Freud in Kalkutta

von Antje Stiebitz

Nonstop (Ausgabe III/2019)


Die Materie ist vielschichtig, das wird auf den ersten Seiten klar: die geschichtliche Entwicklung der frühen Psychoanalyse, ihre globale Verbreitung und die daraus entstehenden Verflechtungen. Der Historiker Uffa Jensen lässt Tiefenschärfe entstehen, indem er deutlich gliedert, was zunächst chaotisch erscheint, und gründlich seziert, was die Quellenlage hergibt.

Was bereitete Ende des 19. Jahrhunderts den Nährboden für die Psychoanalyse Sigmund Freuds? Und wie verbreitete sie sich um die Welt? Wie passt sich die psychoanalytische Bewegung in die Kulturen vor Ort ein? Uffa Jensen beschreibt die Psychoanalyse als Reisekultur, die wie ein Koffer über die Kontinente wandert. Und er verankert seine psychoanalytische Globalgeschichte in den Metropolen Berlin, London und Kalkutta.

Sein Ausgangspunkt ist die psychoanalytische Praxis von Sigmund Freud in Wien Ende des 19. Jahrhunderts. Daraufhin teilt Jensen sein Buch in vier Bereiche ein: Er zeichnet die Entwicklung der psychoanalytischen Bewegung anhand ihres institutionellen Aufbaus nach. Anschließend beschäftigt er sich mit dem Themenkomplex der Behandlung und fragt, wie das psychoanalytische Wissen Anwendung findet. Im dritten Teil des Buchs spürt er den Emotionen nach, mit denen nicht nur die Patienten, sondern auch die Analytiker konfrontiert sind: Wie wirkt die psychoanalytische Emotionspraxis und was lernen Patient und Analytiker dabei? Zu guter Letzt klärt Jensen in seiner Globalgeschichte, welchen Einfluss die Psychoanalyse auf die Politik hatte.

Den vier Themenbereichen steht jeweils ein »Schlüssellochtext« voran, der Einblick in die psychoanalytische Praxis gewährt. Dass er diese konkreten Fallbeispiele mit seinen theoretischen Überlegungen verwebt, hilft dem Leser. Denn wer bislang kaum Berührungspunkte mit der Psychoanalyse hatte, könnte angesichts der zahlreichen therapeutischen Vertreter, der analytischen Ansätze und ihrer komplexen Verbindungen untereinander ab und an ins Schleudern kommen.

Jensen wählt die Metropolen Berlin, London und Kalkutta, weil er sie als Kristallisationspunkte für psychotherapeutische Praktiken betrachtet. Hier trifft die Psychoanalyse auf Suggestion, Hypnose, Mesmerismus oder Katharsis und geht mit diesen organische Verbindungen ein. Vor dem Ersten Weltkrieg zählte die psychoanalytische Bewegung weltweit schon 162 Mitglieder. Während in Europa psychoanalytische Praxen wie Pilze aus dem Boden sprossen, zählt Jensen in Indien gerade einmal eine, und zwar in Kalkutta. Dennoch stieß die Psychoanalyse dort auf reges Interesse, sodass sich in Kalkutta 1922 eine Indische Psychoanalytische Gesellschaft gründete und 1940 dort sogar ein Krankenhaus entstand, das psychoanalytisch arbeitete. Allerdings zeige die Quellenlage, so Jensen, dass das europäische »Zentrum« das Land Indien immer als defizitär wahrnahm, gängelte und kontrollieren wollte – was letztlich die koloniale Asymmetrie widerspiegelt.

Man fragt sich beim Lesen, warum die Psychoanalytiker der damaligen Zeit so wenig übrig hatten für ein Land, das gerade im Bereich der Introspektion auf einen hohen Grad der Erfahrung blicken kann. Jensen gibt darauf teilweise eine Antwort, etwa durch die Hinweise, dass die (kulturelle) Übersetzungsarbeit Hürden aufwerfe und sehr zeitaufwändig sei. Und dass gleichzeitig die indische Geistes- und Sprachgeschichte von großer Tiefe sei und den europäischen Dualismus von Körper und Geist nicht kenne. Jensen wiederum erkennt die ungewöhnliche Arbeit des indischen Psychoanalytikers Girindrasekhar Bose an, was letzterem seinerzeit seitens der eurozentrischen Psychoanalyse verwehrt blieb.

