Der Dschungel im Dom

von Dilay Avci

Das ärmste Land, das reichste Land (Ausgabe III+IV/2018)


An einem Samstagmittag im August sputen sich die Künstler und Künstlerinnen des Good Chance Theatre am Stadtrand von Paris. Auf der Straße vor dem Good Chance Dome, einem gigantischen kuppelförmigen weißen Zelt, das den Geflüchteten und Freiwilligen als Bühne dient, laufen die Vorbereitungen für die letzte Hope-Show in der Stadt. Die britischen Bühnenautoren Joe Robertson und Joe Murphy initiierten 2015 das Kunstprojekt Good Chance Theatre im Camp Calais. Das ganze Team kämpft dafür, den Bewohnern des Flüchtlingslagers einen anderen Alltag zu bieten als den, der sie dort sonst erwartet – Existenzängste und das Bangen um die Aufenthaltspapiere. Nach Calais und London ist das Erstaufnahmezentrum bei Porte de la Chapelle in Paris die dritte Station des Good Chance Teams. Die Geräusche der Soundchecks für die Improvisations-Tanzshow, die Film- und Musik-Installation und der Flashmob füllen den Dome.

In nur neun Wochen gelang es den Beteiligten des Theaters in Paris, die Kräfte von über 3.000 Geflüchteten und Freiwilligen zu bündeln. Internationale Kuratoren und Künstler, Campbewohner aus Afghanistan, dem Iran, Syrien und Darfur und freiwillige Helfer aus England, Frankreich, aus Hongkong und aus 17 weiteren Ländern finden in diesem Kunstprojekt zusammen. Sie alle gestalten mit ihren Lebensgeschichten, Instrumenten und ihren Ideen zu Gemeinschaft und Gesellschaft die Hope-Shows. Der Samstag ist der Höhepunkt der Woche, dann wird präsentiert, was in den Workshops erarbeitet wurde. Egal ob Solokonzerte, die Präsentation von Masken, Gedichte von Shakespeare oder der Auftritt eines Orchester aus Recycling-Instrumenten – auf der Bühne der Hope-Showt alles und jeder seinen Platz.

»Wir widmen unsere Arbeit der Meinungs- und der Kunstfreiheit, die in existenziellen Notsituationen oft in den Hintergrund rücken. Hier geht es darum gemeinsam ein Thema anzugehen und ein Programm zu schaffen, in dem sich am Ende jeder wiederfindet. Jeder Beteiligte steuert ganz persönlich etwas zu unserem Projekt bei und nimmt auf der anderen Seite aber auch sehr viel mit«, erklärt Louise Bernard, die Projektmanagerin des Good Chance Theatre in Paris. Die Impulse, die im Zelt geschaffen werden, sollen Signale dafür sein, was auch innerhalb einer Gesellschaft möglich ist – zusammenbringen, vereinen und persönliche wie auch kollektive Narrative kreieren.

In der Praxis setzt sich das Programm aus drei Elementen zusammen: Die Good Chance Production ist die Ideenschmiede des Projekts, hier werden die Stücke verfasst, wie »The Jungle «, das derzeit in London aufgeführt wird. Die Mitglieder des Good Chance Ensembles arbeiten im zweiten Teil mit dem Team aus den Theatern zusammen und bereiten die Hope-Shows vor. Dafür finden unter der Woche täglich Workshops statt, in denen bis zu fünfzig Campbewohner gemeinsam singen, dichten und proben. Im dritten Element, der Aufführung im Dome, verbinden sich alle Teile. Im Herbst werden das Team und seine Helfer weiterziehen in das Musée National de l’histoire de l’immigration in Paris.

Bei der »Hope Walk« Modenschau präsentieren Darsteller des Good Chance Theatre selbstgenähte Outfits aus gespendeter Kleidung. Die Entwürfe entstanden in Gemeinschaftsarbeit mit der International Fashion Academy Paris. 



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