„Ich bin Optimist“

ein Interview mit Moussa Abdoulaye

Das ärmste Land, das reichste Land (Ausgabe III+IV/2018)


Herr Abdoulaye, wie kommt ein Linguist zur Politik?

Unser Präsident ist Professor für Mathematik, der Premierminister für Geografie – Politik ist nicht auf ein Fach begrenzt. Aber die Sprache findet sich überall. Linguisten sind die besten Spione, der Sprache entkommt nichts.

Welche Rolle spielt Vielsprachigkeit in der ZAR?

Trotz der Zerrissenheit des Landes haben wir eine gemeinsame Sprache, das Sango. Jeder spricht es, so kommen die Menschen zueinander. Aber es gibt auch an die hundert andere Sprachen, die die ethnischen Gemeinschaften untereinander sprechen. Französisch ist die Sprache der Bildung. Nur wer nicht zur Schule ging, versteht sie nicht.

Wie sieht ihr Arbeitsalltag als Minister aus?

Morgens mache ich Sport, um Stress abzubauen. Dann bete ich, frühstücke, gehe durch einige Akten. Bevor ich das Haus verlasse, treffe ich Sicherheitsmaßnahmen, das heißt ich veranlasse, dass mich Soldaten mit einem Auto abholen. Im Büro erfahre ich vom Protokoll, welche offiziellen Termine anstehen. Abends habe ich Zeit für die Familie und manchmal empfange ich offizielle Gäste zu Hause.

Haben Sie immer Leibwächter um sich?

Ja. Ein Soldat schläft bei mir zu Hause und bleibt bei meiner Familie, während ein anderer mich begleitet.

Die Zentralafrikanische Republik gilt als ärmstes Land der Welt. Was bedeutet es für Sie, dort Politiker zu sein?

Ich sehe den Reichtum Zentralafrikas, denn es hat enormes Potenzial: Bodenschätze, die noch nicht erschöpft sind, Öl, Gold, Uran, Eisen, Diamanten. Es ist der gewaltsame Konflikt, der uns zurückwirft und Investoren abschreckt. Drei Viertel des Landes werden von Rebellengruppen kontrolliert.

Wie funktioniert Politik in einer solchen Situation?

»Kontrolliert« ist ein zu starkes Wort. Das klingt, als gäbe es in diesen Gebieten keine Spuren staatlichen Handelns. Wir haben aber Gesundheitszentren und Schulen in allen Regionen, im Augenblick bauen wir eine Straße nach Kamerun aus. Es ist Aufgabe dieser Regierung, die staatliche Autorität wiederherzustellen. Im Augenblick gehen alle Kräfte dahin, den Konflikt zu beenden. Denn das Land ist zerrissen. Man sieht die Menschen miteinander auf dem Markt reden, und plötzlich bricht wieder die Gewalt aus.

Was sind politische Ansätze, um die Lage zu verbessern?

Auf Initiative der Afrikanischen Union beginnt im Juli ein Dialog, um bewaffnete Gruppen, Regierung und Bevölkerung einander anzunähern und um gemeinsam nach einem Konsens zu suchen. Eine zentrale Herausforderung besteht darin, die bewaffneten Gruppen zu demobilisieren und sie wieder in die Gesellschaft oder in die Armee einzugliedern. Das geschieht seit 2015 im Rahmen des Programms DDR (Désarmement, Démobilisation, Réintegration) der Vereinten Nationen. Außerdem versuchen wir, die wirtschaftliche Lage zu verbessern: Im November 2017 haben wir ein Wirtschaftsforum für ausländische Investoren ausgerichtet, zum Beispiel aus dem Libanon und dem Jemen.

Was macht Ihnen Hoffnung auf Frieden?

Ich bin Optimist. Zentralafrika ist nicht das erste Land, das einen Konflikt überwinden musste. Ich glaube, von den Menschen selbst muss der Wille zum Frieden kommen, einander zu verzeihen, zu vergessen, an das Leben zu denken.

Vor Kurzem wurde der ehemalige deutsche Tennisprofi Boris Becker zum Sonderattaché für Kultur und Sport der ZAR ernannt. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Hier kennt so gut wie niemand Boris Becker, wir sind keine Tennisnation. Wir spielen Fußball und Basketball. Ich habe mit dem Außenminister gesprochen: Er erkennt seine Unterschrift unter Boris Beckers Ernennung nicht an, die Regierung übrigens auch nicht. Sie muss gefälscht sein.

Das Interview führte Stephanie von Hayek



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