Der Heiratsantrag

von Georgette Florence Koyt-Deballé

Das ärmste Land, das reichste Land (Ausgabe III+IV/2018)


Im Lauf der ersten Ferien im Dorf seiner Großmutter bemerkte Nago beim Heiler ein hübsches Mädchen. Das Mädchen gefiel ihm wirklich sehr, aber da er sich auf fremdem Boden befand, konnte er nichts machen. Schlechtes Benehmen hätte seine Chancen auf immer gefährdet. Er beschloss, mit seiner Großmutter zu sprechen, die ihm wertvolle Hinweise gab, wie man bei einem Heiratsantrag im Dorf vorzugehen habe. Da er nicht zu diesem Zweck hergekommen war, war er ahnungslos und wusste nicht, was er tun sollte. Aber wenn er ihr jetzt keinen Antrag machte, würde sie vielleicht ein anderer Anwärter vor seiner Rückkehr im kommenden Jahr umgarnen. So verständigte er sich mit seinen Eltern, die mit der Familie der zukünftigen Schwiegertochter einen Termin ausmachten. Am Tag der Verabredung begleitete er sie, sagte jedoch kein Wort. Der Vater des Mädchens fragte, was der Zweck ihres Besuches sei. Einer seiner Onkel ergriff das Wort und sagte:

»Wenn wir heute zu Ihnen gekommen sind, dann nicht ohne Grund. Es gibt da ein schönes junges Mädchen, und unser junger Mann schleicht unablässig um sie herum. Weil es ihm nicht gelingt, von hier fortzugehen, haben wir gedacht, es sei klüger, sie abzuholen, damit er keine Probleme bekommt und endlich in Frieden heimkehren kann.«

»Wir sind wie Sie der Meinung, dass man Probleme besser vermeidet, ihr Unterhalt war mit großen Investitionen verbunden.«

»Wir haben an die gedacht, die sie erzogen haben, und wir werden sie zu entschädigen wissen. Wir kommen später wegen der Mitgift, doch im Augenblick wollen wir nur ein Heiratsversprechen.

»Da müssen Sie sie fragen, was sie davon hält. Ihre Antwort ist auch unsere.«

Man ließ das Mädchen kommen. Mit gesenktem Blick sagte sie, dass sie keinen Nachteil darin sehe, wenn ihre Eltern einverstanden seien. So akzeptierten die Eltern die für die Verlobung mitgebrachten Geschenke und das Geld.

Im folgenden Jahr kehrte Nago in das Dorf zurück. Diesmal hatte er das Recht, seine Verlobte zu besuchen, und das ließ er sich nicht nehmen. Sie nutzten die Zeit, um sich gegenseitig kennenzulernen. Als Einzelkind entdeckte Nago, welche Freude es ihm machte, von Jüngeren umringt zu sein. Er verbrachte wunderbare Momente beim Spielen mit den jüngeren Brüdern und Schwestern seiner Verlobten. Sie war die zweite Tochter der dritten Frau ihres Vaters in einer Familie mit 25 Kindern. Vor den älteren Geschwistern zeigte er Respekt und begleitete sie auch zur Jagd, zum Fischen und auf die Felder. Gleich bei seiner Ankunft wurde ein Termin für die Zeremonie der Mitgiftübergabe vereinbart. An jenem Tag begaben sich die Mitglieder seiner Familie zum Vater der Verlobten, wo sie von der ganzen Familie in Empfang genommen wurden. Nach dem Austausch von Höflichkeiten sagte der Älteste der Gruppe:

»Wir haben unseren Schatz letztes Jahr bei Ihnen gelassen und sind nun gekommen, um sie zu holen.«

»Wir haben uns um sie gekümmert.«

»Danke Ihnen. Wir haben auch an das gedacht, was Ihnen zusteht.«

Er wandte sich um und die anderen Familienmitglieder traten mit den vorgesehenen Geschenken nach vorn und legten sie unter dem wachsamen Blick des jüngsten Onkels väterlicherseits, der den großen Kammerherrn gab, auf einer Matte ab: Stoffe, ein Schal und Schuhe für die Mutter, Schuhe und einen Anzug für den Vater, eine Machete, eine Hacke, eine Lanze, ein Beil, eine Schüssel mit Räucherfleisch, geräucherten Fisch, verschiedene Gemüse, eine Schachtel Streichhölzer, Salz, Zucker, Kaffee, einen Sack Maniok und eine weitere Schüssel mit Geschirr. Man brachte außerdem eine Ziege, zwei Hühner und eine Korbflasche Palmwein. Danach trat Nagos Onkel vor und überreichte dem großen Kammerherrn einen Umschlag mit Geld. Letzterer übergab den Umschlag dem Familienältesten, der das Geld öffentlich zählte, »hunderttausend CFA-Francs« verkündete und dann alles einsteckte. Die Frauen klopften mit der Hand auf den Mund und stießen dabei Jubelschreie aus: »Jilili lili lili lili!« Der große Kammerherr erklärte: »Vielen Dank. Sie können Ihre Frau holen.«

Die künftige Ehefrau, versteckt in der väterlichen Hütte, war jedoch nirgends zu sehen. Ihre Schwägerinnen eilten in das Haus, um sie zu holen, doch die Tür des Zimmers, in dem sie festgehalten wurde, war geschlossen und wurde von älteren Frauen bewacht, die sie nicht gehen ließen. Die Schwägerinnen zahlten, wie es die Tradition verlangte, den Frauen einen Brautpreis, woraufhin diese den Weg freimachten. Damit war die Heirat besiegelt. Die Tanten des Mädchens väterlicherseits begleiteten sie auf dem Weg zu ihrem Ehemann und man servierte Getränke. Die Familie des Mädchens bot im Gegenzug ein gegrilltes Zicklein, zwei große Töpfe mit Essen und mehrere Flaschen Getränke, die die Familie des Jungen zu ihrer Hütte brachte, weil die Familie des Ehemanns nicht am selben Ort wie die Familie der Schwiegertochter essen durfte. Beide Familien feierten für sich. Es gab Speisen und Getränke in Hülle und Fülle. Das Tamtam und das Balafon ließen sich nicht lange bitten, um zum Tanz aufzuspielen. Die Braut feierte in ihrer neuen Familie. Nagos Großmutter war so froh, dass sie aufgestützt auf ihren Stock einige Tanzschritte tat. Nagos junge Frau tanzte ebenfalls, ihre im Rhythmus geschüttelten Schultern waren so weich, dass man meinte, sie hätte keine Knochen. 

 Aus dem Französischen von Claudia Kotte



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