Was von Ungarn übrig blieb

von György Dalos

Das ärmste Land, das reichste Land (Ausgabe III+IV/2018)


In der Mitte der 1990er-Jahre fuhr ich von Bratislava nach Budapest und kaufte mir aus Versehen das billigste Ticket, das für den neuen Eurocity ungültig war. Kaum fuhr der Zug los, kontrollierte mich der slowakische Schaffner und sagte mir: »Mein Herr, Ihr Ticket wird von der Grenze ab ungültig und Sie werden dort eine Strafe von 2.500 Forint zahlen müssen.« Nach einer halben Stunde, bereits auf dem Gebiet meines Heimatlandes, meldete sich der ungarische Schaffner und wiederholte fast wortwörtlich den Satz seines slowakischen Kollegen: »Mein Herr, Ihr Ticket ist ungültig und Sie müssen 2.500 Forint Strafe zahlen.« Dann aber zwinkerte er mir zu und sagte: »Wissen Sie was? Lassen wir den Staat aus dem Geschäft heraus. Sie zahlen mir 1.000 Forint und können meinetwegen in der ersten Klasse weiterreisen.« Ich bin kein Freund der Korruption, aber auf dieses Angebot hin fühlte ich eine Wärme ums Herz – endlich bin ich in Osteuropa gelandet.

Mütterlicherseits kommt meine Familie aus der Kleinstadt Alsókubin, der väterliche Stamm lebte in der Banater Kleinstadt Lugos. Beide jüdischen Sippen waren Mitte des 18. Jahrhunderts angesichts des rigorosen Antisemitismus des Preußenkönigs Friedrichs des Großen in das Reich der vermeintlich toleranteren Kaiserin Maria Theresia ausgewandert. So galten ihre Nachfahren als Ungarn und wechselten, ihr Jiddisch allmählich vergessend, zum Ungarischen über. Mit dem Emanzipationsgesetz von 1867 erhielten sie den Status gleichrangiger Bürger der Österreich- Ungarischen Monarchie. Inzwischen liegt der Geburtsort des einen Familienzweigs in der nördlichen Slowakei und heißt Dolný Kubín, während die andere Kleinstadt heute den Namen Lugoj trägt und zu Rumänien gehört. Diese merkwürdige Konstellation war ein Ergebnis des Friedensvertrags von Trianon vom Juni 1920.

Als Verlierer des Ersten Weltkriegs wurde das Königreich Ungarn mit diesem Vertrag verpflichtet, insgesamt 325.000 Quadratkilometer, sechzig Prozent seines Vorkriegsgebiets, an seine Nachbarn Tschechoslowakei, Rumänien, Jugoslawien und Österreich abzutreten. Dreißig Prozent seiner Einwohner lebten nun außerhalb der Landesgrenzen. Auf den übrig gebliebenen 93.000 Quadratkilometern – in der Öffentlichkeit mit bitterem Selbstspott »Rumpfungarn« genannt – entstand ein relativ homogener Nationalstaat. Zu den verlorenen Gebieten gehörten auch Städte, in denen sich die wichtigsten Ereignisse der ungarischen Geschichte abspielten: etwa die Krönungsstadt und Sitz des Landtags Pozsony (heute Bratislava), Siebenbürgens Metropole Kolozsvár (Cluj- Napoca), der Geburtsort des Königs Matthias, dessen Denkmal bis heute den Hauptplatz schmückt, sowie die Stadt Arad, in der die Generäle der Revolution 1848/49 von den Habsburgern hingerichtet wurden. Abgesehen von den tatsächlichen territorialen und demografischen Verlusten verursachte die derart festgeschriebene Geografie einen enormen psychologischen Schock bei der ungarischen Gesellschaft. Trianon ist für das Nationalbewusstsein auch fast ein Jahrhundert später immer noch jederzeit abrufbar. Zudem stand Ungarn im Zweiten Weltkrieg wieder auf der Verliererseite, und die Alliierten sahen keinen Grund, den Friedensvertrag vom 1920 zu Ungarns Gunsten zu revidieren.

Die Zementierung der Moskauer Dominanz in Ostmitteleuropa bedeutete unter anderem, dass die von Moskau abhängigen Staaten offiziell als »Bruderländer« galten. Gespräche über die historischen Konflikte ebenso wie über die Lage der millionenstarken Minderheiten wurden jahrzehntelang tabuisiert. Erst der Zusammenbruch der Diktaturen gab die Hoffnung auf eine Annäherung in demokratischer und europäischer Perspektive.

In den Tagen der rumänischen Revolution, Ende Dezember 1989, fuhren Ungarn scharenweise in das Nachbarland, um den Menschen elementare Hilfe zukommen zu lassen – und zwar keineswegs nach ethnischen Gesichtspunkten. In Budapest fand ein ökumenischer Gottesdienst statt, an dem Geistliche der ungarischen Kirchen vor einer großen Menge für das Nachbarland beteten – unter ihnen ein Rabbiner, der in sein auf Hebräisch gesprochenes Gebet rumänische Städtenamen einschloss. Allerdings blieb die wirkliche Versöhnung aus. Die enormen Schwierigkeiten der Transformation und die Instabilität der neuen demokratischen Ordnung sorgten für neue Spannungen und begünstigten populistische Strömungen, welche soziale Unzufriedenheit in nationalistische Emotionen umzumünzen vermochten. So versucht auch die Regierung von Viktor Orbán das Trauma von Trianon für seine Politik profi tabel zu machen. Durch ein Staatsbürgerschaftsgesetz erhielten Hunderttausende Ungarn in den Nachbarstaaten nicht nur einen Reisepass, sondern auch das Wahlrecht – eine beinahe off ene Jagd auf »kostenlose« Wählerstimmen bei den Parlamentswahlen im April 2018. 96 Prozent der in den Nachbarländern wohnenden Ungarn votierten für Fidesz und garantierten durch ihre mehr als 200.000 Stimmen die Mandate, welche die Regierungspartei zur Beibehaltung ihrer knappen Zweidrittelmehrheit brauchte. Wie sollten wir unsere Traumata behandeln? Sollten wir den Rat des ungarischen Schaff ners beherzigen – »den Staat aus dem Geschäft herauslassen« –, vielleicht wäre das die Lösung für unsere Probleme? Dann könnten wir spätestens zum hundertsten Jahrestag des Friedens von Trianon im Sommer 2020 unseren Phantomschmerz als geheilt betrachten.



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