Dürfen wir das?

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Es ist unmöglich, über Brasilien, Ressourcen und Entwicklung nachzudenken, ohne den tropischen Regenwald zu berücksichtigen. Das Amazonasbecken nimmt die Hälfte des südamerikanischen Landes ein. Bis vor Kurzem herrschte in Brasilien die Idee vor, man müsse die Region urbar machen: die Bäume roden und die mineralischen Rohstoffe ausbeuten. Das Foto von der Einweihung der Transamazônica-Straße, die vor 40 Jahren die geschlossene Walddecke zerriss, zeigt ein offizielles Komitee, das freudestrahlend die Fällung eines riesigen Baumes verfolgt. Brasiliens Wirtschaftswachstum war eng verknüpft mit der Rodung des Amazonaswaldes. Vor einigen Jahren hat sich diese Dynamik jedoch verändert. Die Wirtschaft wächst weiter, die Entwaldung nimmt ab, dennoch: Um das Überleben des Urwaldes zu sichern, müssen wir ihm endlich einen ökonomischen Wert geben. Heute erzielt ein Stück Rind einen höheren Preis als ein hundertjähriger Baum – dieser erhält erst nach dem Fällen und Zersägen einen Wert. Rinderzucht und Forstwirtschaft treiben die Zerstörung des Waldes weiter voran, solange dem in den Bäumen gespeicherten Kohlenstoff kein wirtschaftlicher Wert zugeschrieben wird – wie es zum Beispiel das Waldschutzprogramm REDD vorschlägt, das laut der Vereinbarung des UN-Klimagipfels in Cancún in den nächsten Jahren eingeführt werden soll.
Die Herausforderung besteht also darin, die Region nachhaltig zu entwickeln. Die Modelle aus Brasiliens Süden und Südosten funktionieren in der Amazonasregion nicht. Adriana Ramos, Leiterin der NGO Instituto Socioambiental, hält es für einen Fehler, an eine Produktion in großem Maßstab im Amazonasgebiet zu denken. „Eine nachhaltige Nutzung des Waldes“, sagt Ramos, „besteht darin, seine Ressourcen langsam und in geringen Mengen auszubeuten.“
Mitarbeiter des Nationalen Amazonas-Forschungsinstituts (INPA) haben der Regierung vorgeschlagen, neue Transportwege auf dem Wasser und den Bau von Eisenbahnen in Angriff zu nehmen. Eisenbahnen aber sind teurer als Straßen und die Regierung behauptet, sie könne sich einen solchen Luxus nicht leisten. Brasilien hat zwar die Wirtschaft eines Schwellenlandes, kämpft aber noch immer mit vielen Schwierigkeiten bei der Grundversorgung, mit Armut und Lücken im Bildungs- und Gesundheitssystem. Es braucht Finanzhilfen und Technologietransfer aus dem Ausland, um eine Wirtschaft mit niedrigem Kohlenstoffverbrauch zu entwickeln.
Dennoch könnten diese Bemühungen um einen ressourcenschonenden Umbau der Wirtschaft bald einen Rückschlag erleiden. Nach dem Fund von Erdöl vor den Küsten Brasiliens könnte das Land bald zur Erdölnation werden. Vorläufigen Schätzungen zufolge belaufen sich die vermuteten Reserven auf ein Volumen im Wert von mehreren Billionen US-Dollar. Umweltschützer geben zu bedenken, dass sich Brasilien mit der Erschließung der Offshore-Ölvorkommen entgegen dem weltweiten Trend zu erneuerbaren Energien entwickle. Laut Aussagen der Regierung seien die durch die Exploration entstehenden zusätzlichen Emissionen bereits in die brasilianische Verpflichtung, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 um zwischen 36,1 und 38,9 Prozent zu verringern, eingerechnet. In 20 Jahren, wenn nach offiziellen Vorstellungen die Ausbeutung auf hoher See in vollem Gang sein wird, will Brasilien außerdem die Abholzung Amazoniens um 80 Prozent reduziert haben.
Somit ist der offizielle Standpunkt Brasiliens klar: Fossile Ressourcen werden ausgebeutet, um die Entwicklung des Landes voranzutreiben. Auch für die neue Regierung unter Dilma Rousseff gilt das Versprechen, das ihr Vorgänger Luiz Inácio Lula da Silva während seiner Amtszeit (2003 bis 2009) wiederholt gab, nämlich jedem Brasilianer und jeder Brasilianerin täglich drei Mahlzeiten zu garantieren. „Für die entwickelte Welt ist dies eine Sache der Vergangenheit. Für Afrika, für Lateinamerika und für viele Länder Asiens ist es immer noch eine Sache der Zukunft. Und es hat auch mit der Diskussion zu tun, die wir hier führen, denn wir reden nicht nur über Fragen des Klimas, wir reden über Entwicklung und Chancen für alle Länder“, erklärte da Silva zuletzt 2009. Auf dem UN-Klimagipfel in Cancún Ende 2010 konnte Brasilien dennoch mit einer kleinen Überraschung aufwarten: Als erstes Schwellenland verpflichtet es sich freiwillig zu einer jährlichen Deckelung des CO?-Ausstoßes bis 2020 und hofft so andere Länder zur Nachahmung zu bewegen.

Aus dem Portugiesischen von Timo Berger



Ähnliche Artikel

Das Deutsche in der Welt (Themenschwerpunkt)

Spätzle to go

Carmen Eller

Das Phänomen der deutschen Kneipe im Ausland. Eine Ortsbegehung in New York

mehr


Das Deutsche in der Welt (Themenschwerpunkt)

Editorial

Jenny Friedrich-Freksa

Es muss nicht immer Hitler sein. Wenn man heute verreist und erzählt, dass man aus Deutschland kommt, fällt den Menschen nicht mehr zwangsläufig das Dritte Reic... mehr


Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Themenschwerpunkt)

Verheizte Pinguine

Ilija Trojanow

Warum wir eine neue Haltung zur Natur brauchen

mehr


Oben (Thema: Berge)

Fremd und fern, eisig und leuchtend

von Esther Kinsky

Was uns Berge erzählen. Eine Wanderung durch die Gebirgslandschaft des Kanin im italienischen Friaul

mehr


Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Themenschwerpunkt)

Donnerwetter

Pranav Prashad

Wie Mikroversicherungen Kleinbauern Schutz vor wetterbedingten Ernteausfällen bieten

mehr


Toleranz und ihre Grenzen (Themenschwerpunkt)

„Willst du mich töten?“

Krzysztof Dobrowolski

Krzysztof Dobrowolski erklärt, wie er an 
 Amsterdamer Schulen Toleranz unterrichtet

mehr