„Spielen im Dreck“

ein Interview mit Sri Agostini

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Sie arbeiten als Kindergärtnerin in der Green School auf Bali. Was ist das Besondere an dieser Schule?

Unsere Schulräume haben keine Wände. Die Dächer sind aus Bambus gefertigt und an den Seiten hängen Stoffe. Wenn der Regen aufs Dach prasselt, ist das eine ziemliche Herausforderung, weil wir alle lauter sprechen müssen. Wenn es ein Gewitter gibt, haben die Kinder manchmal Angst und weinen. Aber dann erklären wir ihnen, wie Donner zustande kommt, und singen gemeinsam Lieder über den Regen.

Und was ist inhaltlich anders an Ihrem Unterricht?

Wir konzentrieren uns an der Green School nicht nur auf akademische Inhalte. Wichtig sind uns auch Einstellungen und Verhaltensweisen. In den indonesischen Einrichtungen, in denen ich früher gearbeitet habe, waren Lehrer und Eltern immer sehr darauf bedacht, dass die Kinder ihre Kleidung nicht schmutzig machen. Es ist aber wichtig, dass Kinder Raum haben, sich zu entdecken. Bei uns gibt es Dreckhaufen, auf denen sie spielen dürfen.

Und das soll sie zu umweltbewussteren Menschen erziehen?

Ja, denn wir wollen den Kleinkindern damit ein Gefühl für die Natur geben, damit sie bewusster mit ihr umgehen. Um die Schule herum machen wir Erkundungsspaziergänge. Wir haben Kaulquappen, über die sich die Kinder Geschichten ausdenken. Dann gibt es auch noch Hasen oder Schweine. Teilweise füttern wir sie mit Resten unseres Mittagessens.

Wie werden die Kinder dabei einbezogen?

Auf einer Mülltonne haben wir das Bild eines Schweins angebracht. Die Kinder wissen somit gleich, in welche Tonne sie die Essensreste werfen müssen. Außerdem säen wir mit den Kindern Blumen, um Insekten anzulocken, die wir dann gemeinsam betrachten. Auch Gemüse bauen wir mit ihnen an. Später wird es zusammen geerntet und bei unseren gemeinsamen Mahlzeiten verspeist. Manche Kinder wissen ja überhaupt nicht mehr, wo Gemüse eigentlich herkommt. Sie denken, das entsteht irgendwo im Supermarkt. Wir zeigen den Kindern auch, wie Produkte recycelt werden können.

Wie kann man einem Kleinkind beibringen, was Recycling bedeutet?

Wenn wir zum Beispiel den Kindern für eine Aufgabe Papier austeilen und sie einen Fehler machen, wollen sie oft sofort ein neues Blatt. Dann sagen wir ihnen: Dreht das Papier um und verwendet erst die Rückseite. Für Papier werden Bäume gefällt und mit denen müssen wir achtsam umgehen. Außerdem regen wir die Kinder dazu an, aus alten Verpackungen etwas Schönes zu basteln, zum Beispiel Musikinstrumente wie kleine Rasseln.

Die Green School ist eine internationale Einrichtung. Wie reagieren Außenstehende in Indonesien auf das grüne Konzept?

Manche finden unser Vorgehen sehr inspirierend, andere amüsieren sich, zum Beispiel über unsere Komposttoiletten. Statt mit einer Spülung zu arbeiten, überdecken wir die Fäkalien mit Sägemehl. Später wird dieser Boden als Dünger eingesetzt.

Mit welchem Umweltbewusstsein wachsen Kinder gewöhnlich in indonesischen Familien auf?

In Indonesien wird Müll nicht getrennt. Viele Indonesier, die ich kenne, sind sich der Klimaprobleme gar nicht bewusst. Sie verbrennen den Müll und werfen Plastiktüten aus dem Autofenster. So etwas ärgert mich. Wenn es in Indonesien eine Überschwemmung gibt, verstehen die gebildeteren Menschen, dass dies auch damit zu tun hat, wie wir mit der Natur umgehen. Andere erklären sich diese Phänomene mit einem Aberglauben oder sagen, das war der Zorn Gottes.

Wann wissen Sie, dass Sie Ihre pädagogischen Ziele bei den Kindern erreicht haben?

Einmal hat ein Kind bei Regen einen verletzten Schmetterling unter unser Dach gebracht und auf einen Tisch gelegt, damit seine Flügel nicht nass werden. Daneben hat das Mädchen noch einige Blumen gelegt. So beginnt für mich nachhaltiges Denken.

Das Interview führte Carmen Eller



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