Schwarze Hände

von Philippe Pujol

Une Grande Nation (Ausgabe IV/2017)


Die Neuankömmlinge unter den Einwanderern empfangen einen immer mit offenen Armen. Sie sind noch nicht verbittert von den bevorstehenden Zurücksetzungen und voller Hoffnung auf ein besseres Leben als die Not, der sie entflohen sind. Denn niemand verlässt grundlos seine Heimat: Es sind Hunger oder Gewalt, die einen vertreiben. Wie vor zwei Jahren ihre Schwester Miyandi bittet mich Bahuwa herein. Die beiden Schwestern führen mich durch die Wohnung, als ginge es darum, mir zu zeigen, dass sie hier rausmüssen, und zwar schnell. In jedem Zimmer schlafen mindestens vier Personen.

In diesen siebzig Quadratmetern sind bestimmt 15 Leute zusammengepfercht. Hier hat man also weniger Platz als im Gefängnis … »Wir zahlen 672 Euro Miete und siebzig Euro Nebenkosten.« Wenn es ums Wohnen geht, wird ganz pragmatisch gedacht. »Wir schlafen in Schichten. Die einen gehen arbeiten, die anderen ruhen sich aus«, erzählt Miyandi, noch bevor ihr die Frage gestellt wird. Und weil es keine Jobs gibt, ruhen sich immer mehr aus, quälen sich durch die langen und unsinnigen Tage, schlagen die Zeit tot und träumen von einem anderen Leben. Auf dem Herd steht ein großer Topf, der den ganzen Tag und einen Teil der Nacht immer wieder aufgewärmt wird, damit alle, die kommen oder gehen, etwas zu essen kriegen. Die Männer schauen nicht einmal auf, um zu sehen, mit wem die Frauen sprechen. Mein Akzent sagt ihnen genug. »Unsere Männer hier sprechen mit Weißen nur über Arbeit oder Religion «, flüstert Bahuwa. Und ich sehe nicht aus wie ein Arbeitgeber oder ein Imam.

Obwohl Nachmittag ist, stellen mir Miyandi und Bahuwa ein maélé na rougaï hin. Eigentlich ist es zu spät oder zu früh für dieses Reisgericht mit Tomaten und Zwiebeln. Aber die Gastfreundschaft abzulehnen wäre eine Beleidigung. Die beiden Schwestern möchten sich nicht dazusetzen, nicht allein mit einem Mann. Es ist mir unangenehm, dass sie stehen bleiben, fast schon hinter mir. Ihre Jugend haben sie in einem Slum auf Mayotte verbracht. Nach ihrem dritten Kind wollte Miyandi eine bessere Zukunft für ihre Familie. Als Französin eines ÜberseeDepartements entschied sie sich Ende 2013 für das französische Festland – sie landete in Marseille, in Kalliste, der ärmsten Siedlung der Stadt, im Gebäude H, dem heruntergekommensten, in der erbärmlichen Wohnung eines der örtlichen Miethaie. Und sie war zufrieden. Inzwischen ist sie um einige Illusionen ärmer und hat ihr Gebäude immer mehr verwahrlosen lassen, »damit es endlich abgerissen wird und wir woanders unterkommen«. Sie geht oft zu ihrer Schwester im Gebäude B.

Als ich Bahuwa befrage, nennt sie mir dieselben Gründe wie ihre Schwester bei ihrer Ankunft auf dem französischen Festland. Sie hat hier die »westliche Modernität« kennengelernt und träumte außerdem von einem sozialen Aufstieg durch eine bessere Wohnung. Wie die anderen Mieter benutzte sie die Toiletten anfangs als Müllschlucker: »Ich hatte noch nie welche gesehen.« Sie lacht verschämt. Auch ihre Nachbarn halten die Örtlichkeiten schon seit Jahren nicht mehr instand, »sie sind froh, dass sie bald wegkommen, und wollen die Sache beschleunigen«. Und das geht am besten, wenn sie etwas beschädigen. Das hat man ihnen eingeredet: Wenn ihr Ghetto erst mal richtig kaputt und gefährlich ist, würde man schon einen anderen Wohnort für sie finden.

Bahuwas kleine Tochter will mir etwas »ganz Süßes« zeigen. Das achtjährige Mädchen hüpft bis zu der eingeschlagenen Wohnungstür gegenüber der ihrer Familie. »Sie sind immer da drin«, flüstert sie mit der Stimme von Disneys Aschenputtel. »Putt-putt-putt … Sch-sch-sch … Komm, komm her!« Mit ausgestreckter Hand und nach vorn gerecktem Kopf schleicht sie hinein, wie eine Katze auf der Jagd. Auf einmal stürzt sich mit einem fast menschlichen Kreischen, nur zwanzig Zentimeter von ihr entfernt, eine große Ratte in ein Rohr. »Die ist doch voll niedlich, oder?« Eine Ratte! Die Kleine versucht Ratten zu streicheln! Eine fette Ratte, mit gesträubtem Fell, einem langen Schwanz und bösem Blick … Wer mit Ratten aufwächst, macht sie zu Spielkameraden. Das ist bei weitem kein Einzelfall. Die gleiche Situation habe ich einmal in der Hochhaussiedlung Maison-Blanche gesehen, wo genauso wie in Kalliste Miethaie ihr Unwesen treiben. Ein Lokalpolitiker erzählte mir von einem solchen Fall aus der Siedlung La Renaude. Ich sehe meinem Job zwar oftmals unschö- ne Szenen und Tatorte, aber dieses Mädchen und seine Ratten haben mich am tiefsten erschüttert Auszug aus Phillipe Pujols Buch Die Erschaffung des Monsters. 

Aus dem Französischen von Till Bardoux und Oliver Ilan Schulz (Copyright: Hanser Berlin/Carl Hanser Verlag München, 2017) 



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