Poetischer Weltbürger

von Jonas Mekas

Das ärmste Land, das reichste Land (Ausgabe III+IV/2018)


Neunzig Jahre später sitze ich in Brooklyn und frage mich: Warum bin ich nicht mehr dort, in den Feldern meiner Kindheit? Mein Leben wäre bestimmt ein glückliches gewesen. Doch ich musste hinausgeworfen werden und alles, was seitdem geschah, musste passieren, um mich hierherzubringen.

1944 flohen mein Bruder Adolfas und ich in den Wirren des Zweiten Weltkrieges aus Litauen. Die folgenden beinahe sechs Jahre haben wir in Deutschland verbracht. Zunächst in einem Zwangsarbeiterlager in Elmshorn, dann als Farmarbeiter in der Nähe der dänischen Grenze. Erst 25 Jahre später sollte ich meine Familie wiedersehen. Nach dem Ende des Krieges konnten wir wegen der sowjetischen Besatzung nicht nach Litauen zurückkehren und überlebten als Heimatlose in »Displaced Person Camps« in Wiesbaden und Kassel. Es waren Jahre der Wüste. Nichts blieb uns damals. Und als wir dann 1949 in New York landeten, gab es plötzlich alles!

New York in den 1950ern war voller Energie und alles war im Wandel. Wie die Menschen lebten, alle Bereiche der Kunst, Theater, Literatur und natürlich das Kino. Ich kam genau zum richtigen Zeitpunkt nach New York. Mein ganzes Leben dort bestand nur aus Poesie.

Blicke ich zurück, dann wurden mir zehn Jahre meines Lebens von den sogenannten westlichen Zivilisationen geraubt. Zehn Jahre der Flucht und des Krieges. Aber all das habe ich vergessen, es existiert nicht mehr. Nostalgie ist etwas Wunderbares, denn man vergisst all den Horror, all die Gräuel. Wenn ich zurückdenke, dann denke ich an meine Jugend, an Momente voller Schönheit und Glück in der Natur. Darum filme ich in New York keineswegs die Hochhäuser, sondern vielleicht die kleine Pflanze, die ich irgendwo entdecke. Ich filme die Bäume.

Sehr bald, nachdem ich in New York gelandet war, hatte ich eine 16-Millimeter-Bolex gekauft und begann, mein Leben mit der Kamera zu dokumentieren. Mein gefilmtes Tagebuch ist das, was ich sehe. Ich schreibe, seit ich sechs Jahre alt bin. Aber das geschriebene Tagebuch umfasst, was ich denke. Es sind zwei ganz verschiedene Arten, die Realität zu verarbeiten. Film ist sehr viel physischer, direkter. Mein Kino ist kein mentales Kino. Ich meditiere nicht darüber und mache keine Pläne, sondern filme Fragmente dessen, was geschieht. Ich weiß nie im Voraus, was passieren wird. Es ist wie das Leben – reiner Zufall, eine automatische Reaktion auf Situationen, die ich erlebe. Ich schneide mit, lege die Kassette auf ein Regalbrett und Jahre später fällt mein Blick darauf und ich verwende es vielleicht für etwas.

Manche Menschen finden Schönheit banal. Aber ich interessiere mich nicht für hässliche, schmerzvolle Dinge. Ich filme nur Momente der Schönheit. Das poetische Kino, die Avantgarde, zelebriert die Schönheit. Darum habe ich mich mein ganzes Leben damit befasst, diese Art von subtiler Poesie zu bewahren. In den 1950ern in New York gab es viele junge Leute wie uns, den Kopf voller Ideen, aber keine Plattform, um über interessante Formen des Kinos zu reden. Wir brauchten einen Ort dafür. Darum haben mein Bruder und ich 1954 das Magazin Film Culture gegründet. Auch wenn es Film Culture seit 1996 nicht mehr gibt, wird diesen September noch eine letzte Ausgabe herausgegeben, die sich der Filmemacherin Barbara Rubin widmet. In den Folgejahren gründeten wir eine Filmemacher-Kooperative und eine Kinemathek, beides ging 1970 in den Anthology Film Archives auf. Mit über 30.000 Titeln versuchen wir zu bewahren, was im Kino schon alles erreicht wurde. Aktuell wollen wir das Archiv zu einer Bibliothek ausbauen, wofür wir immer noch nach finanzieller Unterstützung suchen.

Ich werde dieses Jahr 96 und lebe seit über sechzig Jahren in New York. In der ersten Zeit, nachdem ich meine Heimat verlassen hatte, habe ich mich immer noch sehr litauisch gefühlt. Aber ich glaube, es ist nicht gut, wenn man wie ein Pilz das ganze Leben am gleichen Ort bleibt! Es liegt in der Natur von uns Menschen zu reisen, uns neues Wissen anzueignen, zu wachsen. Ich fühle mich als Weltbürger. Ich gehöre nirgendwohin und ich gehöre überallhin.  

Protokolliert von Gundula Haage



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