Das Lied des Zyklons

von

Nonstop (Ausgabe III/2019)


Mühsam quält sich das offene Holzboot mit seinem röchelnden Außenbordmotor durch die Wellen. Von Beira, der großen Hafenstadt, bis zur Anlegestelle der kleinen Siedlung Barada dauert die Fahrt mehr als zwei Stunden, je nach Wind und Tiden. Der Handyempfang ist schlecht, Zeit für Gespräche. Etwa zwanzig Passagiere sind an Bord der lecken Schaluppe, darunter Celeste Xirindza. Die Agrarwirtin hat fünf Zelte dabei, denn sie will mit einer Gruppe Freiwilliger entlang der Küste von Nova Sofala Mangroven aufforsten. Dort, wo sie hinmöchte, gibt es kaum Unterkünfte, und die wenigen wurden vom Zyklon Idai zerstört. Mitte März tobte er mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 Stundenkilometern über Zentralmosambik hinweg. »Haben die Leute jetzt keine anderen Sorgen?«, frage ich die junge Frau. »Doch«, sagt sie, »aber seit Idai wissen alle, wie wichtig die Mangroven für den Küstenschutz sind, und wollen mitmachen.«

Mosambik ist nach den beiden großen Naturkatastrophen des ersten Halbjahres nicht mehr dasselbe Land. Mehr als 600 Todesopfer, Zehntausende obdachlos, Hunderttausende ohne Ernte, Cholera. Das Wirtschaftswachstum ist halbiert, die Armut größer und die Sterblichkeit höher, sagt eine Analyse von Weltbank, Vereinten Nationen und Europäischer Union. Sie schätzen die Kosten für die Bewältigung dieser Krise auf mehr als 2,5 Milliarden Euro. Das ist mehr als die Hälfte des Staatshaushaltes. Mosambik war mit rund dreißig Millionen Einwohnern schon vor Idai ein armes Land, es belegt Platz 180 auf dem UN-Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index). Abstrakte Daten sind das zunächst, die aber in Barada anschaulich werden. Hier singen sogar die kleinen Kinder schon ein Lied über »Die Nacht, als Idai kam«, über den Zyklon. Und dann zeigen sie, wie sie sich über Stunden die Ohren zuhielten während des Sturms, den Kopf zwischen den Knien, in der Hoffnung, dass kein Baum auf ihre Hütte falle.

Santo Antonio, die einzige Oberschule im Ort, hat 1.600 Schülerinnen und Schüler. Die Hälfte der Klassenräume ist abgedeckt. Tropensturm und Regenwasser haben die Bibliothek vernichtet, den Computerraum zerstört, dazu Lehrerwohnungen und Schlafsäle. Das Gelände ist übersät von zerfetzten Dachelementen und Müll. »Wir haben jetzt teilweise neunzig Kinder in einer Klasse, weil wir Klassen zusammenlegen mussten«, erzählt Direktor Augusto António João Marques Júnior. Es gebe große Probleme mit der Disziplin. Die Herbstferien Mitte Mai hat der Direktor gestrichen, damit Stoff nachgeholt werden konnte für die anstehenden Prüfungen. Aber schlimmer ist der Hunger. Nur die 250 Internatsschüler von Santo Antonio erhalten in der Schule etwas zu essen, alle anderen sind auf ihre Familien angewiesen.

»Meine Familie hat aber nichts zu essen«, sagt der 19-jährige João Lisboa de Manica, »wir haben Hunger.« Er besucht die zwölfte Klasse und will Elektroingenieur werden. Wie so viele berichtet er von eingestürzten elterlichen Hütten, zerrissenen Moskitonetzen, dem Verlust der Reisernte und der Kokospalmen, deren entwurzelte Stämme überall zu sehen sind. Manche Palmen haben standgehalten, aber die Früchte sind nicht reif. Auf dem Weg von Barada ins zehn Kilometer entfernte Chiconjo sehe ich nur einmal ein paar Tomaten an einem Marktstand und eine Frau, die eine Plastikwanne mit Zitrusfrüchten auf dem Kopf balanciert. »Wir haben Hunger«, sagt auch Joaquíma Luigi, die an diesem Morgen mit ihrer Frauenkooperative in Chiconjo ein Stück Acker für die Saat von Süßkartoffeln vorbereitet. Auf dem Weg zum Feld müssen die Frauen (und zwei Männer) durch kniehohes Wasser waten. »Das hier ist Bilharziose-Gebiet«, erklärt mir später eine Beamtin der Agrarbehörde. Den Menschen hier bleibt wenig erspart. Bilharziose, auch als Schistosomiasis bekannt, ist eine lebensgefährliche Wurmerkrankung.

