„Diese Geschichten lassen dein Herz explodieren“

ein Gespräch mit Simon Norfolk

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


In Ihren Bildern zeigen Sie Landschaften im und nach dem Krieg. Wie werden Landschaften durch Krieg geformt?

Die Schlachtfelder umgeben uns. Nehmen wir Köln: Das heutige Stadtbild wurde von Lancaster-Bombern geformt. Man sieht, was ein Bomber vermochte und was nicht. Oder ein Flüchtlingslager: Im Krieg fliehen die Menschen. Am ersten sicheren Ort bauen sie provisorische Städte. Der einzige Grund, warum diese Städte aussehen, wie sie aussehen, ist Krieg.

Was haben Nachkriegsorte gemeinsam?

Die Ruinen. Die ersten journalistischen Fotos von 1850 zeigten Ruinen. Sie beriefen sich auf die Darstellung von Ruinen in der romantischen Malerei. Die Ruinen in den Gemälden kommentierten die Torheit von Imperien. Die USA machen heute die gleichen Dummheiten wie früher das britische Empire. Sie marschieren in Länder ein, um das Leben der Leute zu verbessern, indem sie ihnen Bibeln oder Demokratie geben. Wegen solcher ewigen Kreisläufe zitiere ich in meinen Bildern romantische Gemälde: Ruinen oder goldenes Licht.

Sie bringen Grauen und Ästhetik zusammen.

Unsere Gesellschaft trennt Grauen und Schönheit. Ich finde das nicht richtig. Afghanistan zum Beispiel ist ein Ort des Schreckens, aber auch ein unglaublich schönes Land. In Auschwitz gab es furchtbares Grauen, aber im Sommer sieht man dort Vögel und wilde Blumen, die sonst nirgendwo mehr wachsen.

Wie erreichen Sie technisch die Ästhetik Ihrer Bilder?

Mit meiner Holzkamera. Sie sieht aus wie aus den Anfängen der Fotografie. Die intensiven Farbnegative ergeben Bilder, die wie Gemälde aussehen. Zum Fotografieren muss man sich ein Tuch über den Kopf legen. Es wirkt lächerlich, deshalb komme ich leicht an gute Motive heran. Ich habe eine Glatze und trage Hawaiihemden. Ich versuche, wie ein verrückter Professor auszusehen. Jemand, der so daherkommt, wird eher nicht erschossen oder ausgeraubt.

Wie fotografieren Sie Menschen an zerstörten Orten?

Als Fotograf taucht man in das Leben von Menschen ein, selbst wenn man sie nicht fotografiert. Wenn ich irgendwo mit der Kamera stehe, kommt manchmal jemand aus einem zerstörten Haus und bittet mich herein, um Tee zu trinken. Dann erzählen die Leute, und ihre Geschichten lassen dein Herz explodieren. In der Fotografie passieren zwei Dinge: Ich mache ein Foto, aber der Mensch, der mir seine Geschichte erzählt, erlegt mir eine moralische Verantwortung auf, etwas mit der Information zu tun. Wie reagiert man, wenn eine Frau den Tee bringt und der Mann sagt: „Ach ja, sie ist auch vergewaltigt worden.“ Wenn man einfach geht, ohne etwas mit dieser Information anzufangen, ist man in meinen Augen nur ein Tourist.

Wohin fahren Sie in Urlaub?

(lacht) Das letzte Mal war ich auf Sizilien, wieso?

Vielleicht brauchen Sie ab und zu eine Pause?

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich nach meiner Arbeit eine Pause brauche. Ich komme nicht nach Hause und betrinke mich erst mal. Ich tue diese Arbeit aus Wut, ich will sehen, dass die Welt sich verändert. Ich muss nur die Nachrichten einschalten, dann ist mein Tank wieder voll und ich buche ein Flugticket.

Sie zeigen Ihre Fotos in Ausstellungen weltweit. Wie reagieren die Besucher darauf?

Meist positiv. Zu den Afghanistan-Bildern sagen sie: „So sieht das also aus.“ Dabei hatten sie schon Hunderte von Bildern von dort gesehen. Was sie kannten, waren Klischees: ein Mann mit Turban, der in die Luft feuert, ein verletztes Kind im Krankenaus oder eine Frau mit Kopftuch, die an einem Grabstein weint. Man sah nie den Ort, an dem das alles passierte. Ich finde es wichtig, dass wir verstehen, was an einem Ort passiert ist, und dass wir einen Plan haben, um zu verhindern, dass dies wieder geschieht.

Das Interview führte Nicole Graaf



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