Anleitung zur Flucht

von Kai Schnier

Das ärmste Land, das reichste Land (Ausgabe III+IV/2018)


Die gelben Flugblätter, die von der amerikanischen Organisation Invisible Children in Zentralafrika verteilt werden, beginnen wie ein Brief an Verwandte. »Nachricht an unsere Brüder« steht in großen Lettern auf den Zetteln, die an Bäumen hängen, auf Flüssen treiben und an Wegesrändern liegen. Diese Worte sind nicht zufällig so gewählt. Wenn einer der Zehntausenden Kindersoldaten, die in der Zentralafrikanischen Republik, in der Demokratischen Republik Kongo und dem Südsudan kämpfen, einen der Flyer findet, dann soll er zuerst wissen: Es gibt noch eine Familie, zu der ich zurückkehren kann. Meine Brüder warten auf mich.

Allein in der Zentralafrikanischen Republik wurden innerhalb der letzten fünf Jahre laut UNICEF-Schätzungen zwischen 10.000 und 15.000 Kinder als Kindersoldaten rekrutiert. Sowohl die vorwiegend christliche Anti-Balaka-Miliz als auch die zum Großteil muslimischen Séléka-Rebellen zwingen Mädchen und Jungen dazu, sich ihnen anzuschließen. Und auch die berüchtigte Lord’s Resistance Army (LRA), die aus den Wäldern in den Grenzregionen Zentralafrikas operiert, entführt seit Jahren Minderjährige.

Deshalb arbeiten Organisationen wie Invisible Children zusammen mit den Vereinten Nationen an Aufklärungskampagnen. Die gelben Flyer sollen Kindersoldaten nicht nur dazu anstiften, den Sinn ihres Handelns zu hinterfragen (Wofür kämpfen wir eigentlich?). Sie sollen ihnen auch konkrete Anlaufstellen aufzeigen, die sie nach ihrer Flucht aufsuchen können. Etwa die Stützpunkte der Zentralafrikanischen Armee (FACA). Ein einfaches Prinzip, das zu fruchten scheint. Rund 79 Prozent der bisher heimgekehrten Kindersoldaten nannten die Flugblätter und aufklärende Radioprogramme als Hauptgrund für ihre Flucht. 



Ähnliche Artikel

Das ärmste Land, das reichste Land (Thema: Ungleichheit)

Arm in Katar, reich in der Zentralafrikanischen Republik: Der Milliardär von Boy-Rabe

von Beaumont Karnou

Es ist kein Zufall, dass einer der reichsten Männer der Zentralafrikanischen Republik ein Politiker ist. 

mehr


Das ärmste Land, das reichste Land (Thema: Ungleichheit)

„Diamanten finanzieren Kalaschnikows“

von James Shikwati

Für den Ökonomen James Shikwati spiegeln sich in der Zentralafrikanischen Republik die Probleme eines ganzen Kontinents. Im Interview erklärt er, warum es für das Land trotzdem Hoffnung gibt 

mehr


Das ärmste Land, das reichste Land (Thema: Ungleichheit)

Das Land, das es nie gab

von Blaise N’Djehoya

Erst weißer Fleck, dann Kolonie: Wie aus Ubangi-Schari die Zentralafrikanische Republik wurde

mehr


Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Thema: Erderwärmung)

Üben für den Hurrikan

von Ivan Sanchez Aldana

Was wir Kubaner tun, wenn ein Wirbelsturm naht

mehr


Das ärmste Land, das reichste Land (Thema: Ungleichheit)

„Unsere Realität ist witzig genug“

von Hamad Al-Amari

Worüber lacht man in Katar? Der Comedian Hamad Al-Amari ergründet den Humor seiner Landsleute

mehr


Good Morning America. Ein Land wacht auf (Thema: Vereinigte Staaten)

Kein Mix

von Jerome Krase

Warum Amerika sich ganz anders zusammensetzt, als es Bevölkerungsstatistiken vermuten lassen

mehr