Uns hat man vergessen«, bilanziert der Chefe do Posto, der Verwaltungschef des Landkreises, João Bizeque Júnior. Er sitzt wie festgewachsen hinter seinem Schreibtisch, während nebenan eine Schreibmaschine so laut klappert, dass seine Klagen kaum mehr zu verstehen sind. Er ist kein oppositioneller Nörgler, er wurde von der Zentralregierung in Maputo eingesetzt. Aber irgendwie muss er den 16.000 Bürgern in seinem Amtsbereich ja erklären, warum in acht Wochen nur eine Hilfslieferung mit Lebensmitteln ankam, währenddessen aber missionierende Südafrikaner Bibeln verteilen. Auch an Moskitonetzen mangelt es akut. Zum Preis von umgerechnet zwei Euro kann sie sich kaum jemand leisten, deswegen breitet sich die von Mücken übertragene Infektionskrankheit Malaria aus.

Mindestens bis Oktober sind die Menschen auf Überlebenshilfe angewiesen, bis zur ersten Ernte nach dem Sturm. Doch bereits im Mai schaltete Mosambik um von Alarmstufe Rot auf Orange, von Rettung auf Wiederaufbau. Dächer, Brunnen, Straßen, Müllentsorgung, Hochwasserschutz – all das soll kommen, kündigt Beiras Bürgermeister Daviz Simango an, die künftige Entwicklung müsse den Folgen des Klimawandels angepasst werden. Für das Interview zieht sich Simango um und erscheint so, wie er seit Wochen auftritt und mir schon im März begegnet war: Mit offenem Oberhemd, kurzärmlig, die Hände ausgestreckt, als wolle er sofort zupacken und den nächsten umgestürzten Baum eigenhändig von der Straße schaffen.

»Wer aufgibt, stirbt« lautet übersetzt der Titel eines Gemäldes, das der Fotograf und Maler Albino Muhamana unter dem Eindruck der Unglücke geschaffen hat: eine stillende Mutter, umgeben von Wasser und ihren letzten Habseligkeiten. In Beiras Casa do Artista, dem Künstlerhaus, ist eine ganze Ausstellung den Folgen der Zyklone gewidmet.

Was der Klimawandel ist, weiß inzwischen jedes Kind in Mosambik. Nie zuvor hatte das Land in einer Saison zwei Zyklone dieser Stärke zu überstehen gehabt. »Wir haben keinen Zweifel, dass diese Katastrophen auf den Klimawandel zurückzuführen sind«, sagt auch der Präsident der Unternehmensvereinigung in Beira, Jorge Fernandes. Er vertritt rund tausend Firmen, von denen rund 200 schließen mussten, weil sie nach dem Zyklon nicht mehr auf die Beine kamen. Tausende Arbeitsplätze gingen verloren. Kaum ein Betrieb hat eine Versicherung. Bis sie zahlt, könnten ohnehin Jahre vergehen. Und bei Zinsen von mehr als 25 Prozent könne sich niemand einen Bankkredit leisten, erklärt Fernandes und wirbt deshalb für ein Kreditprogramm der Geberländer.

Die überlebenden Betriebe hätten zudem eine humanitäre Aufgabe zu bewältigen, sagt Joaquím de Vasconselos, Leiter einer Likörfabrik in Beira: Er müsse seine Mitarbeiter nicht nur bezahlen, sondern regelrecht versorgen. Seit dem Zyklon lebten viele auf der Straße. »Die Firma muss ihnen zu essen geben, damit sie überhaupt arbeiten können.«



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