das Feuer ist Heilung, es ist der Ort der Begegnung. Hier werden die Kranken gemeinsam mit ihrer Familie warten«, erklärt Peña.

Die 1.200 Einwohner umfassende Gemeinde Ruca Choroi ist eine der ältesten Mapuche-Siedlungen der Provinz Neuquén im Norden Patagoniens. Im 19. Jahrhundert wurden die Mapuche in ganz Argentinien massiv verfolgt. Während der sogenannten »Campaña del Desierto«, einer Reihe von militärischen Aktionen im noch jungen argentinischen Staat, wurde ein Großteil der indigenen Bevölkerung ausgelöscht. Gabriela Calfinahuel ist davon überzeugt, dass die Auswirkungen dieser Verfolgung bis heute spürbar sind. Die dreißigjährige Lehrerin, die die Mapuche-Sprache Mapuzungún  unterrichtet, erzählt, dass viele Familien aus Scham aufgehört haben, ihre Sprache zu sprechen. Sie verschleiern ihre Herkunft als indigene Bevölkerung, um in Argentinien nicht diskriminiert zu werden. Dabei ist auch ein großer Teil des Wissens über die traditionellen Heilmethoden in Vergessenheit geraten. Calfinahuel ist es ein wichtiges Anliegen, dass das Erbe ihres Volkes nicht verloren geht. Sie ist eine Nachfahrin des legendären Mapuche-Anführers Desiderio Calfinahuel, der zusammen mit anderen Stammesführern den Kampf um die Rückgewinnung des Mapuche-Landes um Ruca Choroi angeführt hatte. Das neue Krankenhaus soll nun helfen, auch die »alte Spiritualität, die uns unsere Ahnen hinterlassen haben, zurückzuerobern«, sagt Gabriela Calfinahuel.

Bisher lag das nächste Krankenhaus im 25 Kilometer entfernten Aluminé. Dorthin mussten die Dorfbewohner von Ruca Choroi reisen, wenn es ihnen schlecht ging. Erste Hilfe konnte zwar im Notfall auch in der örtlichen Schule stattfinden, allerdings mit mangelhafter Ausstattung und ohne jede Privatsphäre. Um diesen Notstand zu ändern, konnten einige Stammesführer den ehemaligen Gouverneur von Neuquén von der Idee eines interkulturellen Krankenhauses überzeugen. 2014 begann der Bau des ungewöhnlichen Vorhabens, bei dem Mapuche und Mitarbeiter des staatlichen Gesundheitssystems eng zusammenarbeiten. Durch bürokratische Hürden hat sich die Eröffnung zwar verzögert, doch voraussichtlich 2019 soll das Krankenhaus kostenlose medizinische Versorgung für die Bevölkerung ermöglichen und vier Betten für stationäre Behandlungen zur Verfügung stellen. »Mit unserem Projekt wollen wir jener Art von Medizin wieder mehr Beachtung schenken, die lange nur hinter verschlossenen Türen praktiziert wurde«, sagt Calfinahuel. In Ranguiñ Kien werden die Kopfenden der Krankenbetten nach Osten zeigen, dorthin, wo die Sonne aufgeht. Bunte Wandteppiche sollen an den Wände hängen. »Die Menschen sollen sich hier wohlfühlen, um gesund zu werden«, erklärt Peña.

Die traditionelle Medizin der Mapuche basiert auf zwei Grundelementen: Auf den Mondphasen und dem Einsatz von Heilpflanzen. »Die meisten Dinge werden vom Mond regiert«, erklärt Calfinahuel. »Medikamente müssen bei Neumond oder bei Vollmond verschrieben werden. So schwinden die Krankheiten zusammen mit dem Mond.« Jeder Teil einer Heilpflanze, ob Wurzel, Stängel, Blüte oder Blätter, ist wichtig und hat eine andere Funktion. Um eine Verbrennung zu behandeln, wird beispielsweise bei Neumond der gewöhnliche Reiherschnabel benötigt. Die Pflanze wird zermahlen und danach über den Zeitraum von sieben Tagen direkt auf die Wunde gegeben. Zur Wundheilung und Desinfektion verwendet man Breitwegerich. Sollen Fieber oder hoher Blutdruck gesenkt werden, wird das chilenische Tausendgüldenkraut eingesetzt. Medikamente wie Ibuprofen gelten als Ergänzung.

Nach dem Glauben der Mapuche gibt es Krankheiten, die die Schulmedizin nicht heilen kann. Der »böse Wind« zum Beispiel macht sich durch hohes Fieber und Magenschmerzen bemerkbar und könne nur von einem Machi geheilt werden. Machis, das sind Männer oder Frauen, die die Gabe besitzen, Kranke zu heilen. »In Argentinien wurden Machis lange Zeit verfolgt, man glaubte, sie seien Hexer. Sie konnten Dinge vorhersehen, was man als normaler Mensch nicht kann«, erklärt Peña. Heute leben die meisten Machis in Chile, wo die Mapuche-Kultur fortbestehen konnte. In Argentinien gibt es keinen einzigen mehr. Alle zwanzig Tage kommt ein Machi aus Chile nach Neuquén, um die Kranken der argentinischen Gemeinschaft zu heilen. Zukünftig wird das dauerhaft im Krankenhaus Ranguiñ Kien möglich sein.

»Es gibt Situationen, die wir mit unseren medizinischen Lehrbüchern nicht erklären können, aber wir wollen das nicht wahrhaben, weil es unserem wissenschaftlichen Glauben nicht entspricht«, erklärt Fabián Gancedo, Arzt im schulmedizinischen Krankenhaus von Aluminé. Kurz nach seiner Approbation im Jahr 1988 zog er von Buenos Aires nach Patagonien. Seitdem hat sich seine Auffassung von Medizin nachhaltig verändert. »Für die indigenen Völker ist das Verständnis von Gesundheit holistisch. Es gibt nicht einmal eine Bezeichnung für das Konzept Gesundheit. Sie sprechen von ›küme felen‹, was so viel heißt wie Wohlbefinden.« Als Arzt ist Gancedo davon überzeugt, dass Krankheiten auch kulturell bedingt sind und Menschen von den Dingen geheilt werden, an die sie glauben. »Ich muss mich wohlfühlen mit meinem Körper, mit meiner Spiritualität, mit meinen Ahnen, um gesund zu werden.« Zwar können die Heilpflanzen der Mapuche nicht alle Krankheiten heilen, unterstreicht Gancedo. Bei schlimmen Erkrankungen müssen die Patienten in ein größeres Krankenhaus verlegt werden. Aber auch dann können die traditionellen Heilmethoden eine schulmedizinische Behandlung unterstützen.

Im Krankenhaus Ranguiñ Kien wird medizinisches Fachpersonal aus der Region arbeiten, das bereits eine Verbindung zur Gemeinschaft aufgebaut hat. Die Fachkräfte stellen die Erstdiagnosen und schlagen je nach Fall eine schulmedizinische oder aber eine Behandlung nach traditioneller Mapuche-Medizin vor. Im halbmondförmigen Krankenhaus können sich die Menschen mit ihren Angehörigen um die Feuerstelle versammeln. Dabei rufen sie auf der Suche nach Heilung die Geister der Ahnen und beleben so eine jahrtausendealte Tradition. 

Aus dem Spanischen von Christiane Quandt



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