„Unsere Realität ist witzig genug“

von Hamad Al-Amari

Das ärmste Land, das reichste Land (Ausgabe III+IV/2018)


Herr Al-Amari, in Ihrem Videoblog QTips nennen Sie sich selbst »The Qatari Guy«. Sind Sie ein typischer Katarer?

Als ich 2011 erstmals als Stand-up-Comedian auftrat, wurde ich danach gefragt: Bist du nicht dieser witzige Typ aus Katar?! Das ist hängen geblieben. Generell glaube ich aber nicht, dass es überhaupt den typischen Katarer gibt. Wir sind so eine vielfältige Gesellschaft! Und immer mehr Menschen sind stolz darauf, Katarer zu sein.

Gibt es zunehmend ein Gefühl von nationaler Identität?

Ja. Früher identifizierten sich die Menschen mit ihrem Stamm. Es gab gar keine Vorstellung davon, was Katar als Land ausmacht. Heute gehört der Lebensstandard hier zu den besten der Welt. Es gibt kostenlose Gesundheitsfürsorge, Bildung, Strom und vieles mehr. Damit kann kaum ein Land mithalten. Wenn man all diese Privilegien hat, gibt es keinen Platz für irgendeine Art von Identitätskrise!

Aber nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung hat die katarische Staatsbürgerschaft ...

Ja, sicher, aber auch die anderen Bewohner profitieren davon. Katar ist eine wahre Oase für Einwanderer.

Sie sind Comedian. Gibt es bestimmte Themen, über die man in Katar keine Witze machen kann?

Sex, Religion und Politik sind zu einfache Ziele für Comedy, denn irgendjemanden beleidigt man damit immer. Warum sollte ich darüber Witze machen, was jemand in seinem privaten Umfeld glaubt und praktiziert? Das finde ich nicht besonders spannend. Unsere Realität ist schon witzig genug, da muss ich doch niemanden beleidigen! Ganz selten mache ich aber Witze über internationale Politik.

Zum Beispiel?

Dass Donald Trump die Welt ruiniert, weil er von seinen Eltern nicht genug geliebt wurde, nur von materiellen Dingen. Diese Erfahrung gibt er jetzt weiter: Als Präsident erklärt er den Leuten, sie sollen ihm mehr Geld geben und Jobs schaffen, sonst gibt es Liebesentzug. Ups, jetzt habe ich wohl meine eigene Pointe verraten ...

Machen Sie auch Witze über einen Scheich oder führende katarische Politiker?

(Keine Antwort)

Wenn nicht Sex, Politik und Religion – was ist lustig?

Du musst die Normalität herausfordern. Jeder will sich in Witzen selbst wiedererkennen. Ich entdecke viel Komik in kulturellen Nuancen, in interkulturellen Begegnungen. Ich habe lange im Ausland gelebt. Viele meiner Witze bauen darauf auf, dass ich vorgebe, ein stereotyper reicher Katarer zu sein und welche Klischees Menschen mir entgegen bringen. Auch mein irischer Akzent hilft, die Leute erwarten ihn nicht von jemandem, der aussieht wie ich!

In »QTips« erklären Sie die Kultur von Katar. Wie kam es dazu?

Die Menschen scheinen einfach einen unglaublichen Wissensdurst auf Katar zu haben! Im Ernst: Viele wissen nicht einmal, dass Katar ein Land ist. Darum wollten wir der Welt erklären, wer wir sind. Gastfreundschaft und Gemeinschaftssinn sind zum Beispiel ganz wichtig und der Respekt vor der Würde des jeweils anderen. Wir wollten mit unseren Videos auch Leute beraten, die nach Katar ziehen. Welche Fauxpas sie vermeiden können ...

Was ist denn ein typischer sozialer Fauxpas?

Händeschütteln mit dem anderen Geschlecht! Natürlich passiert das immer wieder und es ist unglaublich lustig, weil es so eine merkwürdige Atmosphäre erzeugt. Auch das Küssen. Männer küssen sich gegenseitig auf die Wange, als Zeichen von Freundschaft und Respekt. Aber es ist immer witzig, wie verwirrt Ausländer reagieren: ob zwei oder drei Küsse, ob mit Nase-Berühren oder ohne.

Das Interview führte Gundula Haage



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