Immer wieder Belgrad

Marko Dinic

Nonstop (Ausgabe III/2019)


Auf keiner anderen Route fühle ich mich mehr bemüßigt, etwas niederzuschreiben, als auf jener nach Belgrad, die seit meinen Kindstagen das Leben und den Rhythmus meiner Familie in 14- oder 12- oder 10- oder 8-Stunden-Fahrten taktete, je nachdem, wo im deutschsprachigen Raum wir gerade wohnten und ob wir mit dem Auto oder dem Bus reisten. Der Tatsache, irgendwann einmal auf der ungarischen Autobahn zu landen – dieser in Asphalt gegossenen Langeweile – konnte niemand entkommen.

Die Route der serbischen Gastarbeiter verdankt sich der stillen Übereinkunft zwischen den Reisenden und dem Umstand, stets günstigeren Reisevarianten den Vorzug gegeben zu haben. Beispielsweise wäre die Reise über Slowenien und Kroatien nach Belgrad um einiges kürzer, wegen des Karawankentunnels und zu hoher Autobahngebühren ist sie jedoch um einiges teurer. Manch einen würde bei einer Fahrt durch die Länder des ehemaligen Jugoslawiens sicherlich auch die Nostalgie oder der Ärger über so viel Leid und vergossenes Blut packen, was die ungarische Autobahn weniger zu einem Kompromiss als zu einer Notwendigkeit macht. So ein dichtes Narbengewebe verheilt eben nur langsam. Die Not und der Krieg veränderten die einst gemeinsam bestrittenen Routen – die Scham kappte die Verbindungen für nachfolgende Generationen.

Als Kind maß ich den vielen Reisen, die stets andere Ausgangspunkte und Belgrad als einzig gemeinsames Ziel hatten, keine tiefere Bedeutung bei. Die unliebsame Fahrt und der Ärger über die sich stapelnden Fahrtstunden wurden an Pilot und Kopilotin ausgelassen, während der kleine Bruder das einzig Richtige in solch einer beengten Situation tat: Er schlief. Auch die ersten Busfahrten in die vermeintliche Heimat stießen mich als Kind anfangs eher ab, als dass ich den kettenrauchenden, laut durcheinanderredenden Erwachsenen, den in Dauerschleife laufenden Filmen oder der schrillen Musik irgendetwas abgewinnen konnte. Es lag keine Romantik in der Luft, nur sich ins Unermessliche dahinziehende Autobahnkilometer, die wie ein Albtraum keine Zeit und keine Längen kannten, sondern nur das stumme Gebet eines jeden serbischen Reisenden, man möge schnell und sicher die ungarische Grenze zu Serbien passieren. Es ist ein formloses Gebet, das jeder, der einmal sieben Stunden an derselben Grenze ausharren und sich auf einem der ungemütlichen Filzsitze die Arschbacken wundsitzen musste, in- und auswendig kann.

Vielleicht war das Spiel zwischen serbischen Reisenden und ungarischen Zollbeamten das Erste, was ich bewusst an diesen Fahrten wahrnahm: Auf der einen Seite die Serben als fahrendes Volk, wie sie hinter vorgehaltener Hand die ungarischen Beamten und deren Mütter verfluchten, die aber, sobald sich die Grenze näherte, andächtig und still, ja beinahe verängstigt auf ihren Sitzen verharrten, die Blicke starr nach vorne gerichtet, als gelte es den Feind im weiten Feld zu fixieren. Und auf der anderen Seite die ungarischen Zöllner, die, wenn es ihnen in den Kram passte, einfach einen vierstündigen Schichtwechsel vollzogen, ganze Familienwagen auseinandernahmen, Hunde durch die Reihen schickten, offen und schamlos Schmiergeld kassierten oder einen einfach nur böse anschauten. Nie habe ich einen von ihnen auch nur ansatzweise lächeln sehen. Die Grenze zwischen Ungarn und Serbien war eigentlich die Grenze zwischen den USA und Mexiko, das zumindest war mein Eindruck, als ich mir zum ersten Mal Robert ­Rodriguez’ »From Dusk Till Dawn« anschaute. Damals dachte ich zum ersten Mal aktiv über die ungarisch-serbische Grenze und über die Fahrt dorthin nach, die einzige Konstante in meinem Leben.

