Afrikanischer Reichtum

Paul Collier

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Die Reichtümer der Natur sind gottgegeben. Da sie natürlicherweise keine menschlichen Besitzer haben, sind sie von Regierungen und ihren Bestimmungen abhängig. Andernfalls wird die Natur geplündert: Wenige nehmen sich das, was allen gehört, und die Gegenwart enteignet die Zukunft. Natürliche Güter sind über den ganzen Globus verteilt, doch verantwortungsvoller Umgang damit ist es nicht. Zum einen können die schwachen Regierungen der verarmten „untersten Milliarde“ der Welt oft im Kampf um die Kontrolle über ihre wertvolle Natur nicht standhalten. Zum anderen sind transnationale Naturgüter wie die Fische der Ozeane sogar noch weniger durch Regulierungen geschützt als die der armen Länder. All dies birgt ethische Herausforderungen.
Wenn es heute um die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen in Afrika geht, meinen viele Umweltschützer, dass die Natur bewahrt werden sollte. Doch verarmte Gesellschaften können sich ihre Natur zunutze machen, um Wohlstand zu schaffen, wenn sie die natürlichen Güter in produktivere umwandeln, etwa Straßen, Schulen oder Fabriken. Einige Länder wie Malaysia und Botswana haben dies getan. Andere wie der Kongo haben ihre Chance vergeudet: Hier gibt es Akteure, die Plünderei ermöglichen. Wir sollten von armen Ländern aber nicht generell verlangen, dass sie ihre Natur unberührt lassen. Die Verantwortung der gegenwärtigen Generation besteht eher darin, die Natur weise zu nutzen, damit zukünftige Generationen der Armut entrinnen. Gute Verwalter der Natur sind Treuhänder, nicht Konservatoren: Sie bewahren den Wert, der in natürlichen Gütern steckt, nicht die Produkte selbst.
Der Kampf zwischen Plünderei und Werterhaltung ist in den ärmsten Ländern ganz wesentlich ein inländischer: Außenstehende haben hier nur eine Unterstützerrolle. Dennoch sollten wir diese effektiv gestalten. Eine Möglichkeit wäre, unsere Unternehmen, die Bodenschätze abbauen, daran zu hindern, an der Plünderei teilzuhaben. Das bedeutet nicht, dass unsere Abbauunternehmen diese Länder verlassen sollten. Ihre Kenntnisse sind oftmals notwendig. Aber wir sollten von ihnen verlangen, ihre Zahlungen detailliert offenzulegen, damit Bestechung sehr viel schwieriger wird. Die USA haben vorgemacht, wie das gehen kann. Im Juli 2010 trat eine Ergänzung zum Finance Reform Act in Kraft, die von den an der New Yorker Börse notierten Abbauunternehmen einen Bericht über ihre geleisteten Zahlungen verlangt. Eine andere Möglichkeit, wie wir helfen können, besteht in der Verbreitung von Informationen. Eine neue Webseite, die Natural Resource Charter (www.naturalresourcecharter.org), wurde erstellt, um Bürgern ressourcenreicher Nationen zu helfen, die Entscheidungsketten beim Nutzbarmachen der Natur zu überwachen. Sind die Verträge transparent und wurden die Steuern gut bemessen? Wir sollten diese Webseite besuchen und sie in Afrika bekannt machen.
Was die transnationalen Naturgüter angeht: Viele davon sind erneuerbar – so wie Fisch. Ein verantwortungsvoller Umgang erfordert deshalb das Bewahren der Bestände, um sie weiter nutzen zu können. Doch unsere Enkel werden keinen Fisch mehr haben. Es fehlen effektive globale Abkommen, die Fischbestände werden bis zum Aussterben geplündert. Der weltweite Fang muss eingeschränkt werden: Moderne Fangmethoden brauchen Schranken. Doch wenn dies geschieht, wird Fisch deutlich mehr kosten.
Das ist eine ethische Herausforderung für Konsumenten in der reichen Welt: Wir sollten uns teureren Fisch wünschen. Fisch sollte sehr viel teurer sein, als seine Produktion kostet. Und wer darf von diesen Erträgen profitieren? Schauen wir auf die Gewinne im Ölgeschäft: Ein Barrel Öl aus dem Boden zu holen kostet sieben US-Dollar, doch verkauft wird es für 80. Der größte Teil des Gewinns von 73 US-Dollar fließt an Regierungen und ihre Bürger, nicht an die Ölgesellschaften. Analog sollte eine Regulierung der Fischbestände Gewinne generieren, die nicht ausschließlich an die Fischerei zurückfließen. Diese Erträge haben keine natürlichen Besitzer die Weltgemeinschaft könnte sie nach ihrem Willen verwenden, während sie gleichzeitig den Fisch für unsere Enkel erhält. Mein Vorschlag für eine Verwendung der durch globale Abkommen zum Fischfang erwirtschafteten Gewinne wäre, sie dem Welternährungsprogramm im Kampf gegen den Hunger zur Verfügung zu stellen, denn die Geldmittel dieser Organisation sind erschöpft.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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