Gegensätze ziehen sich an

Viola Voigt

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Bis heute wird das Thema kultureller Diversität in Deutschland wenig diskutiert. Daher schließen Michael Gleich und Peter Felixberger eine Lücke, wenn sie das Thema in „Culture Counts“ aufgreifen. Im ersten Teil des Sammelbandes nähern sich die Herausgeber der „Diversity“ zunächst aus der wirtschaftlichen Perspektive, dem sogenannten Business Case. Dabei wird nicht der Wert „Diversität“ an sich, sondern dessen wirtschaftliche Nutzbarkeit, also „Diversity Management“ verhandelt. Altbekannte Pioniere der ersten Dekade des Diversity Managements in Deutschland wie die Deutsche Bank, Daimler und Telekom werden vorgestellt. Teil zwei betrachtet „Diversity“ auf gesellschaftlicher Ebene. Dort Artikel von Joana Breidenbach und Amatyia Sen zu platzieren ist inhaltlich passend, dennoch widerspricht diese Herangehensweise dem Ziel der Herausgeber, eine populäre Darstellung von „Diversity“ zu liefern. Stattdessen dominiert hier der akademische Diskurs um kulturelle Diversität, der zwingend mit Multi-, Inter- und Transkulturalitätsdebatten verwoben ist.
Im dritten Teil wird es persönlicher: Michael Gleich und Wolfgang Schmidbauer erzählen von ihren Kontakten mit fremden Kulturen aus ihrer eigenen Vita, aus ihrer Lebenserfahrung und Berufspraxis heraus. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie der Kontakt mit fremden Kulturen gelingen kann. Diese Frage beantwortet der Psychologe Schmidbauer besonders eindrucksvoll, indem er die triangulierende Erfahrung zur interkulturellen Schlüsselkompetenz krönt: In Anlehnung an die Psychologie definiert Schmidbauer diese als „die stabile Integration des Fremden – des Dritten – [also als] einen Prozess der Distanzierung von primitiven Übererwartungen“. Eine interkulturelle Begegnung gelingt also genau dann, wenn eben nicht eine Symbiose angestrebt wird, sondern vielmehr eine Distanz bewusst gewahrt wird.
Der Sammelband von Felixberger und Gleich spiegelt die Vielfältigkeit des Themas, die zuweilen irritierend auf den Leser wirkt, wider. Es fehlt leider eine synergetische Zusammenführung der verschiedenen Perspektiven auf Diversität. In diesem Sinne ist der Band symptomatisch für den aktuellen Stand der Debatte: Was genau unter kultureller Diversität zu verstehen ist, ist auch in der Forschung noch nicht abschließend beantwortet.

Culture Counts. Wie wir die Chancen kultureller Vielfalt nutzen. Hrsg. von Peter Felixberger und Michael Gleich. Econ, Berlin, 2009.



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