In einem Anfall von Neugier gepaart mit Langeweile, die solch einer langen Fahrt inhärent ist wie das Amen dem Gebet (natürlich könnte ich auch lesen, eine Zeitung zum Beispiel oder ein Buch, aber die Übelkeit, ach, diese Übelkeit!), rechnete ich einmal aus, dass ich bereits eineinhalbmal die Erde mit einem Bus umfahren haben musste; das war 2010. Seitdem sind etliche Kilometer dazugekommen, von den vielen verschiedenen Gesichtern, Geschichten, Gerüchen und Gerüchten ganz zu schweigen.
Wenn jemand so viel Zeit in einem Nicht-Ort verbracht hat, in dem die Zeit per se einem anderen Rhythmus, anderen Regeln als den physikalischen unterliegt, schaltet sich zwangsläufig irgendwann einmal das Leben dazwischen: So verarztete meine Mutter einst während der gesamten Fahrt von Stuttgart nach Belgrad mein Ohr, das sich einen Tag zuvor derart schlimm entzündet hatte, dass ich die zwölf Stunden wie im Fiebertraum verbrachte. Nicht einmal der ungarische Zöllner mochte mich wecken, als wir an der Grenze hielten, so erbärmlich musste ich ausgesehen haben.

Auch eine dreijährige Beziehung zwischen München und Belgrad ließ mich die Strecke mehrere Male in beide Richtungen mit den Autobahnkolossen abtuckern – die Wonnen der ersten Liebe und der Größenwahn und die Einfalt, die mit derselben einhergehen! Vom Tod meiner Großmutter hatte ich bei einer dieser Fahrten von Belgrad nach München erfahren. Es war das erste Mal in meinem Leben gewesen, dass ich einen mir nahestehenden Menschen verlor. Heute erinnere ich mich kaum mehr an diesen Tag, nur mehr an den sonderbaren Umstand, in einer verzweifelten Situation in einem Bus eingesperrt gewesen zu sein, geradezu der Unsituation ausgeliefert, unfähig, meinen Emotionen oder auch nur einer einzigen Träne freien Lauf zu lassen, obwohl ich das in diesem Augenblick mehr als nur gerne getan hätte. Was würden die anderen denken, dachte ich damals? Diese vom heutigen Standpunkt aus so witzlos-gesichtslosen anderen, vor denen ich mich damals schämte, und diese Scham, vor der ich mich heute schäme.

Der Bus ist kein Fortbewegungsmittel. Für die aus dem ehemaligen Jugoslawien stammende Diaspora ist er ein Zustand, ein Nicht-Ort, der sich tief in das kulturelle Gedächtnis der Bewohnerinnen und Bewohner der Balkanländer eingegraben hat und zu ihrer Identität genauso dazugehört wie der Umstand, ständig zwischen dem Herkunftsland und dem Land, in dem sie zu Gast sind, pendeln zu müssen. Dieses Pendeln zwischen den Kulturen birgt große Möglichkeiten und Gefahren: Als fleischgewordener Widerspruch ist es den einen ein Segen, den anderen Fluch; manchen bringt es Bildung, manchen den Tod durch jahrelange Überarbeitung; manchen ist es die einzige Möglichkeit, ein anständiges Leben in einer halbwegs geregelten Demokratie zu führen, anderen die Bestätigung dafür, es nirgends schöner, besser, prächtiger zu haben als in der vermeintlichen Heimat.

Dieser Zwiespalt, immerzu auf Abruf zu leben, mit der Möglichkeit im Hinterkopf, aus dem eigenen Land abhauen zu können, ja abhauen zu müssen, prägt Gesellschaften nachhaltig, formt ihr Denken und ihr Handeln. Wie also sich in eine Mehrheitsgesellschaft integrieren, wenn das Leben zwischen den Stühlen so viel innere Unruhe in einem hervorruft; wenn der Nachbar und der Fernseher und die Zeitungen und die Politiker und der Badezimmerspiegel einem immerzu dieselben Floskeln vor die Stirn knallen: Migrant, Flüchtling, ­Tschusch, Jugo, Jude, Kanake.

Die wenigsten Menschen aus dem Westen kennen die oben beschriebenen Gefühle, weil sie nie gezwungen wurden, ihre eigenen Länder zu verlassen, und zwar in der Hoffnung, anderswo warte eine neue Heimat auf sie, ein nicht einlösbares Ticket für das wirtschaftliche Paradies, das in Wahrheit eine Hölle auf vier Rädern ist. Jenseits der Floskeln und Stuhlgrenzen ist das Leben banaler, trauriger.
Heute werde ich um 21 Uhr in Wien wieder in den Bus steigen, Richtung Belgrad. Ich weiß, irgendwo lege ich mir dieses Gastarbeitertum auch selbst zurecht, und vieles könnte sich einfacher gestalten, würde ich nur in den Flieger steigen und mir diese unsägliche Fahrt ein weiteres Mal ersparen. Doch es ist nach wie vor mein gottverdammtes Leben, das sich dort im Bus zwischen die Sitze quetscht, aus Überzeugung und Angst, die Lage an der ungarischen Grenze zu Serbien nicht in den zusammengekniffenen Arschbacken spüren zu können. Das Leben ist manchmal viel banaler – für Samstag haben sie Sturm angesagt.



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