„Emissionskontrollen sind den USA zu teuer“

ein Gespräch mit Rosina Bierbaum

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Sie haben für die Weltbank den Weltentwicklungsbericht 2010 zu „Entwicklung und Klimawandel“ erstellt. Was waren zentrale Ergebnisse dieser Arbeit?

Wenn wir gegen den Klimawandel angehen wollen, müssen nachhaltige Entwicklung und der Kampf gegen die Armut die oberste Priorität haben. Wir gingen bei unserem Bericht von der Prämisse aus, dass sich die ärmsten Länder der Welt weiterentwickeln und wir die Probleme lösen müssen, die bereits exis-tieren: 1,6 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu moderner Energie, 1,4 Milliarden leben in Armut, ein Sechstel der Weltbevölkerung hat kein sauberes Wasser, ein Viertel aller Kinder sind unterernährt. Wir haben herausgefunden: Die Aussichten von Ländern, sich zu entwickeln, werden schon heute durch den Klimawandel behindert, insbesondere in den ärmsten Regionen der Welt.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Von Afrika haben wir erfahren, dass Gelder aus dem Fonds für Entwicklungshilfe umgeleitet werden, um die Auswirkungen von Klimaschocks zu bezahlen. Die Menschen in Afrika erleben den Klimawandel schon jetzt in Form von Überflutungen oder Trockenheit. Das wird sich in Zukunft noch verschlimmern. Die Entwicklungsländer werden etwa 80 Prozent der Auswirkungen des Klimawandels tragen müssen. Dabei verursachen die ärmsten 1,2 Milliarden Menschen gerade mal zwei Prozent aller Emissionen. Klimawandel ist zutiefst unfair.

2009 hat der amerikanische Präsident Barack Obama Sie in sein „Beratergremium für Wissenschaft und Technologie“ berufen. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass wir eine Erderwärmung von über zwei Grad aufhalten können?

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass wir es schaffen, die Erdwärmung des Planeten auf zwei Grad zu begrenzen. Es ist aber möglich, wenn wir jetzt alle zusammen unser Verhalten umstellen. Die Dinge können sich schnell verändern, wenn die entsprechenden Entscheidungen einmal getroffen worden sind – insbesondere, wenn es Anreize für Innovationen gibt. Die zentralen Fragen sind: Wie schnell reduzieren wir unsere Emissionen und wie gut kommen wir mit den Veränderungen klar?

Was machen die USA bisher, um Emissionen zu verringern?

Der Präsident und Lisa Jackson, die Leiterin der amerikanischen Umweltschutzbehörde, haben angekündigt, dass sie Emissionen von Betrieben kontrollieren und den Kraftstoffverbrauch von Pkws und Lastwagen effizienter gestalten wollen. Solche Maßnahmen werden die Emissionen beträchtlich reduzieren. Es wird eine Weile dauern, bis das entsprechende Regelwerk aufgestellt ist, aber zumindest gibt es die Absicht, diese Schritte einzuleiten.

Wurden hierfür schon Gesetze verabschiedet?

Bislang ist nichts passiert. Ich denke aber, diese Gesetze werden kommen. Viele Städte in den USA unternehmen bereits einiges, um Emissionen zu reduzieren. 38 Staaten beteiligen sich an entsprechenden Programmen. Die Kongressmitglieder leben in diesen Städten oder Staaten und können das mitverfolgen. Aber sie sind noch der Ansicht, dass es zu viel kosten würde, Emissionen zu kontrollieren.

Vor welchen Herausforderungen steht die Wissenschaft im Umgang mit dem Klimawandel?

Wir dürfen nicht nur über den Klimawandel nachdenken, sondern müssen auch berücksichtigen, wie sich Tiere verhalten, was mit der Landwirtschaft und den Wäldern passiert oder wie sich Niederschlag verändert. Wenn man versucht, Biodiversität da zu erhalten, wo sie verloren zu gehen droht, wird man bei einer ganzen Reihe von Fällen falschliegen. Viele Ökosysteme dieser Erde werden sich unaufhaltsam mit dem Klima verändern.

Wie wirkt sich diese Erkenntnis auf Ihre Arbeit aus?

Wir entwickeln Vorschläge, wie man Menschen angesichts von drohenden Überflutungen, Dürren, sich verändernden Temperaturen, Hitzewellen und Krankheiten widerstandsfähiger machen kann. Jetzt sollte man sich vor allem in Entwicklungsländern für eine langlebige Infrastruktur entscheiden und überlegen, ob diese auch in den nächsten hundert Jahren unter veränderten Klimabedingungen, zum Beispiel einem erhöhten Meeresspiegel, Bestand haben wird.

Was heißt das konkret?

Wir schlagen vor, Feldfrüchte und Pflanzen anzubauen, die unter den verschiedensten klimatischen Bedingungen gedeihen, sei es Trockenheit, Überflutung oder Hitze, auch wenn damit nicht unbedingt optimale Erträge zu erzielen sein werden. Dann überlegen wir uns, wie wir Menschen in einem sich verändernden Klima schützen können. Die Maßnahmen hängen stark von den örtlichen Gegebenheiten des jeweiligen Landes ab, ob es etwa Versicherungen gibt oder ein funktionierendes so-ziales Netz. Grundsätzlich brauchen wir ausgefeiltere Beobachtungs- und Überwachungssysteme, um vor extremen Ereignissen warnen zu können, und bes-sere Evakuierungsmöglichkeiten. Wir müssen auch die ärmsten Länder mit Informationen versorgen, etwa Afrika, wo es wenig koordiniertes Monitoring gibt, Veränderungen aber sehr schnell passieren.

Gewinnen am Ende nicht wieder die reichen Länder, die es sich am ehesten leisten können, die Schäden zu begrenzen?

Da fällt mir Henry Kendall, der Physik-Nobelpreisträger ein, der sich viele Gedanken um den Klimawandel machte. Er sagte: Es ist nicht möglich, dass nur ein Teil eines Schiffs versinkt, während sich der andere über Wasser hält. Es kann also nicht ein Teil der Welt durch den Klimawandel verarmt und zerstört sein, während es dem anderen weiterhin gut geht. Dafür hängen wir viel zu sehr voneinander ab.

Das Interview führte Carmen Eller



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