Alles, nur keine Schwarzmalerei

von John Halpin

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Im Sommer 1979, als die USA in einer schweren Energiekrise steckten und steigender Arbeitslosigkeit und Inflation entgegensahen, wandte sich Präsident Jimmy Carter in einer Rede aus dem Oval Office an eine verängstige Nation. Seine „Vertrauenskrise“-Rede wurde damals von Presse und Kritikern irreführend als „Malaise“-Rede betitelt, ein Begriff, den Carter in seiner Rede nie verwendet hatte. Er geht darin auf seine persönlichen Fehler als Präsident ein und ruft die Amerikaner dazu auf, die eigenen Werte und Lebensstandards angesichts der Probleme des Landes auf den Prüfstand zu stellen. Es ist eine der stärks-ten Aussagen, die je ein amerikanischer Präsident zum Thema geistige Leere und Verschwendung im modernen Leben gemacht hat: „Für eine Nation, die stolz ist auf harte Arbeit, starke Familien, enge Gemeinschaften und einen Glauben an Gott, beten heute zu viele von uns Genussucht und Konsum an. Der Mensch wird nicht mehr durch das, was er tut, sondern durch das, was er besitzt, definiert. Aber wir haben entdeckt, dass Besitz und Konsum unser Verlangen nach einem Sinn im Leben nicht stillen.”

Carter beschrieb sechs visionäre Schritte zur Bekämpfung der amerikanischen Energiekrise, die seitdem zu Säulen der Nachhaltigkeitsbewegung geworden sind: Reduzierung ausländischer Ölimporte, Standards für erneuerbare Energien, massive Inves-titionen in alternative Energien, Einschränkungen für Energieversorger, effiziente Regierungsaufsicht zur Umwandlung der Energieproduktion und staatlich vorgeschriebene Umweltschutzmaßnahmen. Carter präsentierte den Amerikanern seine persönlichen Argumente für „Weniger ist mehr“: „Für Ihr eigenes Wohl und für die Sicherheit der Nation bitte ich Sie darum, nicht unnötig zu reisen wann immer möglich, Fahrgemeinschaften oder den öffentlichen Verkehr zu nutzen das Auto einen Tag extra in der Woche in der Garage zu lassen die Geschwindigkeitsvorschriften zu beachten und den Thermostat herunterzuregeln, um Heizöl zu sparen. Jede Energieeinsparung wie diese beweist nicht nur gesunden Menschenverstand – Sie ist eine patriotische Tat.“ Carters Rede war zunächst ein großer Erfolg. Seine Umfragewerte schossen in die Höhe und Menschen überall im Land meldeten sich zu Wort mit dem, was sie täten, um die Energiekrise zu lösen und ihren eigenen Energieverbrauch zu senken. Ein wahrer politischer, kultureller und wirtschaftlicher Wandel zu einem nachhaltigeren Lebensstil schien möglich.

Aber wir wissen nur allzu gut, was dann geschah. Carter entließ sein Kabinett, erinnerte so die Amerikaner an seine Inkompetenz als Manager und verspielte sein politisches Kapital. Die konservativen Republikaner und Gegner in seiner eigenen Partei der Demokraten stellten ihn an den Pranger, weil er angeblich andere für eigene Fehler verantwortlich machte, den amerikanischen Unternehmergeist verleumdete und im Grunde genommen die Menschen dazu aufforderte, in Pullovern mit heruntergedrehter Heizung herumzusitzen. Ronald Reagan machte die Rede zum Prügelknaben für einen schwarzmalerischen Liberalismus, der der Freiheit der Menschen Grenzen setze und die Dynamik des amerikanischen Kapitalismus unterschätze. In seiner tatsächlichen Haltung zu Energie und Konsum schlug Amerika letztendlich die genau entgegengesetzte Richtung von Carters Vision ein: Reagans ungezügelter Kapitalismus, stark subventionierte fossile Brennstoffe, Energiepläne, die von Ölfirmen entworfen wurden, zunehmende Leugnung des Klimawandels und schuldenfinanzierter Überkonsum, der bis zum Zusammenbruch des Immobilienmarktes und der Wall Street 2007/2008 anhielt.
 
Amerika sieht sich heute mit einem Paradox in seinem Energie- und Konsumverhalten konfrontiert. Als Nation unterstützen wir Schritte zu mehr Nachhaltigkeit, aber in der Umsetzung werden wir dem nur auf lokaler und individueller Ebene gerecht. Eine Studie des Center for American Progress aus dem Jahr 2009 zeigt, dass 80 Prozent der Menschen Carters Agenda zustimmen. Aber dennoch bleibt Präsident Obama bei seinen Bemühungen, durch saubere Ener-gie, Verringerung der Nutzung fossiler Brennstoffe und ernsthaftes Effizienzstreben einen massiven Wandel der Wirtschaft zu bewirken, erfolglos. Trotz der wachsenden Erkenntnis, dass wir diesen Wandel brauchen, hat sich Amerikas Haltung zu Energie und Konsum verschlechtert. Woran liegt das und welche Lehren können wir daraus ziehen?

