Wir sind Mütter, wir sind wütend

von Marie-Thérèse Boubande

Das ärmste Land, das reichste Land (Ausgabe III+IV/2018)


Es gibt keine Frau in der Zentralafrikanischen Republik, die nichts verloren hat. Viele von uns haben ihren Mann verloren, andere ihre Kinder. Vielen wurde der Besitz gestohlen oder die Häuser zerstört. Manchen von uns wurde Gewalt angetan. In den Jahren der Krise seit Dezember 2012 wurden wir alle auf die eine oder andere Art traumatisiert. Doch trotz alledem verlieren wir nicht den Mut! Denn wir Frauen sind es, die vorangehen müssen. Wir vermitteln unseren Kindern eine neue Haltung gegenüber der Gewalt.

Wir sind Katholikinnen, Protestantinnen und Muslimas.  Wir sind alle Schwestern. Vor der Krise gab es das nicht, diese Trennung entlang von religiösen Grenzen. Wir haben zusammen gelebt, zusammen gegessen, wir waren Nachbarn. Jetzt leben wir alle in separierten Vierteln, die Angst geht um. Das ist es, was die Krise macht: Sie trennt uns und erzeugt Angst, die uns lähmt. Séléka-Milizen haben die Häuser von Christen angezündet und Anti-Balaka-Milizen muslimische Häuser. Die Menschen sehen den Tod und sagen: Das waren Muslime, darum ist mein muslimischer Nachbar ein Feind. Oder andersherum. Aber so zu denken führt in eine Sackgasse. Das Herz muss entwaffnet werden. Darum veranstalten wir viele gemeinsame Aktivitäten, zum Beispiel interreligiöse Gebetstage und Diskussionsrunden. Wir diskutieren über Toleranz, die Liebe, den Frieden, die Versöhnung. Die großen Themen des Menschseins. Wir sprechen mit den Menschen und sammeln für sie Kleidung und Gebrauchsgegenstände von Menschen, denen es besser geht. Und wenn möglich, unterstützen wir Frauen dabei, ein kleines Unternehmen zu gründen, damit sie sich selbst versorgen können.

Eine unserer größten Aktionen war 2017 ein Friedensmarsch in der Provinzhauptstadt Yaloké. Wir waren zunächst eine Gruppe von Protestantinnen und Katholikinnen und haben gemeinsam beschlossen, dass wir uns mit Muslimas vernetzen müssen. Viele Muslime leben in Flüchtlingscamps. Sie haben große Angst getötet zu werden, wenn sie die Camps verlassen. Darum sind wir zu ihnen gegangen und haben sie eingeladen, mit uns das Camp zu verlassen. Wir sind gemeinsam marschiert und haben gerufen: »Nein zum Krieg! Wir wollen Frieden!«

Gemeinsam wollen wir die Gewalt beenden. Wir haben genug davon. Wenn man Veränderung erreichen will, ist es nicht wichtig, wer den Anfang macht. Wichtig ist nur, dass es weitergeht. Unsere Idee ist darum, dass wir als Frauen ein­ander Halt geben und mit Rat und Tat beistehen. Jede einzelne Frau kann wiederum ihren Ehemann und ihre Kinder für den Frieden sensibilisieren, und so geht es weiter.

Um den Krieg zu beenden, müssen die Menschen zuerst entwaffnet werden. So viel Unheil geschieht, weil jeder eine Waffe hat. Darum gehen wir zu den bewaffneten Gruppen, zu den Séléka und zu den Anti-Balaka. Und wir sagen ihnen: »Legt die Waffen nieder! Wenn wir Frauen zu euch kommen können, dann könnt ihr Männer auch aufhören zu kämpfen.« Oft sind diese Männer gar keine Feinde des Friedens. Aber sie wissen manchmal nicht mehr, wie man aufhört zu kämpfen. Dabei muss man nur den ersten Schritt machen und heraustreten aus der Spirale der Gewalt. Natürlich habe ich Angst, wenn wir zu den bewaffneten Gruppen gehen. Angst, getötet zu werden, denn so viele Menschen sterben in meinem Land. Aber gemeinsam sind wir Frauen mächtig. »Wir sind Mütter! Wir sind wütend!«, das ist es, was wir ihnen sagen.

Oft wollen die Kämpfer nicht zuhören, aber dann sage ich: »Wir alle sind wie deine Mutter! Ich habe dich in meinem Bauch getragen, für neun lange Monate. Ich habe dich genährt. Ich habe dich zum Leben geboren, nicht zum Töten! Und jetzt komme ich, um dir zu sagen, dass der Krieg aufhören muss!« Dann schauen sie uns lange an und hören zu.

Ich glaube, dass sich das Verhalten der Politiker und der ganzen Bevölkerung langsam ändern wird. Denn wir sind alle Brüder und Schwestern, gemeinsam finden wir Lösungen. Der Frieden ist schon unter uns, er hat bereits begonnen.

Protokolliert von Gundula Haage



Ähnliche Artikel

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Thema: Erderwärmung)

Verlassene Dörfer

von Ben Orlove

Die Hirten in den peruanischen Anden wissen, dass sie sich an den Klimawandel nicht anpassen können

mehr


Das Deutsche in der Welt (Editorial)

Editorial

von Jenny Friedrich-Freksa

Unsere Chefredakteurin wirft einen Blick in das aktuelle Heft

mehr


Das Paradies der anderen (Thema: Malediven)

Entmachtete Frauen

von Emma Fulu

Von mächtigen Herrscherinnen bis zur Vollverschleierung: Wie sich die Rolle der Frauen wandelte

mehr


Das Deutsche in der Welt (Thema: Deutschsein)

Liebe zum Detail

von Anja Pietsch, Beatrice Winkler

Wie ein Mercedes-Manager, eine Diplomatengattin und ein Unternehmensgründer in Damaskus leben

mehr


Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Thema: Erderwärmung)

„Schwimmende Städte sind bezahlbar“

von Hubert Savenije

Es gibt bereits gute Ideen, sich vor Überschwemmungen zu schützen. Der Wasserexperte über Pegelstände in den Niederlanden, Tansania und Bangladesch

mehr


Das Deutsche in der Welt (Thema: Deutschsein)

Spätzle to go

von Carmen Eller

Das Phänomen der deutschen Kneipe im Ausland. Eine Ortsbegehung in New York

mehr