Bahn oder Auto?

Jürgen Stellpflug

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Überschwemmungen, Dürre, Stürme – das Klima der Welt verändert sich aufgrund der Emissionen der Industrienationen und viele Deutsche überdenken deshalb ihr Konsumverhalten. Doch wie kann man möglichst ressourcensparend leben? Man könnte sich zum Beispiel über die Ökobilanzen von Produkten und Dienstleistungen informieren. Solche Bilanzen analysieren, wie viele Ressourcen durch die Herstellung und den Vertrieb von Waren und Dienstleistungen gebunden werden – und zwar von der Erzeugung der erforderlichen Rohstoffe bis hin zum Recycling. Die genaue Erfassung aller Einflussfaktoren ist zwar schwierig und wurde bislang nur für wenige Produkte vorgenommen, doch für den Verbraucher bringen sie Licht ins Dunkel. Denn die Erkenntnisse bestätigen nicht immer nur das, was man bereits geahnt hat, sondern sie überraschen auch und bewegen zum Umdenken.
Mit einer Geschirrspülmaschine zum Beispiel spart man nicht nur Zeit, sondern auch Wasser und Energie. Eine Studie der Universität Bonn analysierte das Spülverhalten von 113 Testpersonen aus sieben Ländern und stellte fest, dass die Deutschen im Durchschnitt 46 Liter Wasser und 1,3 Kilowattstunden Energie für das Handspülen verbrauchen. Moderne Geschirrspülmaschinen spülen dagegen eine volle Ladung im Schnitt mit 14 bis 15 Litern Wasser und benötigen rund eine Kilowattstunde Strom. Auch wenn Spülmaschinen aggressivere Reinigungsmittel brauchen, sind sie aufgrund der Wasser- und Energieersparnis zu bevorzugen.
Auch beim Transportwesen ist nicht alles so, wie man zuerst denken würde: Einer Studie des Instituts für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg (IFEU) zufolge hat die Bahn die beste Ökobilanz im Vergleich zum Pkw und Flugzeug. Für eine Fahrt von Frankfurt nach Berlin fällt mit der Bahn ein Energieressourcenverbrauch von umgerechnet 13,5 Litern Benzin an. Beim Kleinwagen mit Benzinmotor sind es 44,6 Liter – wenn nur eine Person fährt. Viele Verkehrsexperten sehen die Vorreiterposition der Bahn jedoch als weniger eindeutig an, vor allem weil die Züge oft nicht voll besetzt sind. In der Ökobilanz muss für das Auto einkalkuliert werden, dass für Benzin Erdöl gefördert, verarbeitet und zur Tankstelle gebracht wird, Autobahnen müssen im Winter geräumt werden. Für 100 mit dem Auto zurückgelegte Kilometer errechnet sich so ein Gesamtenergiebedarf pro Person von zwischen 5,2 und 9,8 Litern, je nachdem wie viele im Auto sitzen. Die Bahn braucht im Fernverkehr rund 3,9 Liter pro Person, werden Aspekte wie die Instandhaltung der Schienen und der Weg des Fahrgasts zum Bahnhof einkalkuliert. Wer also mit einem vollbesetzten Kleinwagen eine Fernreise macht, hat keine so schlechte Ökobilanz, wie die Bahn das manchmal glauben lassen möchte.
Dass importiertes Obst nicht der absolute Frevel ist, zeigt eine Studie des Agrarwissenschaftlers Michael Blanke von der Obstversuchsanlage Klein-Altendorf in Rheinsbach. Er verglich die Ökobilanz von neuseeländischen Äpfeln und heimischen Bio-Braeburn-Äpfeln aus dem württembergischen Meckenheim vom Anbau über den Transport bis hin zur Auslieferung im Supermarkt. Der neuseeländische Apfel war 28 Tage lang 23.000 Kilometer auf dem Seeweg gereist und kam quasi frisch auf den Tisch. Der deutsche Apfel hatte 150 Tage im Kühlhaus bei einem Grad plus gelegen, eine durchaus übliche Methode, um auch in der kalten Jahreszeit die Frucht anbieten zu können – bei der aber auch viel CO? entsteht. Die Klimabilanz: Der Übersee--Apfel verur-sachte nur etwas mehr Kohlendioxid als der Bio-Apfel.
Dass jede Studie eine reine Interpretationssache ist, dachte sich wohl die Dosenlobby, die beim IFEU-Institut eine Analyse zur Ökobilanz von Getränkeverpackungen in Auftrag gab. Das Ergebnis, so die Hersteller, sei, dass die Dose als umweltfreundliche Verpackung ökologisch gleichauf mit Mehrwegflaschen liege. Was sie verschwiegen haben: Dosen kommen nur unter der Annahme, dass Mehrwegflaschen im Durchschnitt 400 Kilometer transportiert werden, annähernd auf dieselbe Ökobilanz. Doch solche langen Wege sind empirisch nicht belegbar. Eine weitere Schönrechnerei: Nestlé verweist gerne auf eine Studie, die besagt, dass Kaffeekapseln im Vergleich zu Filterkaffee ökologisch nicht schlechter sind. Die Annahme dahinter ist jedoch: Der Verbraucher kocht stets zu viel Filterkaffee und schüttet die Reste weg. Doch dass man immer so viel wegschüttet und somit auf eine höhere Energiebilanz kommt, ist eher unwahrscheinlich. Bei allen Studien bleibt einem nichts anderes übrig, als genau hinzusehen.



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