Botschafter der Angst

von Elizabeth Swanson-Goldberg

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Im Spätsommer 2003, nur wenige Monate nach dem offiziell verkündeten Ende der Kriegshandlungen im Irak durch George W. Bush, wurde im Pentagon Gilles Pontecorvos Klassiker „Die Schlacht um Algier“ (1966) vorgeführt. Das überraschte nicht nur ausgewiesene Filmliebhaber. Schließlich wurde der Film bislang als Plädoyer für den algerischen Widerstand gegen die französische Besetzung und als Anklage gegen den Terror und die Unterdrückung seitens der Franzosen verstanden. Die Vorführung im Pentagon fand just zu dem Zeitpunkt statt, als sich der Krieg im Irak vom konventionellen Krieg, der zunächst aus der Luft, später als Okkupationskrieg durch Bodentruppen geführt wurde, zum Kampf gegen aufkeimende Aufstände in den irakischen Städten entwickelte.

Die Vorführung kehrte also den bisherigen Gebrauch des Films als Inspirationsquelle für antiimperialistische Kräfte wie IRA oder PLO komplett um. Jetzt wurde aus dem Film eine Gebrauchsanweisung für den Kampf der Besatzungstruppen gegen die Guerilla der Terroristen und anderer Aufständischer. Diese Geschichte zeigt sehr schön, wie diffizil die Rezeption von Kriegsfilmen mittlerweile geworden ist. Die meisten der Filme, die sich mit dem ersten Irakkrieg auseinandersetzen (neben „Jarhead“ von Sam Mendes von 2005 wäre das vor allem David O. Russells „Three Kings“ von 1999), versuchen aber weniger eine Rezeptionskritik. Sie versuchen, mit der Darstellung der handlungsunfähigen Bodentruppen eine Kritik gegen den der männlichen Kriegskultur immanenten Drang nach Action zu formulieren.

Andere Schlachten und Auseinandersetzungen dienen oft dazu, Parallelen und Analogien zum aktuellen Kriegsgeschehen aufzuzeigen: Mogadischu in Ridley Scotts Film „Black Hawk Down“ von 2002, der trojanische Krieg in Wolfgang Petersens „Troja“ von 2004 oder der Feldzug Alexander des Großen im Oliver-Stone-Film „Alexander“ von 2004. Die Filme weichen gewissermaßen auf Nebenschauplätze aus, sie verfremden den Originalschauplatz und deuten ihn um. Dies steht ganz im Gegensatz übrigens zu den klassischen Kriegsfilmen wie „Wings“ oder „Im Westen nichts Neues“, die, ob sie für oder gegen den Krieg gedreht wurden, immer einen direkten Bezug und einen realistischen Zugang zum Krieg boten – und eindeutig Stellung bezogen.

Im Vergleich zu den beiden Weltkriegen sind die Gründe für die aktuellen Konflikte wesentlich undurchschaubarer. Die Bevölkerung reagiert ambivalenter, abweichende Meinungen werden stärker unterdrückt. Dies alles macht sich auch in der Produktion von Kriegsfilmen bemerkbar und führt zu zeitlichen Verzögerungen – etwa in der Frage, wann und wie ein bestimmter Krieg filmisch verarbeitet wird. Natürlich lässt sich nicht übersehen, dass erst mit dem Ende der 1970er Jahre eine ausführliche filmische Beschäftigung mit Vietnam einsetzte. Eine Ausnahme bildet der gegen die Friedensbewegung gerichtete Film „Die grünen Teufel“ (1968, Regie John Wayne). Die anderen Vietnamfilme betonten dagegen die absolute Sinnlosigkeit des Krieges. Wichtiger aber ist, dass mit Ende der Vietnam-Welle die Filmemacher begannen, auf entlegene Schauplätze und Ereignisse auszuweichen.

Auch das Kino über den „Krieg gegen den Terror“ weicht auf aktualitätsferne Gebiete aus: 2005 kam Steven Spielbergs „Krieg der Welten“ in die Kinos, ein Film, der laut Spielberg „Ausdruck der seit dem 11. September verbreiteten Unsicherheit“ sein sollte. Jonathan Demmes Remake von „Botschafter der Angst“, der in Deutschland unter dem Titel „Der Manchurian Kandidat“ lief, startete im Jahr 2004. Der Ort des Geschehens wurde kurzerhand von Korea an die Front des ersten Irakkriegs verlegt. Demmes allein kämpfender „Botschafter der Angst“ wurde zu einem weltweit operierenden Kollektiv. Auf diese Weise handelte der Film nicht nur von den Konflikten im Irak, sondern ebenso von den nebulösen Ängsten, die im Zuge des „Kriegs gegen den Terror“ entstanden sind. Allerdings ohne direkte Bezüge herzustellen. Selbst Filme, die sich halb dokumentarisch mit dem Thema befassen, bleiben auf der sicheren Seite, weil sie hauptsächlich die amerikanischen Helden des 11. September zeigen: „United 93“ von Paul Greengrass und Oliver Stones „World Trade Center“ (beide von 2006) oder Alain Brigands „11’09’01“, ein Zusammenschnitt von Kurzsequenzen, die jeweils 11 Minuten, 9 Sekunden und 1 Bild lang sind. Alle Filme, die zur Hauptzeit des „Kriegs gegen den Terror“ entstanden sind, zeigen dieselben Ängste wie die Menschen, die im langen Schatten dieses Krieges stehen.

Aus dem Englischen von René Hamann



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