Ich bin dafür, dass man unsere Gebärmütter in Ruhe lässt

von Kinga Tóth

Nonstop (Ausgabe III/2019)


Schon mit dem ersten Stück Papier lernt man in Ungarn eine Reihenfolge – so interpretieren das viele. Ich bin eine osteuropäische Frau (eigentlich mitteleuropäisch, da Ungarn das Herz Europas ist, zumindest stand es so in unserem Geografiebuch, und nach neuesten spirituellen Forschungen liegt auch das Herzchakra in Ungarn). Was bedeutet, dass man einen starken Akzent hat (kennen Sie schon das „rrr“?) und oft mit dubiosen Zielen nach Westen fährt, um dort zum Beispiel deutsche Männer zu fangen. Diese Wahnsinnsinterpretationen sind Sprüche, die meine Bekannten manchmal machen, nicht etwa komplett fremde Leute.

Jetzt bin ich über 35 (nur ein bisschen mehr), was bedeutet, dass meine biologische Uhr (wherever sie ist) schon tickt. Im Westen tickt sie langsamer, hier kann man over fourty noch gebären, das ist doch kein Ding, moreover, heute wollen die Frauen arbeiten und ihre Träume verwirklichen. (Das wollten sie natürlich früher auch, aber das ging auch im Westen nicht so einfach.) Anderswo bringt man öfter Opfer, sagen einige. Der Ausweis mit der Nummer zwei bestimmt eine Nummer-zwei-Position: sich zurücknehmen und füttern und alles rein halten. In Ungarn hat der Ministerpräsident und auch ein sehr berühmter Pop-Rock-Sänger (leider mein Kindheitsidol) sehr detailreich erklärt, dass Frauen biologisch so gebaut sind, dass sie das Sich-Zurücknehmen allein wegen ihrer DNA-Codierung besser hinkriegen: breitere Hüfte und schmalere Schultern bedeuten no work, „just“ Kinderproduktion und Rein-fein-halten.

So lautet das Programm, bis vierzig schafft man sogar vier Stück (Kinder), dann darf man weniger Steuern zahlen. Business des Jahres. Trotzdem kommen die reinungarischen Kinder irgendwie doch langsam. Viele gucken auf unsere Gebärmütter. Sie werden zu einem (sozial)politischen Gefäß und unsere Organbewegungen zur Produktionsgemeinschaft. Diese Stethoskope irritieren aber die Schleimhaut und die kleinen Organzellen könnten verärgert werden. Kann man noch in Ruhe Liebe machen, wenn man eine Frau ist? Jetzt spricht man doch auch über selbst gewähltes Lieben und nicht über erzwungenes. Denn ja, jetzt kommt es, wenn man eine Frau ist, dann muss man sogar darauf aufpassen: dass die Männer, dass ihr Habitat, dass ihre Kultur, dass ihr Benehmen, dass man am Abend allein doch eher nicht, dass man die Röcke so auswählt, besser Hosen, dass man, dass man, dass eigentlich Fraunummerzwei… und jetzt war das nur eine kleine Beschreibung eines Organs, und wir haben noch so viele!

Meine Monate drehen sich um dieses Gefäß, im Mai organisierte ich in Graz ein Mariamachina-Kirchenkonzert, eine Performance mit alten Marienliedern und neuen Gedichten, Sound und Musik. Im Juli beginnt das Femmes Festival in Münster. Gebärmütterinterpretationen und Gebärmütterproblematik – unabhängig von Kulturen und Zeiten stehen sie irgendwie immer im Mittelpunkt.

Noch mehr Phrasen könnte man hier singen, über Nullstunde oder den Entstehungspunkt des Lebens, all around den heiligen Gesamtkelch. Aber dann, nach der Produktion, sollte das Produkt des Gesamtkelchs auch als Gesamt(kunst)-werk behandelt werden. Nicht nur fettes Brot im Kindergarten und keine Mäuse. Mehr Essen und Bücher in den Schulen und Zukunftsaussichten und gute Luft für spätere Arbeitsjahre. Jaja, die Gebärmütter verlangen schon viel, bezahlen aber ebenso viele Steuergelder für diese Neugeneration, die nach der Einzahlung, husch (magic!), verschwindet. Genauso wie unsere Produktionslust. Ich bin, möchte gerne eine ungarischeglobaleeuropäische Frau werden mit einer frei atmenden Gebärmutter, religiös oder nicht, hyperaktiv, produktionsfähig oder schläfrig, bescheiden oder wild, ist es nicht egal? Sollte es Ihnen allen nicht eigentlich egal sein? Im Egalzustand oder wenigstens in der Ruhe funktionieren die Organe auch besser – wenn sie wollen, wenn wir es wollen.



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