Denn es ist unter anderem der indische Psychoanalytiker Bose, der Jensen zu der These veranlasst, dass die Psychoanalyse nicht ausschließlich von Sigmund Freud erfunden wurde: »In gewisser Hinsicht begründeten Bose, Juliusburger, Jones, Groddeck und Freud die Psychoanalyse parallel, aber nicht gleichzeitig! So konnte die Psychoanalyse an verschiedenen Orten nacheinander immer wieder aufs Neue entdeckt werden, und Freud war, wenn man so will, zwar ihr erster, aber nicht ihr einziger Erfinder.«
Wenn Jensen allerdings davon spricht, dass es in Kalkutta damals kein Behandlungsangebot für psychische Erkrankungen gab, mag das richtig sein, wenn man ein westlich-klinisches Angebot erwartet. Doch wie steht es um das lokale religiös-traditionelle Angebot für Störungen des psychisch-körperlichen Gleichgewichts? Ist das von den Psychoanalytikern überhaupt in Augenschein genommen worden?

Bei allen lokalen Unterschieden zwischen Europa und Indien diagnostiziert Jensen durchaus Ähnlichkeiten zwischen dem hinduistischen und dem psychoanalytischen Verständnis von Emotionen. Etwa psychische Prozesse als energetische Zustände und Wünsche als Triebfedern des Menschen zu verstehen. Oder die Psyche im steten Streben nach Harmonie zu begreifen. Die ausgeglichene Psyche als Idealzustand des Menschen scheint, so Jensen, eine globale Vorstellung zu sein. Gleichzeitig gibt es kulturelle Unterschiede: So stelle etwa der Begriff der Identifikation – eine radikale Variante der Empathie – im psychoanalytischen System Girindrasekhar Boses einen außerordentlich wichtigen Mechanismus dar, was in der europäischen Psychoanalyse nicht der Fall ist. Zudem habe Bose bei seinen indischen Patienten die Erfahrung gemacht, dass der Ödipus-Komplex – anders als bei Freud – eine untergeordnete Rolle spiele. Und etwas später argumentiert die Psychiaterin Ajita Chakraborty, dass die europäische Psychoanalyse vom Individuum ausgehe, das indische Selbst aber an das Familiensystem gebunden sei.

Uffa Jensen spricht der Psychoanalyse einen eindeutig politischen Charakter zu, weil sie konträre Strukturen des Selbst erkennbar macht, etwa das rational-reservierte Selbst versus das emotional-exzessive Selbst. Oder das männliche gegen das weibliche Selbst, das aufgeklärt-universalistische gegen das indigen-partikularistische, das westliche gegen das östliche Selbst und das kosmopolitische gegen das nationalistische Selbst. Psychoanalytisches Wissen floss auch in politische Debatten ein. Es spielte für den Diskurs um Feminismus, Nationalismus und Kolonialismus eine entscheidende Rolle, weil es die Frage nach den Machtverhältnissen stellte. Die feministische Psychoanalyse machte sichtbar, dass die vorhandenen Theorien das »normale« Selbst mit einem männlichen Bürger gleichsetzte. Auf ähnliche Weise machte die Psychoanalyse kolonialistische Konzepte in Freuds Denken sichtbar, etwa Analogieschlüsse, die das Ich mit dem erwachsenen männlichen Bürger gleichsetzen und den Neurotiker mit dem Wilden, dem Kind, dem Weib und der Unterschicht.
In Indien wollte der Nationalist Subhash Chandra Bose mit den Erkenntnissen der Psychoanalyse ein unabhängiges und modernes Indien voranbringen. Mit ihrer Hilfe, so erhoffte man sich in Kalkutta, würde nicht nur die Spiritualität Indiens neu entdeckt, sondern auch ihre Überlegenheit dem Westen gegenüber nachgewiesen werden können.  

Mit dem deutschen Nationalsozialismus kommt Jensens Globalgeschichte der frühen Psychoanalyse langsam zum Schluss. Viele Psychoanalytiker waren aufgrund ihrer jüdischen Identität gezwungen nach London oder in die USA zu emigrieren.

Jensen hat ein durchweg lesenswertes Buch vorgelegt, das sich tief ins globale und lokale Seelenleben versenkt und die wuchtige Kraft von psychischen Prozessen veranschaulicht. Doch vor allem macht es die Asymmetrie der bisherigen globalen ideengeschichtlichen Austauschbeziehungen zwischen den Kontinenten sichtbar. Und vermittelt ganz neben die Grundzüge der Psychoanalyse.

 Wie die Couch nach Indien kam. Eine Globalgeschichte der frühen Psychoanalyse. Von Uffa Jensen. Suhrkamp, Berlin, 2019.



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