Erstens ist das moralische und politische Argument für Wirtschaftswachstum schwer zu entkräften. Für beide Seiten des politischen Spektrums beruht erfolgreiche Politik seit Jahrzehnten auf wirtschaftlichem Wachstum. Politiker der Mitte und der Linken haben es zur Schaffung des Wohlfahrtsstaates und einer menschenfreundlicheren Sozialordnung eingesetzt. Die Konservativen berufen sich auf Wachstum, um die freie Marktwirtschaft vor Überregulierung und hohen Steuern zu bewahren. Die Idee eines sich verlangsamenden Wachstums ist dem gesamten ideologischen Spektrum ein Gräuel und wir haben kein praktikables repräsentatives System, das dieser Idee eine Chance bei der Wählerschaft einräumt. Jede politische Bewegung, die etwas auf sich hält, muss die Forderung der Menschen nach guten Jobs, wirtschaftlicher Sicherheit und anständigen Lebensstandards ernst nehmen. Daher eignet sich der Begriff „nachhaltiges Wachstums“ wohl besser als das Motto „Weniger ist mehr“, wenn man die Menschen in langfristige politische Projekte, die Erfolg versprechen, einbinden möchte.

Zweitens brauchen die Menschen konkrete Handlungsanweisungen, keine Rhetorik. Sie sind gewillt, im kleinen Rahmen ihren Teil zur Verringerung des persönlichen Konsums beizusteuern, aber sie benötigen langfris-tige Anreize und Ziele, um größere Veränderungen durchzuführen: Verwandeln Sie öffentliche Gebäude und Schulen zu Vorbildern einer sauberen Energienutzung. Stocken Sie Stipendien und Forschungsgelder für Studenten und Hochschulen auf, die alternative Energiequellen entwickeln. Subventionieren Sie das öffentliche Verkehrswesen und saubere Energien mehr als Autos und fossile Brennstoffe.

Drittens kommt der soziale vor dem politischen und institutionellen Wandel. Politische Werte und Institutionen ändern sich nur dann, wenn die Menschen Veränderungen einfordern. Von der Abschaffung der Sklaverei und der Ausweitung der Bürgerrechte zur Anerkennung von Gewerkschaften und zur staatlichen Unterstützung der Armen waren jahrzehntelange soziale und kulturelle Bewegungen nötig, um legislative und institutionelle Veränderungen in Amerika durchzusetzen. Die grüne Bewegung ist heute in einigen Bereichen wie der Ressourcen- und Landnutzung sehr erfolgreich, aber in anderen wie dem Klimawandel weniger. Das Energie- und Konsumverhalten vieler Gemeinschaften hat sich verändert. Aber eine umfassende Nachhaltigkeitsbewegung steckt noch in den Kinderschuhen. Bevor sie nicht erwachsen ist und ihre Forderungen klar sind, sollte es uns nicht wundern, dass unsere Politik dieser Front den Rücken kehrt. Es herrscht einfach nicht genug sozialer Druck auf das System, um den heftigen Widerstand von Institutionen und Großkonzernen wie den Ölfirmen, die vom Status quo profitieren, zu brechen.

In seiner Rede von 1979 bot Präsident Carter der Nation zwei Wege nach vorn an: „Der eine Weg, vor dem ich Sie heute Abend gewarnt habe, führt zu Zersplitterung und Eigennutz. Dieser Weg kennzeichnet sich durch eine missverstandene Idee von Freiheit, das Recht, uns auf Kosten anderer zu bereichern. Es ist der Weg anhaltender Konflikte zwischen Eigeninteressen und endet in Chaos und Stillstand. Dieser Weg führt unweigerlich in den Abgrund. Unsere ganze Geschichte, alle Lehren aus der Vergangenheit und alle Versprechen für die Zukunft weisen auf einen anderen Weg, den Weg zu einem gemeinsamen Ziel und der Wiederherstellung der amerikanischen Werte. Dieser Weg führt zu wahrer Freiheit für unsere Nation und uns selbst. Den ersten Schritt auf diesem Weg können wir gehen, indem wir unser Energieproblem lösen.“

Obwohl diese Botschaft stark und moralisch überzeugend bleibt, ist drei Jahrzehnte später klar, dass es einer gleichermaßen starken politischen und sozialen Bewegung bedarf, um diese Vision von Nachhaltigkeit in die Realität umzusetzen. Gemeinsame Ziele und Werte sind ein wichtiger Bestandteil, aber nüchterne politische Strategien und konkrete Handlungen sind ebenfalls entscheidend, um die Menschen zur Mitarbeit an der Umgestaltung unseres Energie- und Konsumverhaltens zu gewinnen. Es sei denn, wir wollen in dreißig Jahren Carters Rede noch einmal hören. 
 

Aus dem Englischen von Rosa Gosch



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